Nati-Coach Sean Simpson

03. Mai 2012 13:01; Akt: 03.05.2012 13:09 Print

«Ich nehme Niederlagen persönlich»

von Klaus Zaugg, Helsinki - Er sieht sich selbst als «Player's Coach», wirkt aber oft wie ein Griesgram: Nationaltrainer Sean Simpson über das Verlieren, seinen Assistenten und den neuen WM-Modus.

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Sean Simpson ist seit März 2010 Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Keystone/AP)

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Höhenflug an der WM 2010 in Deutschland, Tristesse beim Turnier 2011 in Kosice mit dem Verpassen der Viertelfinals: Mr. Simpson, was dürfen wir 2012 in Helsinki erwarten?
Sean Simpson:
Ich teile Ihre Einschätzung nicht. Es gibt kaum eine Differenz zwischen den Turnieren von 2010 und 2011.

Sie scherzen: 2010 in Mannheim die Triumphe über Kanada und Tschechien und die Viertelfinals. 2011 mussten wir sogar gegen Frankreich in die Verlängerung ...
... was uns wohl die Viertelfinals gekostet hat. Dennoch: Wir haben 2011 nicht schlechter gespielt. Ein paar Details trüben die Aussenwahrnehmung: Die Verlängerung gegen Frankreich und ein schlechtes Drittel gegen Norwegen. Gegen Norwegen haben wir ja auch 2010 verloren. 2010 ist der Puck unseren Weg gegangen. 2011 nicht.

Nun gibt es einen neuen Modus ohne Vor- und Zwischenrunde. Die Viertelfinals werden in einer Achtergruppe ausgespielt. Wird es schwieriger, die Viertelfinals zu erreichen?
Wir müssen differenzieren: Für die Fans und die TV-Zuschauer ist dieser Modus viel besser. Alles wird planbar. Jeder weiss jetzt schon, wann wir gegen wen spielen. Das war beim Modus mit Zwischenrunde nicht so. Ob der Modus sportlich besser ist, müssen wir erst sehen.

Wo könnte denn das Problem liegen?
Da ist einmal eine sehr hohe Belastung: Wir spielen in elf Tagen sieben Spiele. Das ist mit einer Best-of-Seven-Serie in den Playoffs vergleichbar. 2011 haben wir nur einmal an zwei Tagen hintereinander gespielt. In Helsinki müssten wir dreimal zwei Partien in zwei Tagen spielen und zweimal erst noch gegen Teams, die zuvor einen Ruhetag hatten. Einer solchen Belastung wie bei dieser WM waren wir noch nie ausgesetzt.

Die Viertelfinals werden ja unter den Teams der gleichen Gruppe ausgetragen. Eine delikate Ausgangslage.
Ja, es muss sich weisen, welche Folgen das hat. Wir können nicht ausschliessen, dass Teams, die sich vorzeitig für die Viertelfinals qualifizieren, darauf schauen, welchen Gegner sie bekommen. Dann kann es sich eventuell lohnen, ein Spiel zu verlieren. Wohlverstanden: Ich sage nicht, dass das so sein wird. Aber es ist nicht auszuschliessen. Es ist wichtig, dass wir von allem Anfang an unter den ersten vier der Tabelle sind.

Wird es schwieriger?
Ich denke nicht. Wir sehen halt jetzt bei einem Blick auf den Spielplan, dass wir wohl Finnland, Kanada, USA oder die Slowakei hinter uns lassen müssen. Beim vorherigen Modus mit der Zwischenrunde war das jeweils nicht gleich auf den ersten Blick ersichtlich.

Bei der WM 2009 in der Schweiz war die Forderung an Ralph Krueger klar: Die Viertelfinals oder das Ende der Zusammenarbeit. Stehen Sie auch so unter Druck?
Nein. Niemand sagt, ich müsse die Viertelfinals erreichen um im Amt zu bleiben. Solcher Druck ist eh nicht nötig. Ich setzte mich selber stärker unter Druck als es jemand von aussen könnte.

Was muss gegenüber 2011 besser werden, damit wir die Viertelfinals erreichen?
Wie ich schon sagte: Wir waren 2011 nicht schlechter als 2010. Es braucht bloss ein Tor im richtigen Augenblick. Damit Punktverluste wie 2011 gegen Frankreich und Norwegen nicht passieren, müssen wir mental noch stärker werden.

Ihr Vorgänger Ralph Krueger hat uns selbst in grösster Not Luftschlösser gebaut und Optimismus verbreitet. Er hat den Traum von einer Medaille geradezu zelebriert. Verglichen mit ihm sind Sie, entschuldigen Sie den Ausdruck, eher ein Griesgram.
Das geht in Ordnung. Jeder hat eben seinen Stil und jeder versucht auf verschiedene Art das Gleiche: Das Beste aus den Spielern herauszuholen.

Wie ist Ihr Führungsstil?
Ich bin eher ein «Players Coach»: Ich bin offen und ehrlich zu meinen Spielern. Ich versuche die Freude an unserem Spiel zu vermitteln und es kommt nicht in Frage, dass einer aufgibt. Jeder Coach prägt sein Team, und meine Mannschaften sollen die Zuschauer begeistern, die Spieler sollen Spass haben.

Glauben Sie so fest an eine Medaille wie Ralph Krueger?
Ja, natürlich. Schliesslich haben wir an der WM die Grossen schon oft besiegt. Nun müssen wir dafür sorgen, dass alles bei einem einzigen Turnier zusammenpasst. Wenn wir über die Viertelfinals hinauskommen wollen, müssen wir mindestens drei Grosse beim gleichen Turnier besiegen.

Diesen dritten Sieg gegen einen Grossen im Viertelfinale schaffen wir einfach nicht. Wie können wir diese «Wand» der Viertelfinals endlich durchbrechen.
Damit uns das gelingt, müssen wir lernen, auch dann ein Spiel zu gewinnen, wenn wir nicht unser bestes Hockey spielen. Das ist die Stärke der Grossen. Auch sie kommen nicht ohne Durchhänger über die Dauer des Turniers.

Wir besiegen die Grossen in den Gruppenspielen. Aber nach sechs Spielen sind bei uns die Tanks leer. Hat das etwas damit zu tun, dass wir zu wenig Spieler haben, die in der NHL gelernt haben, eine Saison mit mehr als 80 Spielen durchzustehen?
Das spielt eine Rolle. Unsere Spieler sind gut genug, um diese Belastung auszuhalten. Aber letztlich kann man eine solche Belastung nur durch eigene Erfahrung aushalten. Mehr als 80 Spiele in einer Saison – das macht einen Spieler härter.

Sie haben Lance Nethery als Assistenten geholt. Warum um alles in der Welt Lance Nethery? Wir haben doch so viele gute Coaches in unserer Liga, die einen Platz in ihrem Coachingteam verdient hätten: John Fust, Kevin Schläpfer, Hans Kossmann ...
... da haben Sie recht. Wir haben in unserer Liga sehr viele sehr gute Coaches.

Warum holen Sie dann Lance Nethery?
Weil ich einen Assistenten wollte, der von aussen kommt.

Warum?
Gerade weil wir so viele gute Coaches in der Liga haben. Zu allen habe ich sehr gute Beziehungen. Wenn ich jetzt einen von vielen Guten nehme, dann störe ich die Harmonie und es bleibt immer bei den anderen der Gedanke: Warum der, warum nicht ich? Und Sie wissen besser als ich, wie heikel es ist, einen Klubtrainer als Assistenten zu holen. Das führt früher oder später zu politischen Schwierigkeiten. Wen hatte Ralph Krueger als Assistenten?

Peter John Lee, der Manager der Berliner Eisbären.
Sehen Sie. Auch er kam aus Deutschland, auch er hatte keinerlei Verbindungen zu Schweizer Klubs. Ich habe meinen Assistenten also nach den gleichen Kriterien ausgewählt wie Krueger.

Also eine politische Wahl?
Nicht nur. Lance Nethery kennt unser Eishockey aus eigener Erfahrung als Spieler und Trainer. Er spricht Deutsch und – das ist wichtig – er ist für die ganze Vorbereitungsphase verfügbar. Zudem kennt er auch Andy Murray in unserem Coachingteam bereits sehr gut.

Das Playoff-Finale in der Nationalliga haben der 7. und der 5. der Qualifikation bestritten. Zeigt dies eine Nivellierung nach unten?
Das Niveau ist höher geworden. Die guten Spieler sind jetzt über die ganze Liga verteilt. Ende der 1980er Jahren waren meist nur zwei Teams – Lugano und Bern – in der Lage, die Meisterschaft zu gewinnen. Heute ist es so, dass beinahe jeder, der die Playoffs erreicht, eine Chance hat, das Finale zu erreichen. Beunruhigt bin ich etwas über die grosse Zahl von Verletzungen.

Hat das damit zu tun, dass wir an zwei Tagen hintereinander spielen?
Dieses Argument habe ich schon oft gehört. Aber ich glaube nicht, dass das eine Rolle spielt. Eine solche Belastung müssen die Spieler in der NHL auch aushalten. Nein, es gibt keine plausible Erklärung. Da andere wichtige Ligen das gleiche Problem haben, auch die NHL, hat es möglicherweise mit dem immer schnelleren werdenden Spiel zu tun: Ein höheres Tempo führt zu heftigeren Zusammenstössen.

Sie haben auch diese Saison mehr als 40 Spieler aufgeboten. Ist es heute nicht zu einfach, Nationalspieler zu werden?
Nein. Wer für die Nationalmannschaft gespielt hat, ist für mich noch kein Nationalspieler. Ein echter Nationalspieler ist für mich erst, wer an einer WM oder an einem Olympiaturnier gespielt hat.

Sie reagieren auf Kritik empfindlich und nach einem verlorenen Spiel wirken Sie manchmal, als hätten Sie einen Tritt in den Hintern bekommen. Nehmen Sie Niederlagen als persönliche Beleidigung?
Auch wenn ich in dieser Frage eine gewisse Polemik spüre: So unrecht haben Sie nicht. Ich bin wie ich bin. Ich kann zwar meine Emotionen als Coach an der Bande und in der Kabine sehr gut kontrollieren. Ich habe mich zu 90 Prozent unter Kontrolle und eigentlich bin ich ein netter Kerl. Aber manchmal müssen die Emotionen raus und, ja, das stimmt, manchmal benehme ich mich nicht wie ein Gentleman. Ich hasse es zu verlieren und ich bin kein Schauspieler, der das überspielen kann. Nach Niederlagen bin einfach hässig und, ja, ich nehme Niederlagen persönlich. So soll es sein. Schliesslich habe ich die Mannschaft zusammengestellt, vorbereitet und gecoacht. Mag sein, dass es nicht mein Fehler war, wenn wir verloren haben. Aber ich trage dafür immer die Verantwortung.

Ich habe Sie schon hin und wieder äusserst grantig erlebt. Und dann habe ich heimlich dem lieben Gott gedankt, dass ich nicht Spieler unter Coach Sean Simpson sein muss.
So schlimm ist es nicht. Aber es muss wohl doch so sein, dass die Stimmung nach einer Niederlage anders ist als nach einem Sieg. Die Spieler sollen spüren, dass ich nach einer Niederlage nicht zufrieden bin.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • petr am 03.05.2012 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    genau ja!

    Gewinner Mentalität! wir können gewinnen, und verlieren ärgert uns masslos, egal gegen wen! so kommen wir weiter! super Einstellung! übrigens auch von Sbisa, der immer von Medaille spricht!

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  • Marco am 03.05.2012 14:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ((:

    schade das nicht alle Schweizer NHL Stars dabei sind , dann wären wir sehr stark. Aber auch so können wir sehr weit kommen ! Glaubt an euch Jungs und das schafft ihr das . Hopp Schwiiz !!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Marco am 03.05.2012 14:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ((:

    schade das nicht alle Schweizer NHL Stars dabei sind , dann wären wir sehr stark. Aber auch so können wir sehr weit kommen ! Glaubt an euch Jungs und das schafft ihr das . Hopp Schwiiz !!

    • adfaf am 04.05.2012 14:59 Report Diesen Beitrag melden

      Schweizer NHL SPieler

      Immer diese Schweizer NHL Spieler! Sie werden leider überschätzt... Wenn man die NHL SPieler als Götter empfindet, was sind dann die kanadier oder Finnen oder tschechen? Klar sind es gute spieler, aber 3 nhl spieler gegen vlt 10 nhl spieler in anderen Teams...ich weiss nciht. Was zählt ist die Gesamtleistung als Team, wenn jeder sein 100% Potenzial entfaltet, können wir die "Grossen" auch x zu null schlagen. Mann mu

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  • petr am 03.05.2012 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    genau ja!

    Gewinner Mentalität! wir können gewinnen, und verlieren ärgert uns masslos, egal gegen wen! so kommen wir weiter! super Einstellung! übrigens auch von Sbisa, der immer von Medaille spricht!

    • gefällt mir! am 03.05.2012 14:24 Report Diesen Beitrag melden

      gefällt mir!

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