Unvergessene Erfolge

04. Mai 2010 15:22; Akt: 05.05.2010 11:21 Print

Als der «Vogelmensch» allen davonflog

von Monika Brand - Was Simon Ammann heute für das Schweizer Skispringen ist, war Walter Steiner in den 70er-Jahren. Mit seinen phänomenalen Weiten sicherte er sich einen Weltrekord.

Walter Steiners misslungener Weltrekordsprung auf 177 Meter 1974 in Planica. (Video: YouTube)
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Steiner sorgte 1972 als 21-Jähriger erstmals für Furore: Zuerst gewann er bei den Olympischen Winterspielen in Sapporo die Silbermedaille auf der Grossschanze, wenige Wochen später triumphierte er bei der erstmals ausgetragenen Skiflug-Weltmeisterschaft im damals jugoslawischen und heute slowenischen Planica. Mit diesen beiden Erfolgen katapultierte sich der «Vogelmensch» - wie Steiner aufgrund seiner extrem weiten Sprünge genannt wurde - ins Interesse der Öffentlichkeit.

Bei der Skiflug-WM 1973 in Oberstdorf flog der Schweizer auf damals sagenhafte 179 Meter, der Weltrekord zählte aber nicht, weil Steiner bei der Landung stürzte - genauso wie ein Jahr später bei seinen 177 Metern in Planica (siehe Video oben). Trotz der beiden Fehlversuche riss der «Vogelmensch» den Weltrekord an sich - und zwar 1974 bei der Skiflugwoche in Planica mit 169 Metern, auch wenn er sich diese Bestweite mit dem Deutschen Heinz Wosipiwo teilen musste. Heute liegt der Skiflug-Weltrekord übrigens bei 239 Metern, gehalten vom Norweger Björn Einar Romören (2005 in Planica).


Rücktritt mit Wermutstropfen

1977 holte sich Walter Steiner, der aufgrund seines für einen Skispringer eher hohen Gewichts und seiner weiten Sprünge immer wieder mit Knieproblemen zu kämpfen hatte, erneut den Weltmeistertitel im Skifliegen, bevor er ein Jahr später mit einem fünften Rang zurücktrat. Der Toggenburger konnte an seinem Karrierenende auf 27 Siege bei FIS-Springen, zwei Weltmeistertitel im Skifliegen und eine Silbermedaille bei Olympischen Spielen zurückblicken - wenn auch mit einem kleinen Wermutstropfen.

Denn: Eigentlich hätte der «Vogelmensch» 1972 Olympia-Gold verdient gehabt. «Erst hinterher erfuhr ich, dass ich eigentlich einen halben Meter weiter gesprungen war und damit gewonnen hätte», blickte der heute 59-Jährige einst für «skionline.ch» zurück. Unter DDR-Druck sei seine Marke herunterkorrigiert worden, der Pole Wojciech Fortuna gewann schliesslich mit einem Zehntelpunkt Vorsprung. Steiner: «Ich musste trotzdem zufrieden sein, weil vier Athleten sich binnen sieben Zehntelpunkten klassierten und ich ebenso gut ohne Medaille hätte bleiben können.» Doch einen kleinen Seitenhieb in Richtung Ostdeutschland, von wo aus der Schweizer laut eigener Aussage immer wieder geplagt wurde, konnte er sich dann doch nicht verkneifen - nämlich indem er bei einem Wettkampf dem Österreicher Toni Innauer mit bewusst kürzeren Sprüngen zum Sieg verhalf, wie Steiner Jahre nach dem Karrierenende gestand.

Von Deutschland über die USA nach Schweden

Nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn heuerte der Toggenburger zuerst beim deutschen Ski-Verband als Wachser und Service-Mann an, bevor er für zwei Jahre bei den Schweizer Skispringern als Assistenztrainer amtete. Mitte der 80er-Jahre ging der «Vogelmensch» in die USA, wo er ebenfalls als Trainer arbeitete. Seit 1990 lebt der heute 59-jährige Steiner mit seiner Frau Gunilla in der schwedischen Stadt Falun. Dort arbeitete der Hobby-Fischer zuerst als Friedhof-Gärtner, unterdessen hat er sich auf Gebäude-Renovationen spezialisiert. Ein weiteres Hobby Steiners ist heute das Golfen - mit mässigem Erfolg jedoch. «Ich bin mental miserabel und versage in den Wettkämpfen», so der Skiflugweltmeister von 1972 und 1977 und fügt an: «Eigentlich komisch für einen ehemaligen Spitzensportler.»