Fifa-Skandale

02. Juni 2011 08:17; Akt: 02.06.2011 08:18 Print

Vier (Abseits-)Fallen für Sepp Blatter

von Peter Blunschi - Sepp Blatter bleibt Fifa-Präsident – vorerst. Seine vielen Feinde werden nicht lockerlassen. Es gibt einige Stolpersteine, die ihn zu Fall bringen können.

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Siegerpose bei Sepp Blatter: Die Wiederwahl ist geschafft. So schwierig war das zwar nicht: Der Walliser war der einzige Kandidat. Gratulationen gab es trotzdem von allen Seiten. Ein Blick zurück: Am 1. Juni 2011 fand im Zürcher Hallenstadion der 61. Fifa-Kongress statt. Das grosse Thema: Die Präsidentschaftswahl. Fifa-Präsident Sepp Blatter (l.) und Generalsekretär Jerôme Valcke bei ihrer Ankunft im Hallenstadion. Einmal angekommen, begrüsste Blatter Exekutivmitglied Chuck Blazer (r.). Blatter trat als einziger Kandidat zur (Wieder-)Wahl als Fifa-Präsident an. Sein Kontrahent Mohammed Bin Hammam warf das Handtuch, nachdem Korruptionsvorwürfe gegen ihn laut wurden. Wenig später wurde der Katarer dann suspendiert. Der Walliser äusserte sich in seiner Rede kritisch zu den Vorgängen in den Tagen vor der Wahl, die von Korruptionsvorwürfen geprägt waren. Er will in der Fifa aufräumen und die WM künftig nicht mehr vom Exekutivkomitee, sondern vom Kongress vergeben lassen. Auch die Mitglieder der Ethikkomission sollen so gewählt werden. Dies ist wohl Blatters letzte Chance, etwas für das angekratzte Ansehen der Fifa (und sein eigenes) zu tun. Der Antrag der englischen Delegation, die Präsidentschaftswahl zu verschieben, wurde mit 198:4 Stimmen abgelehnt. Deshalb war so gut wie sicher, dass Sepp Blatter wiedergewählt werden würde. Die Kongressmitglieder lauschten gespannt den Rednern. Unter ihnen auch Uefa-Präsident Michel Platini. Alle Blicke richtetn sich auf Sepp Blatter. Franz Beckenbauer redete etwas länger als geplant. Obwohl Blatter der einzige Kandidat war, entschied man sich gegen eine Wahl per Akklamation. Fleissig füllten die Kongressmitglieder einzeln die Wahlzettel aus und legten sie in die Urne. Das Prozedere dauerte fast zwei Stunden. Am Ende hiess der Fifa-Präsident für die nächsten vier Jahre - wen wunderts - Sepp Blatter. Er erhielt 186 Stimmen. 203 Wahlzettel waren insgesamt abgegeben worden.

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Viermal hat sich Joseph S. Blatter zum Präsidenten der Fifa wählen lassen, nur 2007 verlief das Prozedere reibungslos. Die anderen Wahlkämpfe verkamen zu einer Schlammschlacht – ein Indiz dafür, wie sich das Klima im mächtigsten Sportverband der Welt unter der Ägide des Wallisers verschlechtert hat. Auf vier ruhige Jahre kann Blatter deshalb kaum hoffen. Mehrere «Baustellen» könnten ihm gefährlich werden:

WM 2022 in Katar: Seit der überraschenden Vergabe der Fussball-Weltmeisterschaft 2022 an den winzigen Wüstenstaat Katar gibt es Gerüchte, die Ölscheichs hätten sich das Turnier mit Schmiergeldern erkauft. Im Vorfeld der Präsidentenwahl nahm die Kontroverse an Schärfe zu. Concacaf-Präsident Jack Warner behauptete, Katar habe an vier Fifa-Exekutivmitglieder insgesamt 20 Millionen Dollar bezahlt. Beweise blieb Warner entgegen seiner Ankündigung schuldig, doch die Angelegenheit ist kaum ausgestanden.

Der Journalist und Blogger Jens Weinreich berichtet von einem Deal zwischen Sepp Blatter und Prinz Tamim Bin Hamad al Thani, einem Sohn des Emirs von Katar. Demnach sollte sich Blatters Gegenkandidat Mohamed Bin Hammam zurückziehen. Der Fifa-Boss habe dafür zugesichert, alles zu unternehmen, dass die WM in Katar stattfinden wird. Bin Hamman zog sich zurück, doch nun fordern verschiedene Verbände eine Untersuchung der Vergabe. Falls Katar die WM verlieren sollte, muss sich Blatter auf einiges gefasst machen.

ISL-Schmiergeldskandal: Seit dem Konkurs der Zuger Sportagentur ISL im Jahr 2001 wird die Fifa von Korruptionsvorwürfen verfolgt. Die ISL sicherte sich die Vermarktung der Übertragungsrechte für die Fussball-Weltmeisterschaften und soll dafür Schmiergelder an Fifa-Funktionäre bezahlt haben. Letztes Jahr kam es zu einem Vergleich: Gegen eine Zahlung von 5,5 Millionen Franken wurde das Strafverfahren eingestellt.

Verschiedene Medien bemühen sich um Einsicht in die Einstellungsverfügung der Zuger Staatsanwaltschaft. Die Fifa hat dies bislang mit Rekursen blockiert. Kritiker glauben, das Dokument könne Blatter zu Fall bringen. Er soll selber kein Bestechungsgeld kassiert, aber über die Zahlung an zwei Fifa-Exponenten Bescheid gewusst haben.

Persönliche Abrechnungen: Blatters Wiederwahl hatte einen hohen Preis: Mohamed Bin Hammam und Jack Warner wurden vorläufig suspendiert, weil sie angeblich versucht hatten, Stimmen gegen Blatter zu kaufen. Beide waren langjährige Mitstreiter des Wallisers, sie dürften genug wissen, um ihm schwer zu schaden. Zumindest im Fall von Warner zeichnet sich ab, das er in den Schoss der «Fifa-Familie» zurückkehren wird. Im Gegenzug dürfte es zu «Bauernopfern» kommen.

Erster Kandidat ist der Amerikaner Chuck Blazer. Der Concacaf-Generalsekretär fiel seinem Boss Warner in den Rücken und machte den angeblichen Stimmenkauf publik. Am Dienstag wurde bereits – verfrüht? – sein Rauswurf angekündigt und wieder zurückgenommen. Auch der Sitz von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke wackelt. Der Franzose hatte in einem Mail an Jack Warner geschrieben, die WM 2022 sei von Katar «gekauft» worden. Valcke wäre nach Michel Zen-Ruffinen und Urs Linsi bereits der dritte Generalsekretär in der Ära Blatter, der unfreiwillig gehen müsste.

Englische Rachegelüste: In England sitzt der Frust über die klare Niederlage gegen Russland bei der Vergabe der WM 2018 tief. Entsprechend verhasst ist Sepp Blatter auf der Insel. Das Parlament hat eine Untersuchung eingeleitet. Ein Austritt Englands aus der Fifa, den viele fordern, ist unwahrscheinlich. Aber die englischen Medien werden bei ihrer Jagd auf Blatter nicht locker lassen. Spekuliert wird auch, dass England mit Hilfe von grossen Fifa-Sponsoren wie Coca-Cola und Visa und anderen gewichtigen Verbänden wie Spanien und Deutschland den Fifa-Präsidenten zu Veränderungen zwingen könnte.

Daneben droht weiteres Ungemach für Blatter, denn auch Schweizer Politiker wollen dem Gebaren des wie ein «Chüngelizüchter»-Verein organisierten Milliardenkonzerns Fifa nicht mehr tatenlos zuschauen. Blatter versprach am Kongress in Zürich, sich für Reformen stark zu machen. Der Visper gilt nicht nur als «Napoleon des Fussballs», er ist auch ein begnadeter Überlebenskünstler. Dennoch sollte man besser nicht zu viel Geld darauf setzen, dass er seine vierjährige Amtszeit bis zum Ende absolvieren wird.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Prophet am 02.06.2011 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Frage der Zeit

    Macht! Mächtiger! Mächtigsten! Ohnmacht! Der Mächtige wird an seiner Macht zugrunde gehen.Das hat Napoleon auch erfahren.

  • Paul Buchegger am 02.06.2011 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    Der durchtriebene "King Sepp"

    Für mich ist "King Sepp" vor allem eine Lachnummer (Siehe auch Giacobbo+Müller-Satiresendung). Er diskreditiert den kurrupten Fussball auch noch an oberster Stelle. "King Sepp" ist für unser Land wahrlich kein Ruhmesblatt. Er bestätigt nur das weitverbreitete uralte Vorurteil aus der Reisläuferzeit: "Pas d'argent pas de Suisses".

  • Rolf Wittwer am 02.06.2011 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    Lebensläufe

    Es wäre gewiss höchst aufschlussreich, die Lebensläufe (CV's) aller an den Wahlen "berechtigten Verantwortlichen" unter die Lupe zu nehmen. Ich vermute, dass da der grösste Teil dank Vitamin B und anderen Gefälligkeiten zu ihrem wohldotierten Jöbchen gekommen ist (speziell Afrika, Arabische Staaten u.a..). Nicht Alles unserem "Sepp" aufbürden!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schwiizerörgeli am 04.06.2011 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Was der Schacher Seppali

    in der Volksmusik, ist der Blatter Seppali im Fussball. Wenn er Petrus einmal ein dickes Couvert mitbringt, wird er auch im Himmel Präsident, oder eventuell doch ein paar Stockwerke tiefer.

  • Troehler Dora am 03.06.2011 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Rosige Zukunft

    voller Vorfreude warte ich auf die naechsten Wahlgaenge und natuerlich wird das Matterhorn zum Peak Blatter und das Goms zum Seppliland.. nicht zu vergessen die Seligsprechung und zudem werden dann die Kreuze im Wallis mit dem Fussball ersetzt - schoene neue FIFA Welt und hier in Afrika spielen die Meisten Fussball noch ohne Schuhe und T-Shirt!

  • Der Schmierfink am 03.06.2011 08:20 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo Sepp

    Alle sind empört über die FIFA. Alle anderen Sportvereine dieser Welt tun das gleiche. Siehe Vergabe Olymiade oder Tenis oder oder... Schmieren und Salben damit die Sportanlässe zu Ihnen kommen. Der Sepp schmiert eben am Besten und macht es am besten darum soll er noch etwas bei der FIFA bleibe.

    • C.Bertolucci am 03.06.2011 11:53 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht schlecht.

      Da geht mir der Laden runter wenn ich so etwas Lese!! So eine Einstellung. Klasse!

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  • Luca am 03.06.2011 04:10 Report Diesen Beitrag melden

    Anstand und Würde

    Der Sepp Blatter hat geschafft, was nur wenige Schweizer bisher geschafft haben. Er hat es tatsächlich fertiggebracht, dass wir uns als Kollektiv wieder einmal so richtig vor dem Rest der Welt schämen müssen. Den Abgang in Würde hat er schon lange verpasst und jetzt hat er auch einen Abgang mit Anstand verpasst.

    • Gonzo am 04.06.2011 18:13 Report Diesen Beitrag melden

      Das Böse ist immer und überall, wau, wau

      Alle andern, und die Bankster, und die Politiker/innen...und, und, und, sind halt viel, viel besser...!

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  • mona am 02.06.2011 21:01 Report Diesen Beitrag melden

    Geld Regiert die Welt

    Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Habe zwar mit Fussball nichts am Hut, aber was man so Liest läuft auch da nicht alles Sauber.