20-Minuten-Online-Team

19. Juni 2011 15:00; Akt: 20.06.2011 11:00 Print

«Wenn die Wunde nicht zu geht, ist es aus»

von Stefan Ryser - Bei den Vorbereitungen zum Gigathlon läuft bei unserem Team nicht alles rund. Biker Stefan hat sich bei einem Sturz schwer verletzt. Ist das das Ende für das sportliche Vorhaben? Ein Lagebericht.

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Noch hat Stefan gut Lachen beim Laktattest, doch zwei Stunden später ist schluss mit lustig: Nach einem Sturz hat der Biker eine tiefe Wunde am Schienbein - man sieht sogar den Knochen.

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Vor rund drei Wochen hat unser für den Mountainbike-Teil zuständiges Gigathlon-Team-Mitglied einen herben Rückschlag erlitten. Auf einen Schlag kommt das ganze Projekt ins Wanken. Wie das Drama begann um Biker Stefan seinen Lauf nahm und eine Einschätzung von Sportarzt Walter Kistler.

Eben noch habe ich am Gigathlon Campus auf dem Hometrainer einen Laktatstufentest gemacht. Nun drehe ich mit dem Bike auf einem flüssigen Singletrail mit Treppe, die ich schon am Morgen mehrmals gefahren bin, wieder richtig auf, auch die unteren zwölf Treppenstufen nehme ich locker. Ich hab Lust auf mehr. Und dreh nochmals eine Runde.

Ein weiteres Mal fahre ich die Treppe, obwohl ich körperlich schon ziemlich kaputt bin. Zu kaputt. Zu unkonzentriert. Zu langsam. Und mit dem Oberkörper zu weit vorne: Anfängerfehler, ziemlich schnell bin ich ganz unten. Ich hab mich grad wahnsinnig überschätzt. Auch ein Anfängerfehler, oft schmerzhaft noch dazu: Unterhalb des linken Knies klafft eine 4 cm lange Rissquetschwunde, die bis auf den Schienbeinknochen geht und möglichst rasch gespült/genäht werden sollte. Ein Gigathlon-Betreuer fährt mich sofort in die Notaufnahme.

Mindestens eine Woche Trainingspause, meint der Arzt. Wenn ich Glück habe.
Ich habe Pech; die Wunde infiziert sich, ich muss zurück ins Spital. Nach drei Tagen komme ich wieder raus, muss aber mehrere Wochen Trainingspause einrechnen, da eine so tiefe Wunde – war sie mal infiziert – nicht mehr genäht werden darf und also lange offen bleibt. Ob ich am Gigathlon starten kann, ist ungewiss. Vier Wochen nach dem Unfall und vier Wochen vor dem Wettkampf ist die Wunde so weit verheilt, dass sie sich bestenfalls in den nächsten ein, zwei Wochen ganz schliessen könnte, wie mein Hausarzt sagt.

Kann ich mit einer so grossen Pause und nur zwei, drei Wochen Vorbereitungszeit überhaupt noch starten? Ich möchte es genau wissen, und zwar von jemandem, der es wissen muss. Dazu telefoniere ich mit Walter Kistler, Sportarzt am Spital Davos – und Leitender Arzt beim Gigathlon. Er schlägt als erstes vor, dass wir uns duzen – wie das Gigathleten untereinander tun, was mich als im Training verunfallter Anfänger natürlich ehrt.

20 Minuten Online: Walter, habe ich vier Wochen vor dem Start noch eine echte Chance, am Gigathlon teilzunehmen?
Walter Kistler: Aus der Ferne schwierig einzuschätzen. Sobald die Wunde geschlossen ist und du keine Schmerzen mehr hast, spricht eigentlich nichts gegen eine Teilnahme.

Wann spätestens muss ich Forfait geben?
Wenn absehbar wird, dass sich die Wunde nicht mehr rechtzeitig vor dem Wettkampf schliesst, musst du verzichten. Man kann nicht mit einer offenen Wunde Sport treiben. Die Wunde sollte mindestens zwei – besser drei – Wochen vor dem Wettkampf geschlossen sein. Dann hast du auch noch eine reelle Chance, dich wieder einigermassen in Form zu bringen.

Zwei, drei Wochen Training vor dem Wettkampf würden reichen?
Sofern du dich kräftemässig dabei nicht übernimmst und du in den letzten 4-5 Tagen vor dem Wettkampf keine anstrengenden Einheiten mehr absolvierst, kann dies reichen.

Wie sieht ein solches Training aus?
Wieder ganz locker beginnen, und dann stufenweise im aeroben Bereich steigern, ohne diesen gleich zu verlassen. Dabei ist es wichtig, dass man auf seinen Körper hört. Am besten beginnst du auf dem Hometrainer, wo du dich besser kontrollieren kannst.

Aber ich würde auf jeden Fall wieder bei null beginnen, mit einem Trainingsrückstand von über einem Monat?
Du würdest sicher nicht die volle Leistung bringen, das ist illusorisch bei einem Trainingsrückstand in dieser Grössenordnung. Eine infizierte Verletzung ist nicht bloss ein lokales Ereignis, das schwächt den ganzen Körper. Aber du kannst immer noch auf einer guten Grundkondition aufbauen, oder?

Im Laktatstufentest Anfang Mai hiess es, meine Grundkondition sei gut.
Eben. Und du gehst ja nicht voll wettkampfmässig, sondern nach dem Motto «Mitmachen ist alles». Klar ist der Gigathlon dieses Jahr relativ hart, aber du bist ja in einem Team – das sieht dann auch wieder etwas anders aus.

Gegen Ende dieses Blitz-Trainings, so eine Woche vor dem Wettkampf, darf ich auch mal ein paar Stunden voll gehen, selbst im anaeroben Bereich?
Auf jeden Fall. Am Gigathlon gehst du ja auch wieder voll, deshalb musst du im Vorfeld schauen, ob das überhaupt möglich ist. Das Schlechteste wäre, nur wenig bis gar nichts zu machen, und dann im Wettkampf zu spüren, dass es nicht geht.

Die Wunde ist immer noch offen. Kann ich den Heilungsprozess beschleunigen?
Ja. Solange die Wunde noch offen ist, musst du das Bein unbedingt ruhig stellen, am besten hochlagern. Und dann ist es auch wichtig, dass du auf eine gute Ernährung achtest: Der Körper braucht jetzt besonders viele Proteine, Vitamine und Mineralstoffe, etwa Zink.

Wie komme ich an diese Nährstoffe?
An Proteine kommst du am besten über mageres Kalb- oder Rindfleisch, als Vegetarier greifst du dafür vermehrt auf Sojaprodukte zurück. Für die Vitamine viel Gemüse und Obst. Da gibt es die Take-five-Regel: Fünf verschiedene Farben pro Tag, zum Beispiel eine Grapefruit, ein Apfel, Tomaten, Blattsalat, Karotten. Für die Mineralstoffe nimmst du am besten noch ergänzend ein Aufbaupräparat.

Interessant: Ich habe in den letzten Wochen tatsächlich mehr Fleisch und Grünzeug gegessen, das baut mich jetzt wirklich grad wieder etwas auf.
(Lacht) Ich habe schon einiges erlebt. Als Sportmediziner weiss ich, dass eben oft auch mehr möglich ist, als man dies gemeinhin annehmen würde. Also auf keinen Fall die Hoffnung aufgeben, und gleichzeitig trotzdem auf deinen Körper hören. Und halt auch im Wettkampf Grösse zeigen und aufgeben, wenns dann doch nicht geht.

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