«London Calling»

01. August 2012 20:09; Akt: 01.08.2012 20:13 Print

Sind wir ein Volk von olympischen Verlierern?

von Klaus Zaugg, London - Kein sportliches Feuerwerk am 1. August. Nur eine olympische Tischbombe. Nach dem «Black Wednesday» stellt sich die Frage: Sind wir ein Volk von olympischen Verlierern?

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Vier Medaillenanwärter (Heinzer, Kauter, Kurt, Cancellara) gescheitert, die olympischen Titelverteidiger Roger Federer und Stan Wawrinka im Doppel ausgeschieden – der 1. August 2012 ist einer der sportlich schwärzesten Tage unserer olympischen Geschichte. «Black Wednesday».

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Welches Schweizer Negativ-Resultat vom 1. August enttäuscht Sie am meisten?
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Insgesamt 3114 Teilnehmer

Analysen von grossen sportlichen Dramen und Triumphen sind immer unfair: Sie werden hinterher geschrieben. Und nach dem Kriege ist bekanntlich jede Büroordonnanz ein General. Alles, was getan und unterlassen worden ist, wird im Lichte der Erkenntnis interpretiert. Beispiel: Wenn einer den Bus verpasst und scheitert, dann sind die Funktionäre Idioten. Wenn einer den Bus verpasst und triumphiert, sind die Funktionäre schlaue Psychologen, die genau wissen, dass man eben einen Athleten vor Herausforderungen stellen muss.

Das (bisherige) Versagen von London hat in unserer olympischen Geschichte einen ganz besonderen Platz und ist nicht keiner der früheren Pleiten vergleichbar.

Bisher führten Fehler zweimal zu olympischen Pleiten und anschliessend zu einer erfolgreichen Neuausrichtung.

1964: In Innsbruck blieben wir zum ersten und bisher einzigen Mal bei Winterspielen ohne Medaille. Weil die Organisation unseres Sportes nicht mehr der neuen Zeit entsprach: In den 1960er Jahren konnten reine Amateure keine Spitzensportler mehr sein. Wer olympische Medaillen wollte, brauchte finanziellen Support und eine professionelle Organisation. Das Debakel von Innsbruck führte zur bis heute gründlichsten Reorganisation unseres Sportes und unter anderem zur Gründung der Sporthilfe.

1992: Tennis-Titan Marc Rosset rettete uns mit olympischem Gold vor den ersten medaillenlosen Sommerspielen seit 1912. Zu den Ursachen des Debakels gehörte eine ungenügende Organisationstruktur der Delegation. Die Folge war eine Professionalisierung von Swiss Olympic auf allen Stufen und eine Rückkehr zu winterlichem und sommerlichem olympischen Ruhm.

Spiele in London unter keinem guten Stern?

London 2012 ist weder Innsbruck 1964 und noch Barcelona 1992. Gewiss: In unserem Land wird, gemessen am Reichtum, nach wie vor zu wenig Geld in die Sportförderung investiert. Doch der «Black Wednesday» hat rein gar nichts mit Geldmangel zu tun. Es gibt auch keine mit 1964 vergleichbare Strukturkrise und auch kein organisatorisches Versagen von Swiss Olympic wie 1992. Wir sind auch nicht ein Volk von olympischen Versagern geworden. Analysen über den Zusammenhang zwischen Wohlstand und sportlichem Misserfolg sind wohlfeil und tönen gut. Aber sie erklären den «Black Wednesday» nicht

Die Erklärung ist nämlich ganz einfach: Unsere Olympia-Delegation ist zu einem Shakespeare-Drama geworden. Der erste Tag mit dem Unfall von Fabian Cancellara hat eine fatale Eigendynamik in Gang gesetzt: Auch wenn jeder Sportler ein Individualist und das Olympiateam keine Mannschaft im eigentlichen Sinne ist: In einer Olympiadelegation werden Stimmungen einzelner Sportler wie durch einen Resonanzboden verstärkt und breiten sich aus wie Wellen im Wasser nach einem Steinwurf (20 Minuten Online berichtete). Dass so viele Entscheidungen ausgerechnet am 1. August auf dem Programm standen, hat die ohnehin angespannte sportliche Wetterlage noch verstärkt. Es passt zu diesem sportlichen Shakespeare-Drama, dass bisher erst ein Skandal («Fall Morganella») der ebenfalls am «Black Wednesday» aus dem Turnier ausgeschiedenen Fussballer für landesweites Aufsehen gesorgt hat.

Es hätte auch anders kommen können

So wie ein überraschender Erfolg zum Auftakt jeden ein bisschen lockerer, selbstsicherer und besser macht, so kommen nach einem missglückten Start leise Zweifel auf. Hätte Fabian Cancellara das Strassenrennen gewonnen (was durchaus möglich gewesen wäre), dann hätten wir mit ziemlicher Sicherheit einen «Big Wednesday» erlebt.

Jeder Sportler ist seines Glückes Schmied. Nur Verlierer reden von Glück und Pech. Aber das, was unseren Olympiahelden widerfahren ist (Cancellaras Sturz und vor allem Kurts Paddelbruch), hat auch mit Glück und Pech zu tun. Nur das Versagen der Fechter nicht. Die beiden Jungs waren ganz einfach mental nicht robust genug fürs olympische Abenteuer. Doch deswegen muss nicht gleich der ganze Schweizer Sport in Frage gestellt werden.

Dramen gehören zum Sport

«Black Wednesday» ist ein Drama, wie es der Sport immer wieder schreibt. Bedarf an einer Neuorganisation unseres Sportes gibt es jedoch nicht. Auch Olympiageneral Gian Gilli muss nicht abgesetzt werden. Wir sind kein Volk von olympischen Verlierern.

Zu den ewigen Gesetzen des Sportes gehört auch die Weisheit: «There's always next season.» Es gibt immer und immer wieder eine neue Chance. Es ist sogar möglich, dass wir hier in London noch Medaillen feiern können. Ein Medaillentipp neben Roger Federer? Ja, den gibt es: Die Springreiter. Weil Pferde keine Zeitungen lesen können und keine elektronischen Medien konsumieren. Sie wissen deshalb nicht, dass jetzt der Druck schon ein bisschen grösser geworden ist.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

naja, die Schweiz kann froh sein wenn sie als kleines Land überhaupt Medaillen gewinnt! das die Medien hierzulande immer solch riesige Erwartungen schüren müssen geht mir nicht in den Kopf... Dasselbe bei internationalen Fussballturnieren. Hallo?! wir sind auf einer Höhe mit Ländern wie Belgien und Weissrussland - lasst uns das nicht vergessen! – jayjay

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • htmN am 01.08.2012 21:38 Report Diesen Beitrag melden

    mehr schlecht als recht

    die schweiz hat im sport einfach nichts zu melden. (bis auf sehr sehr wenige ausnahmesportler).

  • zufriedener fan am 01.08.2012 23:01 Report Diesen Beitrag melden

    die wahren verlierer sind die "fans"

    solange gewonnen wird freuen wir uns, sobald man mal verliert sind alle gleich beleidigt. die athleten haben sicher ihr bestes gegeben, respekt vor ihrer leistung. wer sich hier anmasst negative kommentare zu schreiben soll's bitteschön besser machen.

  • Claire Neugebauer am 01.08.2012 20:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ja, dass sind wir leider.

    Aber wir sind natürlich auch nicht so ein grosses Land und haben nicht so eine grosse Auswahl an guten Athleten, wie zum Beispiel China.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Marcel am 02.08.2012 23:20 Report Diesen Beitrag melden

    Anmassender Mob

    woher nehmen sich hier einige das Recht zu beurteilen was Leistung ist, welche Anlagen sie zur Verfügung haben wie verwöhnt die doch alles sind. Jeder auch wenn er letzter wird hat mehr geleistet wie wir alle die zu Hause auf dem Sessel sitzen und maulen, Bier und Chips in sich rein würgen. Aber dann jubeln mit Roger ... es ist immer noch Roger und nicht einer von uns der das leistet.

  • ulieni am 02.08.2012 08:38 Report Diesen Beitrag melden

    Hochmut kommt immer vor dem Fall

    Die Erwartungen werden einfach immer viel zu hoch angesetzt. Vor der Olympiade wird in den Medien bereits spekuliert wer wo sicher welche Medaille holen wird. Auch Deutschland plante bereits wo der EM-Titel im Fussball gefeiert werden sollte. Bleibt einfach auf dem Boden und lasst euch überraschen das schützt vor Enttäuschungen

    • tschäge am 02.08.2012 13:41 Report Diesen Beitrag melden

      kann passieren

      so sieht es aus und dann kommen plötzlich noch schwimmerinnen aus asien die schneller als männer schwimmen ;) nee im ernst heute kann man einfach nicht mehr medaillen planen haben wir doch vor 4 jahren im einzel tennis erlebt darum geniessen wir es einfach falls doch noch eine medaille gewonnen wird ps hoffe trotzdem das nino gold holt ;)

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  • Ruppen Bjoern am 01.08.2012 23:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sommerolympiade

    Wir sind ein Wintersportland Langlauf, Skifahren,Curling und Eishockey. Lasst doch den anderen Laendern auch etwas.

    • wohl kaum am 02.08.2012 12:41 Report Diesen Beitrag melden

      haha

      wann wurde den die schweiz eishockey meister? die skifahrer zeiten sind doch auch längst tot und curling ist kein sport...

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  • Ulrich Amadeu am 01.08.2012 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz/käse

    Nächstes mal holen wir mindestens 5 medalien

  • miko am 01.08.2012 23:23 Report Diesen Beitrag melden

    fair vs. unfair

    Lieber keine gestohlene Medaille wie Deutschen ( 1 sek 3 mal laufen lassen bis die Deutsche gewinnt) bekommen haben, als keine....