Richtig mähen

09. Juni 2018 15:00; Akt: 10.06.2018 09:04 Print

Insektenschutz beginnt am Wegrand

Wegränder werden von vielen Gemeinden und Bauern falsch gemäht. Dabei hätten sie das Potential, die Artenvielfalt nachhaltig zu erhöhen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Jeder Autofahrer kennt das Bild: Ein langer Schlauch ragt aus dem Mähsauger des Strassenunterhaltsdienstes und rasiert die Pflanzen an Wegrändern und Strassenböschungen zentimeterkurz ab. Zurück bleibt immerhin ein ordentliches Ortsbild. Aber sonst nicht viel.

Umfrage
Macht Ihnen das Insektensterben Sorgen?

Einen radikal anderen Ansatz verfolgt Ruedi Attinger, Biobauer in Gockhausen (Dübendorf): Er sieht in Wegrändern nicht primär eine Zone, die es möglichst sauber zu halten gilt, sondern – bei richtiger Pflegte – ein Reservoir der Artenvielfalt, das ihm auf seinen Feldern unmittelbar zu Gute kommt.

«Wegränder werden viel zu oft gemäht, meist alle gleichzeitig im Sommer. Damit finden bestäubende Insekten hier keine Blüten mehr», sagt Franziska Heusser, die im Auftrag der Entomologischen Gesellschaft Zürich eine Begehung mit Ruedi Attinger organisiert hat. Sie möchte Kommunen und Landwirte dafür gewinnen, sich an Attingers Vorbild der schonenden Wegrandpflege zu orientieren.

Vielfalt mit maschinellem Schnitt nicht möglich

Gesunder Boden, so Attinger, sei für ihn als Landwirt zentral. Das heisse gute Kompost- und Humuswirtschaft. Darüber hinaus brauche es ein vielfältiges tierisches Leben. Dafür müsse man den Tieren die nötige Infrastruktur bieten, damit sie sich ansiedeln können. Attinger führt entlang des Lehrpfads Läbhaag Gockhausen. Am Weg durch Kulturland stehen Tafeln zu Themen wie Hecke, Krautsaum, Obstbäume, Steinhaufen, Holzhaufen usw. und erläutern den Passanten die entsprechenden Lebensräume, die durch das Zusammenwirken von Bauer und Natur im Lauf der Jahre entstanden sind und sich auch weiterentwickeln.

Die lange Hecke (gepflanzt 1990/91) und ihre beiden Säume (Sonn- und Schattenseite) bilden zusammen einen vielfältigen Raum: Vielfalt der Straucharten (u.a. Weissdorn, Schwarzdorn, Roter und schwarzer Holunder, gemeiner Schneeball), Vielfalt der Strukturen (niedrige und höhere Büsche, einzelne Bäume und Kletterpflanzen). Diese harmonische Struktur liesse sich mit einem maschinellen undifferenzierten Schnitt nicht erreichen. Deshalb schneidet Attinger die einzelnen Gehölze individuell, angepasst an ihren Charakter (schnell, langsam wachsend z. B.).

Der Saum ist breiter, als der Bauer es machen müsste, um gemäss Direktzahlungsverordnung Beiträge zu erhalten. Gedüngt hat er ihn seit vielen Jahren nicht mehr. Trotzdem ist er (noch) nicht mager, aber gegenüber den üblichen heutigen Wiesen dennoch vielfältiger. Da es sich um die Schattenseite handelt, sind auch nicht die typischen Blumen einer stark besonnten Wiese zu erwarten. Attinger erwähnt als Florabeispiele Klappertopf, Hornklee, Mädesüss und Waldziest.

Hecke und Saum bieten nicht nur Insekten und anderen Tieren Raum und Nahrung, es hat auch Genuss- und Heilpflanzen für den Menschen. Attinger weist auf die salicylhaltige Weidenrinde und das ebenfalls salicylhaltige Mädesüss hin. Früher habe man gegen Schmerzen Weide gekaut, heute nimmt man Aspirin. Und er lobt die Brennessel als Gabe für die Küche.

Selektiver, gestaffelter Schnitt

Bei der traditionellen Nutzung ergaben sich Vorteile für die Tiere von selbst: Man mähte von Hand mit der Sense. So konnte man nur nach und nach alles mähen. Es hatte jederzeit ungemähte Ecken, wo die Entwicklung der Insekten vom Ei zum erwachsenen Tier ungestört verlief. Und die Pflanzen konnten versamen. Attinger imitiert diesen schonenden Schnitt, indem er spät mäht und gestaffelt in zwei Durchgängen. Schattensäume kürzt er erst im Herbst.

An einzelnen Stellen mäht er gezielt erst dann, wenn besondere Blumen verblüht sind. An anderen Stellen lässt er den Saum ein Jahr stehen, damit beispielsweise die Wespenspinne ihren Zyklus vollenden kann: Sie fertigt ihren Kokon im Herbst, im Frühling erst schlüpfen daraus die Jungspinnen. Die regelmässige Mahd ist aber wichtig, weil sich sonst die Büsche immer stärker ausbreiten und der Saum verschwindet.

Um die Blütenvielfalt zu mehren, sammelt Attinger Samen an guten Stellen in seinen Wiesen oder in Magerwiesen von ausserhalb und streut sie an weniger vielfältigen Stellen aus. Eines Tages, wenn die Bedingungen stimmen, keimen sie. Oder auch nicht, wenn es nicht der richtige Ort ist.

Totholz als Lebensraum

Im Saum befinden sich weitere, die Vielfalt vermehrende Elemente. Alte Baumstämme, die Attinger hingelegt hat, sind von Büschen überwuchert und nicht mehr sichtbar. Mehrere grosse Steinhaufen haben sich in den Saum integriert. Als Drainage gibt es einen offenen Wassergraben, der an einer Stelle im Saum sichtbar wird. Es hat auch Trockenmauern, die als Sitzgelegenheiten für Spazierende dienen können. Für viele Tiere, so auch für Insekten und Spinnen sind damit die förderlichen Strukturen vorhanden. Auch für die Zauneidechse ist ein solch vielfältiger Saum ideal.

Neben dieser Hecke am Wegrand gibt es auf dem Gut weitere Gehölzstreifen, zum Beispiel auch eine Hecke, die streckenweise aus gepflanzten Buschgruppen besteht und streckenweise als Benjes-Hecke heranwächst. Diese entsteht über einen langen Zeitraum dank abgelagerten Holzhaufen: Darauf lassen sich Vögel nieder, scheiden mit dem Kot Beeren aus und lassen so Büsche wachsen.

Dazu kommen Wiesen und viele Obstbäume sowie eine gute gegenseitige Verzahnung von offenem Kulturland und Wald. Für eine der Wiesen hat Attinger Kies eingebracht, um die Abmagerung des Bodens, die sonst sehr lange dauert, zu verkürzen. Diese Wiese ist besonders blumenreich.

Hermeline gegen die Mäuse

Attinger nennt sein Bauerngut «meinen grossen Garten» und darin zu werken «meine Lebensaufgabe». Diese Art Bewirtschaftung, die früher verbreitet war, werde heute zu Recht mit Direktzahlungen entschädigt, denn sie bedeute Mehraufwand gegenüber der heutigen auf Effizienz getrimmten Landwirtschaft und stelle auch einen Mehrwert für die Gesellschaft dar. Beispielsweise biete sie eine erhöhte Lebensqualität für die Menschen der Agglomeration, die sich hier beim Spazieren erholen können.

Dann weist Attinger darauf hin, dass die Vielfalt auch dem Bauern wieder etwas zurückbringt: Beispielsweise leben im Gebiet Hermeline, die ihm bei der Mäusebekämpfung beistehen, während andere sich nur mit Gift zu helfen wissen.

(bm)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Susanne am 10.06.2018 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arme Natur

    Heute zählt doch nur klinisch rein und ordentlich muss es aussehen... Dabei bleiben nun einmal die kleinsten Lebewesen auf der Strecke.

  • Hellgrüeni am 10.06.2018 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles wird zu Mus!

    Die Gemeinde Lauterbrunnen hat sich vor zwei Jahren auch so einen neuen riesigen Mäher angeschafft. Jetzt fahren sie auf der Forststrasse in die Berge und mähen die Börter. Fazit: Alles wird zu Mus, egal ob Pflanzen oder Kleinlebewesen. Die vielen Türkenbunde sind leider bis auf einen einzigen bereits ausgerottet! Ebenso schlimm sind die Motorsensen. Wenn wenigstens einige Zentimeter über dem Boden "abgeschlagen" würde. Aber nein, möglichst tief bis in die Erde, samt Schnecken und Allem was kreucht und fleucht. Dies zu sehen, tut mir weh!

  • Curth Milleneuve am 10.06.2018 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    viel Platz

    für Naturnahe Wiesen. Die tausenden von Quadratmetern Rasen um unsere Häuser und Wohnsiedlungen mit den sinnlosen Rasenmäherrobotern könnten mit Blumenwiesen zur Insektenvielfalt verhelfen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Schmetterling am 23.06.2018 20:09 Report Diesen Beitrag melden

    Sinnloses Abmähen von Wegrändern...

    Gestern habe ich mich noch an den vielen Schmetterlingen und anderen Insekten am Feldwegrand erfreut..und heute alles von einem ignoranten Bauern niedergemäht!!!! Warum muss sowas denn sein? Soviel Lebensraum sinnlos zerstört!! Wohin soll das noch führen.....

  • Christine Dobler am 11.06.2018 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Danke, Herr Attinger!

    Ein sehr schön geschriebener Bericht über einen Bauern, den wir uns genauso wünschen würden, in grosser Zahl! Dann würden sehr viele von uns auch sehr gerne mehr bezahlen für ihren Mehraufwand, den sie dadurch betreiben. Naturschutz und Landwirtschaft müssen mehr zusammenarbeiten, es ist möglich!

  • Curth Milleneuve am 10.06.2018 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    viel Platz

    für Naturnahe Wiesen. Die tausenden von Quadratmetern Rasen um unsere Häuser und Wohnsiedlungen mit den sinnlosen Rasenmäherrobotern könnten mit Blumenwiesen zur Insektenvielfalt verhelfen.

  • Alexander Uster am 10.06.2018 15:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naturschutz oder Littering?

    ich verstehe den Gedanken sehr Gut des Bauern. Und finde es sehr Gut. Nun kommt der Fußgänger und Automobilist der alles an den Weg- Strassenrand wirft. Und dort ist der Abfall gut "versteckt". Kein Littering bitte!

  • Hellgrüeni am 10.06.2018 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles wird zu Mus!

    Die Gemeinde Lauterbrunnen hat sich vor zwei Jahren auch so einen neuen riesigen Mäher angeschafft. Jetzt fahren sie auf der Forststrasse in die Berge und mähen die Börter. Fazit: Alles wird zu Mus, egal ob Pflanzen oder Kleinlebewesen. Die vielen Türkenbunde sind leider bis auf einen einzigen bereits ausgerottet! Ebenso schlimm sind die Motorsensen. Wenn wenigstens einige Zentimeter über dem Boden "abgeschlagen" würde. Aber nein, möglichst tief bis in die Erde, samt Schnecken und Allem was kreucht und fleucht. Dies zu sehen, tut mir weh!