Unvergessene Sportmomente

01. Juni 2010 13:32; Akt: 01.06.2010 14:38 Print

Albert Zweifel: König der Querfahrer

Durch eigentlich unbefahrbares Terrain, im Schnee, in eisiger Kälte, steile Hügel empor. Radquer ist kein Zuckerschlecken. Und die Schweiz hatte einen Ausnahmekönner in dieser eisenharten Sportart.

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Albert Zweifel an der WM 1986. (Bild: Keystone)

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Der Lauf der Zeit bringt seine Veränderungen: Die Schallplatte wurde durch die CD ersetzt, Video durch DVD und Röhrenfernseher durch Flachbildschirme. Dass aber eine Sportart von einer anderen verdrängt wird, kommt selten vor. Trotz MMA wird weiter geboxt, trotz Beachvariante wird weiter Volleyball gespielt und Unihockey ist für Eishockey keine Konkurrenz. Radquer bildet eine Ausnahme.

Mit Aufkommen von Mountainbikes und dem Sport Cross Country verschwand Radquer beinahe von der Bildfläche. Gehörten die dreckigsten aller Velorennen früher zum «Sport am Wochenende» wie die sonore Stimme zu Heinz Pütz, werden die «Quers» heute kaum mehr wahrgenommen. Dabei waren wir einmal gut darin. Sehr gut sogar. Und der beste unter den Guten war Albert Zweifel: Fünfacher Weltmeister, der nach eigener Aussage im «Blick» auch «im Dreck immer sauber» unterwegs gewesen war.

Vom Autospengler zum Profiweltmeister

Der gelernte Autospengler aus Rüti mit dem Jahrgang 1949 wurde 1976 zum ersten Mal Weltmeister. Mit revolutionären Methoden: Mit einem persönlichen Masseur, einer Ernährung auf Quark-, Joghurt- und Honigbasis und einem leichten Velo, das er sich massgeschneidert anfertigen liess. Auf diese Weise fuhr er über 300 Siege ein – kassierte Startgelder bis zu 3000 Franken pro Rennen und meist danach noch eine Siegprämie von beinahe 1000 Franken. Für damalige Verhältnisse kein schlechter Verdienst.

Trotzt der unzähligen Erfolge. Albert Zweifel war kein Mann fürs Rampenlicht. Die Schweizer Illustrierte berichtete 1979: «Er isst einen riesigen Salatteller. Er wirkt kühl, ist schlank, fast zerbrechlich. Weltmännisches ist beim Weltmeister nicht auszumachen. Ihm fehlt das Temprament und das Talent zur Selbstdarstellung. Ein bescheidener, ruhiger Bursche.» Immerhin: Er, der sein Geld im Dreck und bei beissender Kälte verdiente, posierte in einem TV-Spot für eine Waschmittelfirma (Slogan: Für fleckenlose Reinheit und strahlendes Weiss). Jedes Kind im Lande kannte den Namen Albert Zweifel.

Niederlagen und Auferstehung

1980 musste Zweifel eine seiner schlimmsten Niederlagen einstecken: An der Heim-WM in Wetzikon – vor über 10 000 Zuschauern – wurde «Albi» nur Vierter. 1981 titelte dann der «Blick»: «Ist Albert Zweifel vorbei»? Nach vier Weltmeisterschaftstiteln eine berechtigte Frage – nicht aber wenn sich diese an den zähen Zürcher Oberländer richtete. Zweifel fuhr weiter durch den Dreck, durchs Eis, kraxelte weiter bei Minusgeraden die steilen Hügel hinauf, das Velo geschultert. Radquer entstand als Alternative zu den Strassenrennen, welche im Winter auf den vereisten Strassen nicht möglich waren. Und so durften sich die Fahrer nicht nur mit dem Schlamm und dem Terrain, sondern eben auch mit den eisigen Temperaturen und Schneematch beschäftigen. Ein Drecksgeschäft.

In den folgenden Jahren musste Zweifel immer härter um seine Vorreiterposition kämpfen. die Konkurrenz wurde stärker. Vor allem aus den Niederlanden und Belgien. Später dann drangen Strassenfahrer ins Reich der Dreckspatzen ein. Beat Breu zum Beispiel. 1986 musste sich Zweifel nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder an einer Nationalen Meisterschaft bezwingen lassen. Ein junger Schweizer Namens Pascal Richard liess «Albi» in diesem Jahr gleich in Serie verzweifeln. Der Trainingsaufwand stieg. Vier bis fünf Stunden täglich sass der Zürcher nun im Sattel. Und gab damit 1986 die Antwort auf die Frage, welche der «Blick» fünf Jahre zuvor gestellt hatte: Zweifel war noch nicht vorbei.

An der WM in Lembeck 1986 gelang ihm sieben Jahre nach seinem letzten WM-Titel ein weiterer Triumph. Es sollte trotz Abschiedsrennen 1989 nicht sein letzter gewesen sein. Noch im selben Jahr gewann er die letzte inoffizielle Weltmeisterschaft der Mountainbiker. Und versetzte damit aus Schweizer Sicht seiner angestammten Sportart endgültig den Dolchstoss. Heute lebt Albert Zweifel über die Hälfte des Jahres auf Mallorca und vermietet Velos. Schuster bleib bei deinen Leisten.

(tog)