Adventskalender - 17.12.

17. Dezember 2011 00:01; Akt: 22.11.2011 16:04 Print

Im Cockpit des Drift-Gottes

Wenn es um schleudernde Autos geht, spielt Ken Block in einer eigenen Liga. Unser Autor drehte eine Runde mit ihm – und wurde auf dem falschen Fuss erwischt.

Mit Ken Block auf eine Driftrunde (Video: 20 Minuten Online / Marion Bangerter).
Zum Thema
Fehler gesehen?

Wir sind nicht «Top Gear». Wir haben nicht das grösste Budget «in the World» und wir können uns keine explodierenden Wohnwagen vor einer malerischen Kulisse leisten. Bei einem Angebot des Sponsors, im Rahmen der «Gymkhana World Tour» Mitte Juli in Wien eine Runde mit Ken Block zu fahren, zögere ich jedoch keine Sekunde. Und ich denke auch nicht darüber nach, dass zweieinhalb Stunden Hin- und Rückflug und zwei Hotelübernachtungen für ein zweiminütiges Erlebnis den Ausdruck Verhältnisblödsinn neu definieren. Stattdessen packe ich die Kotztüte ein.

«Willkommen in der Sauna», grüsst Ken Block, als ich mich in seinen 650-PS-Ford zwänge. Die Sonne brennt unerbittlich. Es herrschen 35 Grad – draussen. Im Wagen sind es nahezu 80. Eine der Cockpitkameras ist bereits ausgestiegen und auch Block macht nicht mehr den frischesten Eindruck. Er hat bereits vier Journis über den abgesperrten Parcours chauffiert. Ich bin Nummer fünf. Trotzdem bleibt er freundlich und fragt, ob ich bereit sei. Dann gibt er Gas.

Kick am Start

Die Beschleunigung am Start drückt mich mit enormer Kraft in den Sitz. 1,9 Sekunden benötigt Blocks Fiesta (mit Slicks), um auf 100 Stundenkilometer zu beschleunigen. Diese Zeit steht einem Formel-1-Boliden in nichts nach und ist hart an der Grenze des Machbaren für Fahrzeuge mit Radantrieb. Dementsprechend befinde auch ich mich im Grenzbereich. Je länger Block auf die Tube drückt, desto bedrohlich leichter fühlt sich mein Körper an. Die Abschrankungen rasen auf uns zu. Eine Kollision scheint unabwendbar. Doch dann tritt Block auf die Bremsen.

Schlagartig hänge ich in den Gurten. Ich spüre jedes Gramm meines Ferienspecks doppelt und dreifach. Achterbahnfahren ist ein Spaziergang dagegen. Zu meinem Erstaunen sollte dies aber die letzte körperliche Grenzerfahrung gewesen sein. Denn sobald Block zur Drift ansetzt, wechselt die Gangart abrupt.

Ich mag es laut und simpel. Motorengeheul und Doughnuts sind mir lieber als sich im Kreis drehende Diskussionen. Lieber oben ohne als oben Hemd. Deshalb ist Motorsport so eine feine Sache: laut, knallig, und es riecht nach verbranntem Gummi.

Mit ein paar Tim-Taylor-Grunzern lässt sich ein Drifterlebnis mit Ken Block aber nicht abhandeln. Sobald Block in die erste Kurve einbiegt, wird klar, der heulende Motor und die qualmenden Reifen sind nur spektakuläre Abfallprodukte, die den Eindruck erwecken, Driften sei eine brachiale Angelegenheit. Dabei ist es genau das Gegenteil. Wenigstens wenn Ken Block am Steuer sitzt.

Meditatives Erlebnis

Weit weg sind plötzlich der Lärm, die Hitze und die halbnackten Hostessen. Wie ein Luftkissenboot gleitet das Fahrzeug über den Asphalt. Wie in Zeitlupe schwebt es zentimetergenau an Mülltonnen und Randsteinen vorbei und ändert scheinbar beliebig die Fahrtrichtung. Ich fühle mich wie in Watte gepackt. Die gewaltigen Kräfte, die hier spielen, sind nur noch unterschwellig zu spüren, dafür dominieren nun Präzision und Eleganz. Es hat was von Ballett – mit dem Unterschied, dass ein Fehler keine Tränen, sondern einen Grosseinsatz der Feuerwehr auslöst. Aber so weit kommt es nicht.

Block zeigt seinem Rennwagen zu jeder Zeit, wer hier der Chef im Ring ist. Der Walzer über den Parkplatz in der charmefreien Wiener Industriepampa wird zum meditativen Erlebnis. Diese Anmut hatte ich nicht erwartet. Statt einer Kotztüte hätte ich ein Taschentuch mitnehmen sollen. Überwältigt und ergriffen steige ich aus dem Wagen aus.

Eine Stunde später darf dann auch der YouTube-Star seinen Wagen verlassen. Abgekämpft, völlig verschwitzt und in gebückter Haltung. Was für den Beifahrer so leicht wirkt, ist in Tat und Wahrheit Knochenarbeit. Und Ken ist keine Ballerina, sondern ein hart arbeitender Mann. Später wird er sagen: «Ich bin immer glücklich, wenn ich Leuten die Erfahrung schenken kann, mit mir in den Wagen zu steigen. Schade nur, dass ich nicht jeden herumfahren kann.» Vor diesem Mann ziehe ich meinen Helm.

Innere und äussere Werte

Am nächsten Tag startete die «Gymkhana World Tour»: Motorsport wieder laut und knallig und nur so strotzend vor Testosteron. Die «Vamummtn» und spärlich bekleidete Tänzerinnen animierten ein spärlich bekleidetes Publikum dazu, Ken Block und den restlichen Stuntleuten die Hölle noch heisser zu machen. Eine geile Show. Aber ich habe nun auch ihre inneren Werte kennengelernt. Und für die würde ich auch nach Melbourne fliegen, ohne von Verhältnisblödsinn zu reden.

(tog)