30'000 Franken erbeutet

27. Juni 2018 05:55; Akt: 27.06.2018 11:29 Print

«Ich war als Freier und nicht als Räuber da»

von T. Mathis - Unter Drogeneinfluss hat ein Mann in einem Zürcher Bordell zwei Prostituierte ausgeraubt. Das Obergericht verurteilte ihn zu vier Jahren Haft.

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Nach dem Besuch eines Bordells in Zürich-Seebach flüchtete ein polnischer Buschauffeur im Mai 2016 mit nacktem Oberkörper vor der Polizei. Der Sprung in ein Gebüsch nützte ihm nichts, denn die Beamten konnten den Mann trotzdem verhaften. Was ist während des Schäferstündchens passiert?

Über diese Frage beriet am Dienstag das Obergericht Zürich. Dem 45-jährigen Polen wurde vorgeworfen, dass er und ein unbekannter Mittäter das Bordell ausgeraubt hatten. Der Beschuldigte bestritt dies. «Ich habe nie Gewalt angewendet», beteuerte er und forderte einen Freispruch.

Zwei Personen von Messer verletzt

Sein Verteidiger argumentierte, dass die Aussagen der Opfer erhebliche Widersprüche aufweisen. Tatsächlich bleibt unklar, was genau passiert ist im Bordell. Klar ist, dass eine der beiden beteiligten Prostituierten sowie ein weiterer Freier bei einer Auseinandersetzung mit einem Messer verletzt worden waren.

Und die Indizien sprechen gegen den Beschuldigten, der selbst im Rotlichtmilieu tätig war. Von der Waffe, die die Opfer gesehen haben, fehlt zwar jede Spur, obwohl die Polizei intensiv danach gesucht hat. In der Wohnung des Beschuldigten fand die Polizei auf dem Küchentisch aber eine Schachtel mit Patronen.

Kein Wort über einen Komplizen

Das verschwundene Handy des Beschuldigten wirft ebenfalls Fragen auf. Um das Treffen mit der Prostituierten zu vereinbaren, benutzte der 45-Jährige eine Nummer, die sich nach seiner Verhaftung in Luzern einloggte. Zudem wurde das gestohlene Geld – laut Anklageschrift 30'000 Franken – nirgends gefunden. Das lässt auf einen Komplizen schliessen, so wie es die Opfer schildern.

Doch über einen Komplizen verliert der Beschuldigte, der in Deutschland schon mehrmals Autos gestohlen hatte, kein Wort. Er behauptet, allein ins Bordell gekommen und dann von den Prostituierten mit Drogen zugedröhnt worden zu sein. Dass er als Freier und nicht als Räuber da war, zeige auch, dass eine der Prostituierten seinen Penis detailgetreu beschreiben konnte.

Wie gelangten die Handys in den Sack?

Bei der Verhaftung hatte der Beschuldigte statt des eigenen Handys die beiden Geschäftshandys der Prostituierten im Sack. Wie diese dahin gelangten, konnte der Pole nicht schlüssig erklären. An der Sprache kann das nicht gelegen haben, denn die Dolmetscherin musste nicht viel übersetzen. Der Beschuldigte insistierte, die Verhandlung in Deutsch zu führen.

Für das Bezirksgericht Zürich war im Mai 2017 klar, dass der Pole schuldig ist. Es verurteilt ihn wegen bewaffneten Raubs zu einer Haft von fünf Jahren und vier Monaten. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre gefordert. Doch die Richter fanden, dass seine Schuldfähigkeit vermindert war, weil er am Morgen vor der Tat Amphetamine konsumiert hatte.

Haftstrafe auf vier Jahre reduziert

In diesem Punkt war der Beschuldigte geständig. Er habe regelmässig Drogen genommen, sei nun aber clean. Er suche im Gefängnis nicht die Konfrontation, sondern habe wegen guter Führung sogar einen Arbeitsplatz erhalten.

Das noch nicht rechtskräftige Urteil eröffneten die Richter schriftlich. Sie milderten die Strafe um ein Jahr und vier Monate. Spätestens in zwei Jahren ist der Pole, der schon seit zwei Jahren im Gefängnis sitzt, wieder auf freiem Fuss. Dann will er wieder Busfahrer sein – vermutlich nicht in der Schweiz, sondern in Deutschland, wo sein Sohn wohnt.