Messer-Attacke

13. Februar 2009 12:56; Akt: 13.02.2009 13:50 Print

Und wenn es keine Neonazis waren?

von Marius Egger - Immer wieder gab es in der Vergangenheit in Deutschland Fälle, wo angeblich Neonazis Hakenkreuze in die Haut von Opfern geritzt haben. Die Fälle stellten sich mit wenigen Ausnahmen als Betrug heraus. Es handelte sich meistens um Selbstverstümmelungen.

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Der weltweite Aufruhr ist riesig. Die Geschichte um die 26-jährige Brasilianerin, die angeblich von Neonazis attackiert worden ist, hat sich zur diplomatischen Krise ausgeweitet. Der Schweizer Botschafter in Brasilien wurde vorgeladen, und nun verlangt offenbar auch der brasilianische Präsident Lula die vollständige Aufklärung des bestialischen Falles. Der Tenor ist überall der gleiche: Eine Ausländerin wird in der Schweiz von Neonazis misshandelt. Anschliessend begegnet ihr die Polizei nicht hilfreich, sondern skeptisch. Skandal! - Was aber, wenn die Ermittler mit ihrer Skepsis recht haben?

Verschiedene Fälle von Selbstverstümmelung

Die Vorsicht der Ermittler könnte an ähnlichen Fällen liegen, die in der Vergangenheit international für Schlagzeilen sorgten. Es gibt einige Fälle von Hakenkreuz-Ritzereien durch Rechstextreme in die Haut wehrloser Opfer, die sich im Nachhinein als pure Erfindung herausgestellt haben.

Hakenkreuz in der Hüfte

Besonders ein Fall zeigt erstaunliche Parallelen zum Ereignis in Stettbach. Im November 2007 sorgte die damals 17-jährige Rebecca K. für Schlagzeilen in der ganzen Welt. Die junge Frau aus dem deutschen Mittweida in Sachsen berichtete damals der Polizei, sie sei von vier Neonazis angegriffen worden, als sie einem fünf Jahre alten Mädchen aus einer Ausländerfamilie zur Hilfe geeilt sei. Die Glatzköpfe hätten ihr ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt, sagte die junge Frau aus. Die Polizei bestätigte den Vorfall.

Erste Zweifel, dann die Bestätigung

Mitte Dezember dann kamen erste Zweifel an der Geschichte auf. Rebecca K. könnte sich das Hakenkreuz selbst in die Haut geritzt haben, hiess es. Die Polizei begann, in die entsprechende Richtung zu ermitteln. Ein Verdacht, den ein gerichtsmedizinisches Gutachten schliesslich zweifelsfrei bestätigte. Die angeblichen Zeugen, die Rebecca K. der Polizei angab, liessen sich nie finden. Das fünfjährige Mädchen, dem Rebecca angeblich helfen wollte, war zum besagten Zeitpunkt nicht in der Stadt.

Mädchen ritzt sich in die Wange

Am 29. Dezember 2002 tauchte die 14-jährige Tochter eines Kubaners bei der Polizei im brandenburgischen Guben auf. Neonazis hätten ihr angeblich ein Hakenkreuz in die Wange geschnitten, gab sie zu Protokoll. Zunächst glaubten ihr die Beamten. Doch das Mädchen machte einen Rückzieher und gestand, die Geschichte erfunden zu haben.

Rollstuhlfahrerin mit Hakenkreuz

1994 hatte in Halle ein im Rollstuhl sitzendes Mädchen behauptet, dass Skinheads ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt hätten. Wenig später räumte das Mädchen auch hier ein, die Tat nur vorgetäuscht zu haben. Die erste Meldung löste eine Demonstration aus, an der mehr als 10 000 Menschen gegen rechtsextreme Gewalt auf die Strasse gingen. Eine Berliner Antifa-Gruppe berichtete kurz nach dem Vorfall, Neonazis hätten in der S-Bahn einer 20-Jährigen ein Hakenkreuz in den Bauch geritzt. Die Ermittlungen der Polizei blieben bisher ohne Ergebnis.

Türke verprügelt sich selbst

Auch in der Schweiz liess ein Fall aufhorchen. Im Oktober 2007 wurde ein damals 16-jähriger Türke mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen ins Spital eingeliefert. Gegenüber der Polizei sagte er später, er sei von drei Rechtsextremen zusammengeschlagen worden. Die Polizei zweifelte an der Darstellung. Tatsächlich stellte sich heraus, dass der 16-Jährige sich die Verletzungen aus Liebeskummer selber zugefügt hatte.

Noch ist nichts bewiesen

Auch im Fall der Brasilianierin aus dem Kanton Zürich ist bisher nichts bewiesen, auch nicht das Gegenteil. Die Polizei will heute Nachmittag informieren. Einfach haben es die Kommunikationsabteilung der Stadtpolizei und das Departement des Äusseren nicht. In Brasilien steht inzwischen die ganze Schweiz am Pranger und in der Schweiz plant die brasilianische Community offenbar eine Demonstration gegen das ausländerfeindliche Klima im Lande.

Die Pressekonferenz der Stadtpolizei Zürich und des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich findet um 14 Uhr statt. 20 Minuten Online berichtet live.