Tötungsdelikt in Goldküsten-Villa

27. März 2017 16:34; Akt: 28.03.2017 10:19 Print

V. dachte, das Opfer sei ein grüner bedrohlicher Alien

Mit massiver Gewalt soll B. V. einen Kollegen getötet haben. Vor dem Bezirksgericht Meilen ZH verweigerte er heute die Aussage. Auskunftsfreudiger waren die Gutachter.

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Als der Beschuldigte B. V. am Montagmorgen in den Gerichtssaal 1 des Bezirksgerichts Meilen ZH geführt wurde, grüsste er freundlich in die Runde. Ansonsten aber zog es der 31-Jährige vor, zu schweigen. Auf Anraten seiner Verteidiger, wie er sagte. «Wie geht es Ihnen gesundheitlich?», wollte der Gerichtsvorsitzende etwa wissen. V. schwieg. «Nehmen Sie Medikamente?» Keine Antwort.

Die blutige Nacht liegt über zwei Jahre zurück: An jenem 30. Dezember 2014 hatte B. V. laut Anklageschrift Kokain und Ketamin konsumiert und geriet in einen psychotischen Zustand mit paranoiden Wahnvorstellungen. In der elterlichen Villa von V. an der Goldküste kam es am frühen Morgen zwischen ihm und dem 23-jährigen A. F.* aus unbekannten Gründen zum Streit.

Kerze in den Rachen gerammt

V. soll mehrmals mit den Fäusten und allenfalls auch mit Glasscherben auf F.s Kopf eingeschlagen haben. Es folgten mehrere wuchtige Schläge mit einem Kerzenständer, einer Skulptur und einer Dekofigur. Dann rammte er dem noch lebenden Opfer gemäss Anklageschrift eine Kerze in den Rachen und würgte es zu Tode.

Obwohl die Einvernahme von V. erst am Mittwoch folgt, hatte der Gerichtsvorsitzende am Montagmorgen schon mal ein paar Fragen zur Tatnacht, «denn Ihr Aussageverhalten während der Untersuchung war schon etwas unterschiedlich.» So habe der Beschuldigte anfänglich gesagt, das spätere Opfer F. sei ihm als Alien vorgekommen, deshalb habe er Angst gekriegt. «Sie sprachen auch von einem grünen Männchen, das Sie umbringen wollte.» Irgendwann habe es aber dieses Männchen nicht mehr gegeben und es sei von einem Gedächtnisverlust die Rede gewesen. «Was stimmt denn nun?» V. blieb stumm.

10 Gramm Ketamin pro Woche

Geredet haben dafür die beiden Gutachter: «Paranoide Vorstellungen durch hohen Kokainkonsum sind nichts Ungewöhnliches», sagte Boris Quednow, Professor an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. V. gab gegenüber dem Gutachter an, wöchentlich bis zu fünf Gramm Kokain und zehn Gramm Ketamin konsumiert zu haben – primär am Wochenende. «Vor allem beim Ketamin ist das eine sehr hohe Menge.»

Quednow erinnerte daran, dass es letztlich schwierig sei, im Nachhinein den Wahrheitsgehalt der Aussagen des Beschuldigten zu eruieren. «Die Kombination von Kokain, Ketamin, Alkohol und Schlafmitteln – noch dazu über eine längere Zeit, stört die Erinnerungen erheblich.» Auch müsse man unterscheiden zwischen psychotischer Akut- und Langzeitwirkung dieser Substanzen. Seine Schlussfolgerung lautete deshalb: «Sein Zustand kann zum Tatzeitpunkt wahnhaft gewesen sein.»

«... sonst ist seine Kriminalprognose schlecht»

Der zweite Gutachter, Elmar Habermeyer, Direktor an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich, sprach von einer Drogen-Überdosis mit Wahrnehmungsveränderung in jener Nacht. Und er sagte mit Blick auf die langjährige Drogenkarriere und die diversen Entzüge in Kliniken:«V. muss seinen Substanzenkonsum abstellen, ohne dies ist seine Kriminalprognose schlecht.» Und er gab noch etwas zu bedenken: «V. hat im Vergleich zur Restbevölkerung ein erhöhtes Risiko, eine Schizophrenie zu entwickeln, sollte er weiterhin in diesem Stil Substanzen konsumieren.»

In Habermeyers Gutachten ist auch der mögliche Grund des Streits in der Villa ein Thema - anders als in der Anklageschrift. Laut Aussagen des Beschuldigten entzündete sich dieser wegen der schwedischen Volksmusik, die dem späteren Opfer offenbar nicht passte. Zudem habe F. das Ketamin in seinem Mund nicht rausrücken wollen. Als V. seinem Kollegen in den Mund greifen wollte, habe ihn dieser bedroht. «Diese Notwehrsituation erwähnte V. durchs Band weg», sagt Habermeyer. Ob sich das alles so abgespielt habe, sei allerdings schwierig zu beurteilen.

Vermindert schuldfähig oder schuldunfähig?

Der Gerichtsvorsitzende hat die Staatsanwaltschaft angewiesen, die Anklageschrift bezüglich des Streits bis am Mittwoch zu ergänzen. Denn das Gericht will bezüglich Straftatbestand auch eine zweite Variante prüfen, jene einer vorsätzlichen Tötung bei verminderter Schuldfähigkeit.

Die Staatsanwaltschaft will V., obwohl er aufgrund seines Zustandes beim Tötungsdelikt eigentlich schuldunfähig ist, wegen fahrlässiger, eventualvorsätzlicher Tötung verurteilen. Begründung: V. hätte aufgrund der wiederholten psychotischen Zustände wegen Drogenkonsums voraussehen müssen, dass er in solchem Zustand Personen verletzen oder gar töten könnte.

Diesen Punkt bestreitet die Verteidigung: Der Beschuldigte habe zum Zeitpunkt der Drogeneinnahme die Tat nicht voraussehen können.

Handy abgeben

Am Prozess, der per Video in zwei kleinere Gerichtssäle übertragen wird, sind einige Angehörige und Freunde von Opfer F. und den Privatklägern anwesend. Alle Zuschauer werden am Eingang kontrolliert, elektronische Geräte wie Handys müssen wegen Fotografier- und Filmverbot abgegeben werden. Mehrere uniformierte Polizistinnen und Polizisten sind am Eingang und im Foyer präsent.

*Namen der Redaktion bekannt

(rom)