Mit Spritze ins Spital

24. Februar 2020 14:27; Akt: 24.02.2020 18:15 Print

Tochter verurteilt, weil sie Vater erlösen wollte

Eine Schweizerin wollte mit einer Luftinjektion ihren betagten Vater im Triemlispital von seinen Leiden erlösen. Das Gericht hat sie am Montag verurteilt.

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Ein 87-jähriger Zürcher war im Februar 2018 nach einem Schlaganfall von einem Pflegeheim ausserhalb der Stadt auf die Intensivstation des Zürcher Triemlispitals überführt worden. Gesundheitlich ging es dem dementen Patienten sehr schlecht, er konnte kaum essen und trinken, ohne sich zu verschlucken.

Der Zustand ihres Vater machte der Tochter schwer zu schaffen. Sie glaubte, dass ihm durch den Schlaganfall auch noch seine letzte Freude, das Essen und Trinken, genommen worden sei, wie in der Anklageschrift steht. Am 21. Februar 2018 begab sich die Bankangestellte ins Spital – mit dabei hatte sie eine Einweg-Kunststoffspritze.

Luft in die Vene spritzen

Als sie ihren schlafenden und leidenden Vater sah, fasste sie den Entschluss, ihn von den Leiden zu erlösen. Sie öffnete den Verschlussdeckel des Venenkatheters in seinem Arm und setzte die Spritze an. Sie wollte Luft in die Vene spritzen und damit eine Embolie und den Tod ihres Vaters herbeiführen.

Es blieb beim Versuch. Laut Anklageschrift hätten mehrere Spritzinhalte mit Luft in die Venen verabreicht werden müssen. Die Frau sei jedoch davon ausgegangen, dass es nur wenig Luft brauche, um eine Embolie zu verursachen. Zudem hatte das Pflegepersonal, das den Patienten auf der Intensivstation per Monitor überwachte, den Vorgang bemerkt. Eine Ärztin stellte die Frau darauf zur Rede.

Einen Tag im Gefängnis

Die Tochter wurde verhaftet und sass einen Tag im Gefängnis. Der Vater wurde ins Altersheim zurückverlegt, wo er rund einen Monat später eines natürlichen Todes starb. Die Frau ist geständig.

An der Verhandlung vom Montag sagte die Frau unter Tränen, dass ihr die ganze Sache leid tue. «Ich wollte meinen Vater erlösen, nicht umbringen.» Ihr Vater habe immer zum Ausdruck gebracht, dass so nicht mehr leben wolle. Alles sei an ihr gehangen und über den Kopf gewachsen. Rückblickend sei es «ein Seich gewesen». Sie würde es nie mehr machen.

Freiheitsstrafe gefordert

Der Staatsanwalt plädiert auf versuchte vorsätzliche Tötung und eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren. «Tötung auf Verlangen hat an jenem Tattag nicht vorgelegen, der Vater hat geschlafen und war auch nicht mehr urteilsfähig», sagte er. Auch Totschlag verneinte der Staatsanwalt. Es habe keine entschuldbare heftige Gemütsbewegung vorgelegen. Die Frau hätte psychologische Hilfe beanspruchen können und der Vater sei in guter ärztlicher Pflege gewesen.

Dass der Staatsanwalt mit den geforderten zwei Jahren den Strafrahmen von fünf Jahren für vorsätzliche Tötung massiv unterschritt, begründete er damit, dass es sich nur um einen Versuch gehandelt habe, dass ein Geständnis vorliege und die verzweifelte Beschuldigte unter grosser seelischer Belastung gestanden habe.

«Luft hätte nicht gereicht»

Ihr Anwalt verlangte einen Freispruch. Seiner Mandantin sei es nicht gelungen, die Spritze auf den Katheder zu setzen und den Hebel zu öffnen. Sie habe auch keine Luft hineingedrückt. «Es ist bei einem untauglichen Versuch geblieben.» Und wenn auch die Frau Luft in den Katheter gespritzt hätte, so hätte dies mit der kleinen Spritze niemals für eine Embolie gereicht. «Deshalb soll das Gericht von einer Bestrafung absehen», so der Anwalt.

Das Gericht verurteilte die Frau am Montag zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten, wie vom Staatsanwalt gefordert, allerdings wegen versuchtem Totschlag. «Aktive Sterbehilfe ist strafbar», begründete der vorsitzende Richter das Urteil. Sie habe aber in entschuldbarer seelischer Belastung gehandelt.

(hoh)