Protest in Predigerkirche

31. Dezember 2008 14:27; Akt: 08.01.2009 16:13 Print

Unbehandelt, abgehandelt, auszuschaffen

von Katharina Bracher - In der Schweiz will man den Äthiopier Berhanu nicht mehr, in seinem Heimatland wartet Gefängnis oder der Tod auf ihn. Das Leben des ehemaligen Regierungsmitarbeiters nahm einen harten Verlauf, aber nicht hart genug, um in Zürich als Härtefall zu gelten.

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Berhanu ist fünfzig Jahre alt. Das ist sechs Jahre älter als die durchschnittliche Lebenserwartung eines Äthiopiers. «Ich habe wohl einige Jahre von jemand anders gestohlen», sagt Berhanu. Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Erde. Fast die Hälfte der Einwohner ist unterernährt. Jahrzehnte voll Überschwemmungen und Dürreperioden zerstörten die Haupteinnahmequelle der Menschen: Die Landwirtschaft. Hungerkatastrophen waren die Folge.

Hoffnung auf «demokratische Heilung»

Wie Mitte der 1980er-Jahre, in denen Berhanu, der Agrarökonomie studiert hatte, als Koordinator für die Hilfsaktionen in den Katastrophengebieten eingesetzt wurde. Unter dem Eindruck der Leidensgeschichte seiner Landsleute kam Berhanu nach dem Sturz der Mengistu-Regierung in die Region von Gambela an der Grenze zum Sudan. Dort arbeitete er für die neue Regierung. Die Hoffnung auf eine, wie Berhanu sagt, «demokratische Heilung» seines Landes zerschlugen sich aber rasch. Nach dem baldigen Sturz der Regionalregierung wurden sämtliche Mitarbeiter inhaftiert. Bernhanu befand sich zu diesem Zeitpunkt in Den Haag auf einem Weiterbildungslehrgang. Zwei seiner Kollegen reisten zurück nach Äthiopien. Von ihnen hat Berhanu nie wieder gehört. Keiner weiss, was ihnen zugestossen ist. Für Berhanu war eine Rückkehr in seine Heimat nur noch unter Lebensgefahr möglich.

Familie bedroht

«Ich hatte nicht vor, mich hier niederzulassen, ich brauchte einen sicheren Platz, wo ich vorübergehend bleiben konnte.» Darum kam Bernahu damals im Frühjahr 2000 nach Genf, denn in Holland konnte er nach Ablauf seines Visums nicht bleiben.

Acht Jahre, zwei abgelehnte Asylgesuche und unzählige Rekursanträge später sitzt Berhanu im Zähringer Café in Zürich neben der besetzten Predigerkirche und zieht an einer Zigarette. Für einige Jahre hatte er ein normales Leben: Er arbeitete, hatte eine eigene Wohnung und kam selbst für seinen Unterhalt auf. Seine Arbeitgeber stellten ihm die besten Arbeitszeugnisse aus. Sie hätten ihn gerne behalten. Doch dann kam der letzte definitive Bescheid. Obwohl Berhanu den Schweizer Behörden seine Geschichte mit Dokumenten belegen kann, lehnt das Migrationsamt seinen Antrag auf Asyl ab. Berhanu ist es von da an nicht mehr erlaubt, zu arbeiten. Er verliert seine Arbeit, seine Wohnung. Doch an eine Rückkehr nach Äthiopien ist nicht zu denken.

Da er für die Zentralregierung unerreichbar war, bestrafte man an Bernahus Stelle seine Familie. Der Bruder verlor seinen Arbeitsplatz und seine Eltern wurden bedroht. Berhanu spricht daher selten und nur dann mit ihnen, wenn er einen sicheren Platz organisieren kann, an welchem er sie anrufen kann.

«Gebt mir bitte noch etwas Zeit»

Berhanu träumt immer noch davon, zurückzukehren. Doch dass kann er nur, wenn sich die politische Verhältnisse in seinem Land ändern und er nicht mehr um sein Leben fürchten muss. Darum engagiert er sich seit einigen Jahren von der Schweiz aus für Demokratie in Äthiopien. Er steht in Kontakt mit Anhängern der unterdrückten regierungskritischen Opposition von Äthiopien.

Seit Anfang 2008 lebt Berhanu nun im Nothilfezentrum in Kempthal. Das Härtefallgesuch, dass Berhanu zusammen mit der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich an den Kanton Zürich richtete, liegt unbehandelt in den Schubladen des Migrationsamtes. Berhanu beschwert sich nicht. Er versucht, sich in jeder Situation zurechtzufinden. «Ich brauche kein Geld, denn ich könnte für mich selbst sorgen, wenn ich nur arbeiten dürfte. Alles, worum ich bitte, ist etwas Zeit.»