Kilchberg ZH

09. Juni 2016 18:08; Akt: 09.06.2016 19:18 Print

Tschetschenische Familie ist ausgeschafft

Die tschetschenische Familie M., die zuletzt in Kilchberg ZH Kirchenasyl erhalten hatte, ist ausgeschafft worden. Sie ist am Donnerstag nach Russland geflogen worden.

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Die Rückführung der sechsköpfigen Familie M.* sei einvernehmlich erfolgt, teilte die kantonale Sicherheitsdirektion am Donnerstagabend mit. Auf ihrem Flug nach Moskau wurde die sechsköpfige Familie von Kantonspolizisten, einem Arzt sowie einer Begleitperson der Kommission zur Verhütung von Folter begleitet.

Wie es bei der Zürcher Sicherheitsdirektion auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA hiess, leistete die reformierte Landeskirche einen wichtigen Beitrag zur Rückführung. Kirchenvertreter hätten mehrmals Gespräche mit der Familie geführt. Dank diesen habe die Ausreise schliesslich einvernehmlich abgewickelt werden können.

Unterstützungskomitee ist bestürzt

Konsternation darüber herrscht beim Unterstützungskomitee Hierzuhause.ch, das sich seit Monaten für den Verbleib der Familie in der Schweiz starkgemacht hatte. «Die Kinder werden nun von offizieller Seite ihres Lebensmittelpunkts beraubt und in ein Land abgeschoben, dessen Sprache und Kultur ihnen fremd ist», wird Ronie Bürgin vom Komitee in einer Mitteilung zitiert. Man bleibe mit der Familie in Kontakt.

Die Behörden hatten den Ausschaffungsentscheid unter anderem damit begründet, dass Kinder, die sich so schnell an eine Umgebung anpassen und rasch die Sprache lernen, auch anderswo integrierbar seien – also auch in Tschetschenien.

«Wir haben Angst»

Laut dem Komitee habe der Druck der vergangenen Monate für das Elternpaar und die vier Kinder das zumutbare Mass überschritten und letztlich nur die Rückkehr zugelassen.

«Wir haben Angst vor dem, was uns in Russland erwartet, aber wir haben keine andere Wahl. Die Kinder brauchen grösstmögliche Stabilität», wird der Vater der Familie M. in der Mitteilung zitiert. «Wir danken der Bevölkerung in Kilchberg und der reformierten Kirche von ganzem Herzen für die grosse Unterstützung. Auch Freunde zu verlassen, tut weh.»

Familie M. hatte vor fast fünf Jahren in der Schweiz um Asyl gebeten mit der Begründung, der Vater sei in Tschetschenien gefoltert worden. Trotz diverser ärztlicher Gutachten fiel der Asylentscheid negativ aus. Hierzuhause.ch sammelte daraufhin Unterschriften für den Verbleib der Familie in der Schweiz.

Zwei Ausschaffungsversuche seitens der Behörden misslangen in den letzten Monaten. Zuletzt erhielt Familie M. Asyl in der reformierten Kirche von Kilchberg.

«Professionell und korrekt»

Der erste, missglückte Ausschaffungsversuch wurde Thema im Zürcher Kantonsrat. Parlamentarier von SP, Grünen und AL kritisierten ihn als unverhältnismässig. Der Regierungsrat stellte sich jedoch auf den Standpunkt, dass die Beteiligten «professionell und korrekt» vorgegangen seien.

Auch die Verhältnismässigkeit sei gewahrt worden. Schliesslich habe die Familie ausreichend Gelegenheit gehabt, das Land freiwillig und selbständig zu verlassen.

*Name der Redaktion bekannt

(20M/sda)