Wiederwahl

02. Juni 2011 10:44; Akt: 02.06.2011 10:45 Print

Ganz einfach der mächtigste Schweizer

von Klaus Zaugg - Fifa-Präsident Sepp Blatter (75) beherrscht die Machtpolitik wie kein anderer und ist deshalb der Machiavelli des 21. Jahrhunderts. Eine Würdigung.

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Siegerpose bei Sepp Blatter: Die Wiederwahl ist geschafft. So schwierig war das zwar nicht: Der Walliser war der einzige Kandidat. Gratulationen gab es trotzdem von allen Seiten. Ein Blick zurück: Am 1. Juni 2011 fand im Zürcher Hallenstadion der 61. Fifa-Kongress statt. Das grosse Thema: Die Präsidentschaftswahl. Fifa-Präsident Sepp Blatter (l.) und Generalsekretär Jerôme Valcke bei ihrer Ankunft im Hallenstadion. Einmal angekommen, begrüsste Blatter Exekutivmitglied Chuck Blazer (r.). Blatter trat als einziger Kandidat zur (Wieder-)Wahl als Fifa-Präsident an. Sein Kontrahent Mohammed Bin Hammam warf das Handtuch, nachdem Korruptionsvorwürfe gegen ihn laut wurden. Wenig später wurde der Katarer dann suspendiert. Der Walliser äusserte sich in seiner Rede kritisch zu den Vorgängen in den Tagen vor der Wahl, die von Korruptionsvorwürfen geprägt waren. Er will in der Fifa aufräumen und die WM künftig nicht mehr vom Exekutivkomitee, sondern vom Kongress vergeben lassen. Auch die Mitglieder der Ethikkomission sollen so gewählt werden. Dies ist wohl Blatters letzte Chance, etwas für das angekratzte Ansehen der Fifa (und sein eigenes) zu tun. Der Antrag der englischen Delegation, die Präsidentschaftswahl zu verschieben, wurde mit 198:4 Stimmen abgelehnt. Deshalb war so gut wie sicher, dass Sepp Blatter wiedergewählt werden würde. Die Kongressmitglieder lauschten gespannt den Rednern. Unter ihnen auch Uefa-Präsident Michel Platini. Alle Blicke richtetn sich auf Sepp Blatter. Franz Beckenbauer redete etwas länger als geplant. Obwohl Blatter der einzige Kandidat war, entschied man sich gegen eine Wahl per Akklamation. Fleissig füllten die Kongressmitglieder einzeln die Wahlzettel aus und legten sie in die Urne. Das Prozedere dauerte fast zwei Stunden. Am Ende hiess der Fifa-Präsident für die nächsten vier Jahre - wen wunderts - Sepp Blatter. Er erhielt 186 Stimmen. 203 Wahlzettel waren insgesamt abgegeben worden.

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Niccolo Machiavelli, ein Politiker, Philosoph und Schriftsteller aus dem Zeitalter der Renaissance, hat den Begriff Machiavellismus geprägt: Machtpolitik mit rücksichtsloser Ausnutzung aller Mittel. Seine Bücher sind noch heute die Gebrauchsanleitung zu jeder politischen Karriere. Tief im Herzen möchten alle Politiker kleine Machiavellis sein. Nur ganz wenige sind es mit Leib und Seele. Einer davon ist Sepp Blatter. Er hat die Regierungsform des Absolutismus aus der Renaissance ins 21. Jahrhundert hinübergerettet. Aber anders als Frankreichs König Ludwig XIV, die Kultfigur aller absolutistischen Herrscher, hat er nicht einmal finanzielle Sorgen.

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Auf den ersten Blick scheint es unbegreiflich, dass ein Mann, der scheinbar weltweit von den Medien geschmäht wird, mit einem Glanzresultat für eine vierte Amtsperiode gewählt worden ist. Doch genau das erklärt das Wesen und Wirken der Fifa.

Unwetter ohne Wirkung

Kritik an der Fifa und an Sepp Blatter, die sich lediglich auf die Art und Weise bezieht, wie Geld verteilt wird, verhallt wie Theaterdonner. Es blitzt und donnert zwar gewaltig und gebannt starrt das Publikum auf die schwarzen Wolken am Medienhimmel – aber die Unwetter bleiben ohne jede Wirkung. Gewählt wird Sepp Blatter von den Delegierten der 208 Mitgliedsländer – und die sind in ihren Ländern auch kleine «Blatterli». Die funktionieren ähnlich oder gleich. Alte Männer wie Sepp Blatter, die um ihre Macht kämpfen, mögen von den Medien und in westlichen Demokratien geschmäht werden – in sehr vielen Fifa-Mitgliederländern aber werden solche graue Leitwölfe als «Krokodile» oder «Löwen» verehrt. Blatter geniesst gerade wegen seiner Machtpolitik weltweit grössten Respekt. Denn die Mächtigen verstehen sich immer.

Als Präsident kann er in der Fifa auf der «inneren Linie» operieren und ist gegen jeden Herausforderer im Vorteil. Im Notfall setzt er die Ethikkommission, seine «juristische Leibgarde», in Marsch. Sie kann jeden Fifa-Funktionär um Amt und Ehren bringen – aber sie wendet sich so wenig gegen ihren Präsidenten wie die alte Garde gegen Napoleon.

Eine Männerrunde nach eigenem Gutdünken

Das Sittenbild der Fifa zeigt lediglich einen Alltag, der gar nicht anders sein kann. Immer wieder wird nämlich vergessen, dass der Weltfussballverband nicht mit westlichen Massstäben der Demokratie und Transparenz gemessen werden darf. Die Fifa ist weder eine öffentlich-rechtliche Institution noch eine Aktiengesellschaft. Sondern bloss ein Verein nach Artikel 60ff unseres Zivilgesetzbuches und daher ohne strenge Auflagen für Bilanzierung, Buchführung, Gewaltentrennung und Transparenz wie eine AG oder ein demokratisches Staatsgebilde. Als Fifa-Gericht fungiert eine Ethikkommission, deren Mitglieder die Täter selber auswählen. Die TV- und Werbeeinahmen schwemmen unaufhörlich Geld in die Kassen (jede WM zinst mit über drei Milliarden Franken) und es gibt keine demokratische Kontrolle über diese Geldflüsse. Die Kohle verteilt eine Männerrunde nach eigenem Gutdünken. Deshalb ist die Fifa die mächtigste und wirtschaftlich erfolgreichste Männerrunde der Weltgeschichte. Im Vergleich zu Fifa-Präsident Sepp Blatter war selbst Julius Cäsar ein Warlord mit regional beschränktem Einfluss.

Ob Sepp Blatter den Willen und die Kraft hat, die Fifa zu verändern? Diese Frage müsste höchstwahrscheinlich mit «Nein» beantwortet werden. Obwohl der Machtwolf ab und zu Kreide frisst und Reformen verspricht. Aber diese Frage stellt sich gar nicht: Das Wesen und Wirken der Fifa verändern, hiesse ja, die eigene Machtbasis demontieren.

Die öffentliche Meinung interessiert nicht

Kann sich der Weltfussballverband einen Präsidenten wie Sepp Blatter leisten? Wenn wir die öffentliche und veröffentlichte Meinung berücksichtigen, lautet die Antwort «Nein». Aber diese Meinung interessiert in der Fifa die Mächtigen nicht. Wir leben zwar in Zeiten tiefgreifender politischer und wirtschaftlicher Veränderungen. Doch die Fifa erwirtschaftet im Jahr durchschnittlich rund eine Milliarde aus dem Sport-Business – und das ist ein «ewiges» Geschäft, das durch die Zeitläufe kaum berührt wird.

Wenn wir also die Fifa verstehen wollen, müssen wir den Blick rückwärts wenden. In die Zeit lange vor der Französischen Revolution. Und uns mit den Schriften von Niccolo Machiavelli (1469-1527) oder dem Leben am Hofe von Ludwig XIV (1638 – 1715) befassen. Und dann erkennen wir: So arg treiben es Sepp Blatter und seine Freunde im Vergleich zu ihren historischen Vorbildern ja nicht einmal.

Gehen wir zum Schluss noch einer Frage nach: Ist Sepp Blatter ein guter Botschafter der Schweiz? Ja, das ist er. Wer so schlau, notfalls so rücksichtslos, aber immer legal seine Macht über eine so lange Zeit zu verteidigen vermag, der geniesst die Bewunderung aller Mächtigen dieser Erde. Kein anderer Schweizer hat in diesen Tagen so viel Macht und Einfluss wie Sepp Blatter. Er ist ganz einfach der mächtigste Schweizer.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ueli Schaufelberger am 02.06.2011 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Imageschaden für die Schweiz

    Die Schweizer Nationalmannschaft wird am Samstag sang-und klanglos im Wembley untergehen - weil es keine bessere Motivationsspritze gibt für die englischen Kicker. Die Engländer unterscheiden dann nicht, dass Sepp Blatter nicht die Schweiz ist. Danke Sepp :-) Wer die Wahrheit über die FIFA wissen möchte, sollte sich mal die Reportage der ARD: Foulspiel ansehen. Merkt Sepp nicht - dass es noch andere Ansichten gibt ausserhalb der FIFA-Familie ? Welch ein Ignorenanz..

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  • Stefan Baumann am 02.06.2011 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    Historische Korrektur

    Nun ja, bei Machiavelli ging es primär einmal um eine radikale Säkularisierung der Politik, indem neue Kategorien wie Patriotismus eingeführt wurden. Seinen schlechten Ruf verdankt er nicht seiner "Machtpolitik mit rücksichtsloser Ausnutzung aller Mittel.", viel eher seiner fürstlichen Verhaltenslehre (Monarch darf sich über das Wohl des einzelnen Stellen, wenn der Allgemeinheit gedient wird). ABsolutismus wurde damit noch nicht eingeführt, dass kam erst später (mit Bodin). Der Artikel ist von schlechter Qualität.

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  • Dino am 02.06.2011 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    "Legale" Macht

    Diese "legale Macht" verdankt man den "eigenen Gesetzen". Eine kleine Welt. Dennoch wäre es für uns Schweizer besser, wenn sich die FIFA in ein anderes Drittweltland verziehen würde. Für unser Image ist das ja noch verheerender als die "Leistungen" gewisser Grossbanken in der Vergangenhti. Go packing!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Päde am 03.06.2011 08:02 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild Machhiavelli?

    Wo Machhiavellismus hinführt, zeigt doch Berlusconi, Gaddhafi, Mubarak und andere. Wollte ich die Bewunderung dieser Leute? Tatsache ist doch, dass diejnigen, welche nach der Machhiavellistischen Lehre ihre Macht ausüben, nicht das Wohl aller, sondern einzig und allein ihrem Egoismus fröhnen. Meist aus einfachen Verhältnissen stammend, geniessen diese Leute es im Rampenlicht zu stehen, erfolgreich zu sein und vor allem ihre Sucht nach Anerkennung zu befriedigen.

    • Saah Ogeid am 03.06.2011 12:08 Report Diesen Beitrag melden

      So ist es...

      Päde, da kann ich Ihnen nur recht geben. Mal einer der es auf den Punkt bringt!

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  • Laredo am 02.06.2011 22:42 Report Diesen Beitrag melden

    Kopf ab...

    Aber dem Sonnenkönig blühte eine Revolution und er verlor seinen Kopf. Das war die Folge eines machiavellistischen Lebensstil. Früher oder später verlieren sie alle ihre Köpfe.

    • Hahaha am 03.06.2011 09:53 Report Diesen Beitrag melden

      Nenene

      Vielleicht sollten Sie die Geschichtsbücher nochmals hervorkramen.... der Sonnenkönig wurde nicht geköpft, das war erst Ludwig der 16.

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  • baschi am 02.06.2011 18:07 Report Diesen Beitrag melden

    König Sepp

    Unser aller Sepp! Wir brauchen in Bern solche Mannen, dann kommt alles wieder gut.

  • Sebastian Grosser am 02.06.2011 17:28 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Blatter vor den Mund nehmen

    Die Machtpolitik der Fifa sollte nicht mit der Schweiz in Verbindung gebracht werden. Eine Würdigung dieser Machtausübung passt nicht zur Tradition der Schweiz. Solange Blatter den Fifa-Hut auf hat, grüsse ich diesen Hut jedenfalls nicht! Schön wäre natürlich schon, wenn die Schweizer Nationalmannschaft eventuell mit Rat und Tat vom "mächtigsten Schweizer" unterstützt würde und so endlich einen Pokal in der nächsten WM gewinnen könnte?

  • Lexu am 02.06.2011 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    Sepp for Bundesrat

    Der beherrscht das Krisenmanagement, einen solchen Mann brauchen wir (Libyenkrise, Bankenkrise, Steuerstreit, EU usw.) Dieser Mann ist am falschen Platz !!