Obergericht Zürich

13. November 2018 16:46; Akt: 13.11.2018 19:55 Print

Zugschubser vom HB muss 5,5 Jahre ins Gefängnis

Nach einem Streit hat Mann im Zürcher HB eine Frau vor eine S-Bahn geschubst. Sie verlor dabei den linken Unterarm. Am Dienstag war der Fall vor dem Obergericht.

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Das Zürcher Obergericht hat am Dienstag einen 35-Jährigen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 5,5 Jahren verurteilt. Er hatte im Zürcher Hauptbahnhof eine Frau gegen einen abfahrenden S-Bahn-Zug gestossen. Sie verlor dabei ihren linken Unterarm.

Wie bereits das Bezirksgericht Zürich bewertete das Obergericht die Tat als versuchte vorsätzliche Tötung. Allerdings verschärfte es das erstinstanzliche Urteil vom Januar 2017, denn das Bezirksgericht gestand dem Mann damals einen Notwehrexzess zu und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 9 Monaten.

Dagegen erhoben beide Parteien Berufung: Die Staatsanwaltschaft sah keine Notwehrlage und forderte eine Freiheitsstrafe von acht Jahren. Der Beschuldigte wollte einen Freispruch. Er habe sich bloss gegen den Angriff der Frau gewehrt, begründete er dies.

Sein Verteidiger stellte zudem vergeblich einen Rückweisungsantrag: Für ihn handelte es sich um ein Fahrlässigkeitsdelikt. Allerdings senkte das Obergericht die Genugtuung für die Frau von 120'000 auf 80'000 Franken.

Alles auf Video dokumentiert

Am Sachverhalt bestand für das Obergericht kein Zweifel: Dank Aufzeichnungen der Überwachungskamera ist ziemlich genau dokumentiert, was an diesem frühen Morgen im Dezember 2015 auf dem Perron passierte.

Nach einem ersten verbalen Streit beruhigte sich die heute 32-jährige Frau wieder. Er hingegen suchte weiter ihre Nähe, bis sie schliesslich genervt auf ihn zutrat und ihre Hand für eine Tätlichkeit erhob.

Er stiess sie mit grosser Wucht weg. Sie stürzte auf die abfahrende S-Bahn zu, verschwand in der Lücke zwischen Perronkante und Zug und wurde schliesslich überrollt.

Danach kletterte sie stark blutend aus eigener Kraft auf das Perron zurück. Dort versorgten sie Ersthelfer, bevor sie ins Spital gebracht wurde. Sowohl der Mann als auch die Frau, die sich nicht kannten, waren stark betrunken und hatten Drogen konsumiert.

Streit wegen «Trivialitäten»

Der Mann, der seine Tat zutiefst bereut, konnte sich vor Gericht nicht mehr an den Grund für die verbale Auseinandersetzung erinnern, es seien aber «Trivialitäten» gewesen. «Ein Wort ergab das andere», sagte er. Schliesslich sei sie auf ihn zugekommen und habe ihn schlagen wollen. «Da habe ich sie weggestossen.»

Den anfahrenden Zug habe er nicht wahrgenommen. «Es liegt mir fern, jemanden so schwer zu verletzen», sagte der 35-Jährige, der nicht vorbestraft ist. «Es tut mir fürchterlich leid.»

Der Richter sprach bei der Urteilseröffnung denn auch von einem «tragischen Lehrstück nach einer durchzechten Nacht, bei dem aus völlig nichtigem Anlass mit fatalsten Folgen nur noch Verlierer zurückbleiben».

Unverhältnismässiger Stoss

Im Gegensatz zum Bezirksgericht verneinte das Obergericht die Notwehrlage. Denn der Mann habe mit seinem Griff an den zum Schlag erhobenen Arm der Frau den Angriff bereits abgewehrt. Erst danach sei der mit grosser Wucht geführte Stoss erfolgt.

«Der heftige Stoss war völlig unangemessen», sagte der Richter. «Sogar dann, wenn noch mit weiteren Tätlichkeiten zu rechnen gewesen wäre.» Für ihn war klar: «Die Notwehrlage bestand nicht mehr.»

Der Mann habe bei der völlig sinnlosen Tat erhebliches momentanes Gewaltpotenzial gezeigt. «Es ist nur dem Zufall zu verdanken, dass der Stoss nicht noch mehr Schaden anrichtete.» Der Beschuldigte habe den möglichen Tod der Frau in Kauf genommen.

(sda)