Falsche Gemeinde, richtige Busse

01. Februar 2011 11:55; Akt: 01.02.2011 13:28 Print

Winterthur jagt die Mülltouristen

Ein Leser-Reporter hat sein Altglas ordentlich in der Sammelstelle Grüze entsorgt. Die Stadt Winterthur dankt dem Tösstaler mit einer Busse – weil er kein Bürger der Stadt ist.

Fehler gesehen?

Die Stadt Winterthur geht rigoros gegen Abfallsünder vor. Wer Hauskehricht oder anderen Abfall auf den städtischen Glasentsorgungsanlagen deponiert und dabei erwischt wird, muss mit saftigen Bussen rechnen (siehe Infobox). Die Stadt überwacht ihre Anlagen seit Jahren mit fixen und teilweise auch mobilen Überwachungskameras und meldet Übertretungen konsequent beim Statthalteramt. Alleine 2009 sind 460 Missbrauchsfälle verzeigt worden. Dass es dabei nicht nur um deponierten Hauskehricht oder illegal entsorgte Kühlschränke geht, zeigt das Beispiel von Hans Muster (Name geändert).

Der Tösstaler war dabei gefilmt worden, wie er sein Altglas und sein Alu an der Glassammelstelle Grüze in Winterthur entsorgte. Die Videokamera vor Ort filmte dabei nicht nur, dass er seine Papiertragetasche liegen liess (50 Franken Busse), sondern auch, dass er überhaupt vor Ort war. Wie ihm ein Stadtpolizist am Telefon erklärte, sei es ihm als Nicht-Winterthurer verboten, sein Altglas auf städtischem Gebiet zu entsorgen. Das korrekte Recyclen seines Altglases am falschen Ort kostet Muster weitere 50 Franken Busse.

Bussen bis 50 000 Franken möglich

«Ich habe meinen Ohren nicht getraut», sagt der 29-Jährige. Er entsorge seit Jahren regelmässig am Samstag sein Altglas in Winterthur, wenn er zum Einkauf in die grosse Coop-Filiale neben der Sammelstelle fahre. «Ich verstehe, dass ich für den Sack eine Busse kriege, aber dafür, dass ich meine Glasflaschen ordentlich entsorge, eine Strafe zu bezahlen, das ist absurd!», findet Muster.

Die Stadt Winterthur ist anderer Meinung: «Die Gemeinden organisieren und finanzieren die Sammelstellen», sagt Lukas Mischler, Sekretär des Departements Bau der Stadt, «es ist deshalb nicht rechtens, wenn jemand die Infrastruktur nutzt, die andere Leute bezahlen.» Tatsächlich heisst es in Paragraf 39 des Schweizer Abfallgesetzes unter Absatz d) dazu, dass wer «Abfälle nicht einer Abfallanlage oder einer bestimmten Abfallanlage zuführt, […], mit Haft oder Busse bis 50 000 Franken» bestraft wird.

Nicht alle nehmens so genau wie Winterthur

Gemäss der zuständigen Stelle beim Kanton Zürich können alle Gemeinden und Städte aufgrund des Paragrafen Bussen verlangen, wenn jemand ausserhalb seiner Wohngemeinde eine Sammelstelle benutzt. «Allerdings wäre mir neu, dass bei Vergehen tatsächlich Bussen dafür ausgesprochen würden», sagt der Sprecher. Die Stadt Zürich beispielsweise verzichtet auf eine entsprechende Kontrolle der Herkunft und Bussen in diesem Zusammenhang. «Bei über 160 Entsorgungsstellen ist eine flächendeckende Kontrolle der Herkunft vollkommen unmöglich», heisst es bei Entsorgung und Recycling Zürich.

In Winterthur hingegen findet man den Aufwand ganz offensichtlich vertretbar im Kampf gegen Entsorgungstouristen. Ein Angestellter der Abteilung Entsorgung wertet die Videoaufnahmen regelmässig aus und verzeigt alle Personen, die identifiziert werden können. Nebst Hans Muster traf es am selben Tag vier weitere Personen – sie alle hätten ihren dreckigen, feuchten Papiersack im Nachhinein wohl lieber mit nach Hause genommen.

(amc)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Abfallsünder am 01.02.2011 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Das nächste mal besser in den Wald

    Dort kostet es auch wenn man erwischt wird, man kann aber definitiv nicht dafür belangt werden seinen Abfall an der Sammelstelle abgegeben zu haben. Allerdings könnte der gute Herr argumentieren, dass er die Alu- und Glasverpackungen auf Gemeindegebiet erworben hatte. Immerhin geht er in Winti einkaufen und generiert damit Umsatz, Arbeitsplätze und indirekt Steuereinnahmen!

  • Anton Grütter am 01.02.2011 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Absurd...Ordnungsdienstrichtlinien von D übernomme

    Die Geschäfte und die Stadt möchten ja auch, dass man einkaufen geht, konsumiert, kurz gesagt die Stadt frequentiert, dann gibt's auch Umsatz. Wenn ich jetzt einkaufen gehe, nehme ich meinen Recyclingabfall mit und verbinde das mit Beruf / Einkauf. So entlaste ich die Umwelt durch Mehrfahrten und mache das Recycling dort wo das Geschäft angesiedelt ist. Sollte das nicht mehr möglich sein, werde ich auch dort nicht mehr einkaufen...was sagen die Unternehmen dazu? Das ist doch einfach nur bünzlig, falsch gedacht, schlecht umgesetzt, schlampig & inkompetent!

  • David am 01.02.2011 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    wiedermal eine kreative Leistung der Verwaltung

    Winterthur bekommt im Rahmen des interkantonalen Finanzausgleiches jährlich ca. 86 Mio Franken von den Züriseegemeinden... Das verpflichtet natürlich zur Genauigkeit.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hans Meier Dübendorf am 02.02.2011 18:23 Report Diesen Beitrag melden

    Winterthurer Entsorgingstaktik

    Solche Stellen bei den Gemeinden sollte man streichen oder haben die Gemeinden zu wenig Arbeit und zu viele angestellten. Die Stellenprozente könnten sinnvoller eingesetzt werden als für so einen Blödsinn.

  • Susanne Kellermüller am 02.02.2011 15:47 Report Diesen Beitrag melden

    ?? Winterthurer Abfall, was heisst das ??

    Ich bin etwas irritiert, wenn ich im Coop in Winterthur Flaschen kaufe, dann ist doch das Altglas Winterthurer Abfall, oder nicht ? Ich würde mich ja dann genau nach der Hinweistafel richten. Zum Glück haben wir keine anderen Probleme ! Wichtig ist doch, dass der Wertstoff zum recyclen gebracht wird!

  • Mario am 02.02.2011 05:26 Report Diesen Beitrag melden

    Reine Schikane

    Ich werde in Zukunft einen grossen Bogen um Winterthur machen. Ich warte darauf, dass der erste auswärtige Hundehalter dafür gebüsst wird, weil er ein Winterthurer Robidog-Säckchen zieht um die Hinterlassenschaft seines auswärtigen Hundes zu entsorgen.

  • Ernst Frischknecht am 01.02.2011 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    mir ist mal was ähndliches wiederfahren

    mein Name, Ernst Frischknecht aus Rorschach. Mir ist mal wiederfahren, als ich in der Gemeinde 9033 Untereggen, als noch keine Sackgebühr bestand, ich aus meinem dortigen Freizeit-Grundstück einen Kehrichtsack an der öffentlichen Ablagestelle, am Abholumgstag abgelegt habe. Die Busse war Fr. 260.-- die ich dafür zu bezahlen hatte. Es werden Bürger überall abgezoggt wo es nur geht.

  • Peschä am 01.02.2011 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Stasi-Methoden

    Der Mann zahlt zwar keine Steuern in Winterthur, aber er gibt dort immerhin sein Geld aus für die Wocheneinkäufe, was doch Geld in die Kasse Winterthurs spült. Deshalb ist es doch verständlich, dass er die Enstsorgung des in W. gekauften Glases auch gleich unterwegs erledigt, wenn er in W. neues kaufen geht. Die würden besser ein paar überflüssige Beamte einsparen.