Tötungsdelikt in Dübendorf

16. Februar 2019 17:25; Akt: 10.03.2019 18:46 Print

«Polizei kann bei Stalking oft nicht aktiv werden»

von Maja Sommerhalder - In Dübendorf wurde eine 29-jährige Kita-Angestellte wohl von ihrem Stalker getötet. Glücklicherweise komme das selten vor, meint die Opferhilfe. Doch seelische Narben hinterlässt Stalking trotzdem.

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Herr Bottler, eine 29-Jährige wurde wohl von ihrem Stalker getötet. Ein bekanntes Phänomen?
Fedor Bottler: Das ist sehr tragisch. Glücklicherweise enden Stalkingfälle selten mit einem Tötungsdelikt. Bei den Opfern hinterlassen sie aber oft seelische Narben.

Wie häufig kommt Stalking vor?
Genaue Zahlen kann ich leider nicht angeben, da Stalking-Fälle bei uns nicht separat als solche erfasst werden. Uns erreichen aber immer wieder Anfragen. In den letzten Jahren ist die Anzahl schätzungsweise stabil. Stalking gilt in der Schweiz nicht als Straftat. Erst wenn ein anderer Straftatbestand erfüllt ist, die Opfer zum Beispiel konkret genötigt oder bedroht werden, kann die Polizei aktiv werden.

Das heisst, wenn ein Opfer belästigt wird, kann es oft nichts machen?
Tatsächlich fehlt leider oft die rechtliche Handhabe. Stalking ist ein Graubereich. Erhält ein Opfer beispielsweise wiederholt unerwünschte Anrufe ohne konkrete Drohungen, kann es versuchen, über den zivilrechtlichen Weg ein Kontakt- oder Rayonverbot zu erwirken. Das ist aber meistens langwierig und kann ein Kostenrisiko für das Opfer beinhalten.

Wann muss man sich vor einem Stalker richtig fürchten?
Wenn das Opfer regelmässig und über einen längeren Zeitraum immer wieder belästigt wird, kann das auf eine grössere Gefährlichkeit hinweisen. Dann ist eine Anzeige bei der Polizei meist sinnvoll, auf jeden Fall aber eine individuelle Beratung an einer Beratungsstelle.

Die in Dübendorf getötete Frau wurde auch auf Instagram belästigt. Wie häufig passiert Stalking über die sozialen Medien?
In der heutigen Zeit oft. Häufig erfolgen die Kontaktaufnahmen über mehrere Kanäle wie SMS, Mail oder Facebook. Wir raten den Opfern, nach einer unmissverständlichen Mitteilung, dass kein Kontakt erwünscht ist, möglichst nicht mehr zu reagieren und gegebenenfalls das Beweismaterial zu archivieren. Natürlich gibt es auch Stalker, die beim Wohnort oder Arbeitsplatz des Opfers auftauchen.

Wer stalkt denn eigentlich?
Häufig sind es Beziehungsdelikte, etwa der Ex-Freund, der das Beziehungsende nicht akzeptieren kann und immer wieder anruft. Doch auch Bekannte können zu Stalkern werden, wenn ihre Liebe nicht erwidert wird. Dann gibt es noch Opfer, die von Unbekannten belästigt werden – beispielsweise mit anonymen Anrufen. Übrigens gibt es männliche und weibliche Stalker. Einige weisen psychische Auffälligkeiten auf.

Schwierig ist es sicher auch für die Opfer.
Hilflosigkeit ist bei den Opfern ein grosses Thema. Oft erhalten sie von ihrem Umfeld auch nicht die gewünschte Unterstützung, etwa wenn sie gefragt werden, ob sie ihren Stalkern einen Grund gegeben hätten.

*Fedor Bottler ist stellvertretender Leiter der Opferhilfe Zürich.