Kult-Objekt

02. Oktober 2011 14:24; Akt: 03.10.2011 08:52 Print

Wo Schwarz-Weiss total angesagt ist

von Felix Burch - Sein letztes Stündchen hat schon oft geschlagen. Doch heute ist er Kult und beliebter denn je. Ein Besuch beim letzten analogen Schwarz-Weiss-Fotoautomaten der Schweiz.

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Autos hupen, Trams quietschen, Menschen hetzen über Fussgängerstreifen. Es ist hektisch an diesem sonnigen Herbstmittwoch am Goldbrunnenplatz in Zürich. «Können Sie mir diese Zehnernote in Einfränkler wechseln?», fragt eine Teenagerin die Kioskfrau. «Nein, ich habe keine mehr wegen diesem Fotoautomaten», antwortet sie. Mit «diesem Fotoautomaten» meint die Dame den alten analogen Schwarz-Weiss-Kasten, der nur wenige Schritte entfernt an der idyllischen Goldbrunnenstrasse steht.

Zwei Beinpaare sind auf dem winzigen Stuhl hinter dem Vorhang des Automaten auszumachen. «Wie ist meine Frisur, soll ich die Haare zusammenbinden?», tönt es daraus. «Alles super, sitze jetzt ruhig», antwortet eine andere Stimme, dann blitzt es. Insgesamt viermal werden die beiden abgelichtet und vier Minuten müssen sie danach warten, bis sie ihre Schwarz-weiss-Abzüge bekommen.

Vier Fotos, ein Franken

Gleich sechs Jugendliche sitzen auf dem Mäuerchen neben dem Automat. Auch sie warten auf ihre Filmstreifen. Mirco (21) stört das überhaupt nicht. Im Gegenteil: «Entweder lese ich ein bisschen, schreibe SMS oder quatsche mit Leuten, wie jetzt.» Er habe hier schon mehr als einmal wildfremde Personen kennengelernt, einige treffe er noch immer regelmässig.

Zwei Freundinnen (12 und 13 Jahre alt) kichern, während sie die Fotos betrachten, ihre Faxen sind offenbar gelungen. «Hier können wir für fünf Franken 20 Fotos schiessen», sagt die 13-Jährige, die im Quartier wohnt. Deshalb komme sie immer wieder hierher. Bei den neuen Automaten müsse man fünf Franken zahlen, was viel zu viel sei. Man sollte wieder mehr Schwarz-weiss-Fotoautomaten aufstellen, meint ihre Freundin. Beide bewahren die Fotostreifen nicht im Portemonnaie auf, wie das früher ein Muss war, die Abzüge hängen sie zuhause an die Wand.

Einst standen 150 Automaten in der ganzen Schweiz

Einfach nur altmodisch findet Christoph Balke den Automaten und die Fotos, die dieser ausspuckt. Der ältere Mann wohnt über der Maschine der Schnellphoto AG und dies nicht zufällig. Balke war der Geschäftsführer der Firma, in den 60er-Jahren importierte sein Bruder den ersten Automaten aus den USA. Die Brüder begannen zu tüfteln und entwickelten in ihrer Werkstatt in Zürich ihre eigene Fotomaschine.

Zu den besten Zeiten standen rund 150 Automaten in der Schweiz, damals machten die Balkes Geld mit den Maschinen. «Das ist lange her», sagt Balke, der auch an diesem Mittwoch beim Automaten anzutreffen ist und keine Interviews mehr geben will. «Über mich und die Automaten wurde früher genug geschrieben.» Dann spricht er trotzdem, und das etwa 30 Minuten lang: «Das Ganze ist vorbei.» Heute habe jeder ein Handy und eine Digitalkamera. Man müsse vorwärts schauen, mit der Zeit gehen. «Wir kommen, wir gehen und so ist es auch mit den analogen Schwarz-weiss-Automaten.»

«Jeder Tag kann der letzte sein»

Der über 80-Jährige versteht nicht, warum der letzte Automat der Schweiz Kult sein soll und warum gar Leute aus anderen Städten des Kastens wegen nach Zürich reisen. Charmant findet er die Analogtechnik und den Geruch nach faulen Eiern nicht. Trotzdem kümmert er sich um den Automaten, wartet ihn, wechselt die Chemikalien, ergänzt das Fotopapier.

Ausser ihm wisse niemand mehr, wie das gehe. «Alle sind weggestorben», zudem neige sich der Materialvorrat langsam dem Ende zu. Wann also ist definitiv Schluss, wann spuckt das Kultobjekt seinen letzten Streifen aus? «Das kann schon morgen der Fall sein», so Balke. Dies sagt er allerdings bereits seit Jahren.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bernerin am 03.10.2011 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Können wir nicht eine Aktion starten?

    Eigentlich wurde bereits alles gesagt. Aber gibt es nicht irgendwie eine Möglichkeit eine Aktion zu starten, dass wieder vereinzelte Automaten aufgestellt werden könnten? An den Bahnhöfen z.B. oder Flughafen? Genügend Umsatz würden sie doch bringen, dafür würden wir bestimmt sorgen.

  • Bald verheiratete am 03.10.2011 21:33 Report Diesen Beitrag melden

    Hochzeitskärtli...

    Allso wir Heiraten am 11.11.11 und haben uns zur Hochzeit über 500x von diesem Automaten blitzen lassen und daraus unsere Hochzeitseinladungen gemacht es hat riesig spass gemacht. Merci Fotoautomat

  • Andrew Warhola am 02.10.2011 15:26 Report Diesen Beitrag melden

    Polaroid

    Den Polaroidkameras wurde ja auch der Tod prophezeit, und seit ca. 2 Jahren gibt es wieder Filme für die 600er und die SX-70 Kameras. Lang lebe die Analog-Fotografie!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Starmonteur K.R am 10.05.2013 21:22 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Martin, Christoph und Miriam Balke

    Im Nachgang möchte ich anmerken das die Fam. Balke welche die Fa. Schnellphoto repräsentieren die besten Arbeitgeber waren die ich je hatte und haben werde. Sie sind an Sozialkompetenz und Verständnis für die Menschen nicht zu übertreffen. Es war mir eine grosse Freude und Ehre für diese Menschen gearbeitet haben zu dürfen. Es war die schönste Zeit meines Lebens.

  • Starmonteur.K.R am 10.05.2013 21:11 Report Diesen Beitrag melden

    Schön wärs aber es ist nicht so einfach

    Nach über 11 Jahren als Vollzeitangestellter der Fa. Schnellphoto weiss ich wohl beinahe alles was es über die Automaten zu wissen gibt. Das sind leider höchstens 20 Prozent des ganzen Geschäfts. Es ist fast unvorstellbar was da alles rundherum dranhängt. Und ja... mit so treuen Kunden wie euch wäre trotz Chemie entsorgen etc. etc. ein Preis von 1 bis 2 Franken realisierbar. Und nun noch eine Schelte an meinen Exchef . Der Umlenkspiegel ist nicht richtig eingestellt und der Durchlauf defekt da man einen feinen Kratzer in den Bildern von Simon Zangger's Fotostrecke erkennen kann. ;-)

  • Züri Berlin am 04.10.2011 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    in Berlin

    In Berlin stehen sie noch, die guten alten S/W-Fotoautomaten.

  • Bald verheiratete am 03.10.2011 21:33 Report Diesen Beitrag melden

    Hochzeitskärtli...

    Allso wir Heiraten am 11.11.11 und haben uns zur Hochzeit über 500x von diesem Automaten blitzen lassen und daraus unsere Hochzeitseinladungen gemacht es hat riesig spass gemacht. Merci Fotoautomat

  • bäsche am 03.10.2011 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    Alles hat einen Grund...

    Das Problem bei den alten Autoamten ist das Entsorgen der Chemikalien. Diese gelten als Sondermüll und ist sehr teuer! Früher konnten die S/W Fotos für Pässe oder ID's benutzt werden, was ein grosser Marktanteil war. Heute haben ID Fotos oder ausländische Pässe eine Norm und die Fotos aus den Nostalgieautomaten sind nicht mehr konform. Durch die ganze digitalisierung reichen die Spassfotos nicht mehr aus um rentable Umsätze zu generieren... Leider.. denn unbestritten bleiben die alten Fotos kult! Übrigens.. die alten Automaten wurden alle entsorgt :-(