Friedhof Sihlfeld

06. Juli 2018 05:52; Akt: 06.07.2018 05:52 Print

«Den Trauerautomaten finde ich pietätlos»

Taschentücher und Teebeutel kann man aus dem Trauerautomaten beim Friedhof Sihlfeld beziehen. Besucher sind empört. Doch die Macherin sieht das Objekt als Kunst.

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Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Selecta-Automat. Doch der sogenannte Trauerautomat steht nicht an einem Bahnhof, sondern beim Eingang des Friedhofs Sihlfeld. Eine Leser-Reporterin ist empört: «So etwas hat nichts auf einem Friedhof verloren», so die 28-Jährige. Die Leute seien hier zum Trauern: «Ein solcher Automat ist für mich pietätlos.»

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Irritierend findet sie auch die Gegenstände darin, die zwischen zwei und zwölf Franken kosten: «Was haben Teebeutel oder Seifenblasen darin verloren? Kerzen und Taschentücher sind ja noch akzeptabel.» Für sie hinterlässt das Ganze einen faden Beigeschmack: «Da geht es doch um Vermarktung.» Ihrer Meinung nach will jemand auf Kosten der Trauernden Geld machen, und das sei besonders geschmacklos und verwerflich.

«So aus dem Kontext gerissen, verstehe ich natürlich die Aufregung», sagt Lea Hofer. Die 24-jährige Design-Studentin hat den Trauerautomaten im Rahmen ihrer Bachelorarbeit entworfen – für sie ist er Kunst. Ursprünglich wollte sie ihn beim Bellevue oder in der Badi Letten platzieren: «Also an Orten, an denen Trauer aus dem Stadtbild verschwunden ist», so Hofer.

«Die Kritik will ich so nicht gelten lassen»

Da aber auf dem Friedhof Sihlfeld ab Ende August eine Ausstellung zum Thema «Wohnungsräumung nach einem Todesfall» stattfindet, wurde in Absprache mit der Institutionsleiterin vom Friedhof-Forum entschieden, das Kunstwerk dort einzubinden.

«Natürlich haben wir intern diskutiert, ob man den Trauerautomaten an einem sensiblen Ort wie dem Friedhof aufstellen sollte», so Friedhof-Forum-Leiterin Christine Süssmann. Man habe aber die Idee interessant gefunden. «Der Automat soll zum Diskutieren und Nachdenken anregen.»

Das sieht auch die 24-jährige Gestalterin so. Für sie ist der Trauerautomat alles andere als pietätlos. «Trauer hat in der heutigen Leistungsgesellschaft kaum mehr Platz. Zwischenmenschliche Kontakte werden immer mehr durch Selbstbedienung an Geräten ersetzt.» Der Trauerautomat soll daher aufgreifen, was längst Tatsache ist.

Symbolische Bedeutung der Gegenstände

Zudem wurden die 20 Objekte im Automat sorgfältig von der Studentin der Kunsthochschule in Gesprächen mit Trauernden, Pflegepersonal, Sterbebegleitern, Ritualbegleitern und Theologen rückbesprochen, entworfen und ausgewählt. «Die Gegenstände haben eine symbolische Bedeutung.»

Das Papierschiff soll zum Beispiel die Trauer treiben lassen, die Trauerschleife die Trauer gegen aussen tragen und der Rosenkranz die Verbundenheit aufzeigen. Der Teebeutel und die Seifenblasen stehen wiederum für Entschleunigung: «In unserer dynamischen Gesellschaft sollen sich die Leute mehr Zeit nehmen und auch schmerzlichen Gefühlen wie Trauer intensiver Beachtung schenken», so Hofer. Auch soll der Automat Trost spenden. «Darum stehen Taschentücher, Vergissmeinnicht oder Grabkerzen zum Verkauf.»

Die 24-Jährige musste den Automaten seit letztem Donnerstag bereits nachfüllen. Mit den Einnahmen plane sie, die Produkt- und Verpackungswelt zu optimieren. «Für das Entwerfen benötige ich aber Material, und dieses ist leider nicht günstig», so Hofer. Sie habe aber auch schon Anfragen für weitere Ausstellungen. Nun wird ihr Kunstwerk aber bis November 2019 mal beim Friedhof Sihlfeld stehen bleiben.

(mon)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Conker_CH am 06.07.2018 06:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Idee

    Der Automat passt doch in unsere Mechanische Welt, wo alles möglichst schnell gehen muss. Mir gefällt die Ide dahinter und ist nicht so ne 0815 arbeit. Ich denke nicht das die Studentin damit die Gefühle anderer verletzen will, es fühlt sich aber immer irgendwer verletzt. Das mit dem Tod geld verdient wird ist aber auch nichts neues.

  • Rssr am 06.07.2018 07:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Idee ok - Preise nicht

    Die Idee dahinter ist gar nicht so abwegig. Ich finde viel mehr die Preise der Produkte überteuert. 4.50 Chf. Für 2 Beutel Tee? Da trauere ich gleich 2x. Einmal um die Person und einmal um mein Geld.

  • Meitschibei II am 06.07.2018 06:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trauerarbeit

    Ich glaube kaum, dass sich jemand Zeit nimmt und die Kraft hat, sich in dieser traurigen Phase zu Diskussionen anregen zu lassen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alle wollen mein Geld am 06.07.2018 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    So traurig

    Die Preise sind aber echt schweizerisch, da trauert man gleich doppelt, einmal ums Geld und zweitens ab dem Verstorbenen.

  • Mariam am 06.07.2018 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bewilligung erhalten!!

    Will der sogenannten Künstlerin nichts unterstellen, aber mit 24ig hat man wahrscheinlich selber noch keine grosse Erfahrung mit der Trauer! (Glücklicherweise) Deshalb ist sie bei mir entschuldigt! Aber dass sie die Bewilligung von der Friedhof-Forum Leiterin bekommen hat den Automaten auf dem Friedhof aufzustellen ist doch allerhand!!

  • Roger am 06.07.2018 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Muss ich nicht akzeptieren

    Nur weil es Kunst sein soll, muss ich es nicht gutheissen und akzeptieren. Ich denke gerade auf einem Friedhof sollte jeder mehr an die anderen denken, als an sich selbst. Kunst ist kein Freibrief für jede Handlung.

  • lola am 06.07.2018 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    why not

    Ich finde es Schade das es ein Automat ist und dass die Preise eher zu hoch sind. Ein diskreter "Friedhofladen" fände ich persönlicher. Mit einer Verkäuferin oder Verkäufer mit dem man evt. auch ein paar Worte tauschen kann wenn man möchte. Der Automat finde ich irgendwie zu sehr "Wegwerfgesellschaft".

  • Spartan am 06.07.2018 12:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Letztendlich

    Marketing und Geldmacherei...