Nach Herzschlag-Finale

18. April 2012 05:43; Akt: 18.04.2012 06:04 Print

Der wieder erwachte Mythos der ZSC Lions

von Klaus Zaugg - Die ZSC Lions gehören dem Milliardär Walter Frey. Aber die grössten Erfolge feiern sie, wenn sie so spielen, als hätten sie kein Geld. Das ist der Mythos ZSC.

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In Extremis gewinnen die ZSC Lions die Finalissima gegen Bern und werden Schweizer Meister 2012: 2,5 Sekunden vor Schluss erzielt Steve McCarthy den entscheidenden Treffer. Kurz vor 2 Uhr kamen die Meisterhelden in Zürich Oerlikon an und präsentierten den geduldigen Fans vor der Halle 9 den Meisterpokal. Torhüter Lukas Flüeler wird von den Fans herzlich umarmt. Der Pokal ging in dieser langen Nacht durch viele Hände. Sogar die Fans durften das Objekt anfassen. Meister-Trainer Bob Hartley posierte geduldig für Erinnerungsfotos. Gewohnt ruhig feierte Goalie-Legende Ari Sulander. Ein Bier genehmigte sich der nun vierfache Schweizer Meister dann aber doch. Mathias Segers Meisterurschrei kennen die Fans bereits. Genug davon werden sie wohl nie kriegen. Schon in der Kabine wude ausgiebig gefeiert. Ob nun Lukas Flüeler mit einem Bier... ...oder Andres Ambühl mit einer Zigarre: Die Spieler wissen den Sieg zu feiern. Ari Sulander kann in seiner letzten Saison bei den ZSC Lions noch einen Meistertitel feiern. Captain Mathias Seger erhält in der Berner PostFinance-Arena den Pokal. Seger übergibt die Trophäe sofort Patrik Bärtschi weiter, der sie in die Höhe streckt. Es ist sein erster Meistertitel. Auch Bob Hartley darf den Pokal mal halten. Ebenso wie Torschütze Steve McCarthy. Für die Berner ist die Niederlage natürlich hart - Etienne Froidevaux ist den Tränen nahe. Auch Tristan Scherwey ist die Enttäuschung anzusehen. Ganz anders geht es den Lions nach dem entscheidenden Treffer. Es hält keinen Spieler mehr auf der Bank. Ein Rückblick auf den Spielverlauf: Die Spannung war in der PostFinance-Arena bereits vor der Partie spürbar. Sowohl bei den Bern-Fans ... ... als auch bei den Anhängern der ZSC Lions. Auf beiden Seiten ... ... wurden kreative Transparente die Höhe gestreckt. Die Berner erwischten eigentlich den besseren Start. Doch nach einem 1:0-Treffer von Mark Bastl hatten die Lions nach dem ersten Drittel die Oberhand. So hatten sich die Gäste aus Zürich das vorgestellt. Viel länger als die Drittelspause hielt die Freude der Lions aber nicht an. Berns Ivo Rüthemann erzielte bereits in der 22. Minute den Ausgleich zum 1:1. Nach der schnellen Rückkehr blieb der SCB das stärkere Team. Trotz zweimaliger Überzahl gelang ihnen der zweite Treffer im zweiten Drittel aber ebenso wenig wie den Zürchern. Ari Sulander verfolgte sein allerletztes Spiel im Kader der ZSC Lions von der Bande aus. Im dritten Abschnitt war beiden Teams die Anspannung anzumerken. Trotzdem suchten beide Mannschaften den zweiten Treffer. Aber Marco Bührer und sein Gegenüber Lukas Flüeler liessen lange keine weiteren Treffer zu. Dann kam aber doch noch vor der Verlängerung die Entscheidung: Steve McCarthy schiesst die ZSC Lions zum 7. Meistertitel der Klubgeschichte.

Die besten Bilder der Finalissima zwischen dem SCB und den ZSC Lions.

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Um das zu verstehen, was uns die ZSC Lions soeben beschert haben, müssen wir das Rad der Zeit ein wenig zurückdrehen. Bis in die letzten Jahre des letzten Jahrhunderts. In die Zeit, in der der Mythos ZSC Lions entstanden ist. Ein Mythos erklärt, umschreibt und deutet das Unerklärliche. Also das, was wir nicht mit Mannschaftsaufstellungen, Taktik, Statistiken und Transferpolitik alleine erklären können.

1997 entstehen aus dem Zusammengehen des noblen GC und des proletarischen ZSC die ZSC Lions. Die ZSC Lions gewinnen 2000 und 2001 erstmals die Meisterschaft. Auch wenn der Milliardär Walter Frey das Unternehmen alimentiert: Es sind keine gekauften Lorbeeren. Natürlich, ohne Geld gibt es keine Spitzenmannschaft. Aber Geld ist nicht alles. Diese ersten Triumphe der ZSC Lions in den Finals gegen den HC Lugano sind keine Triumphe des Geldes, sonst hätte Lugano gewinnen müssen. Diese Triumphe waren vielmehr der Lohn der Angst.

Damals war Simon Schenk der Sportchef der ZSC Lions. Nach der turbulenten Saison 1997/98 wird er die Angst vor dem Abstieg nicht los. Nicht Grössenwahn, der schon so vielen Grossklubs zum Verhängnis geworden ist, sondern Vorsicht und Bescheidenheit prägen Schenks Transferpolitik. Noch im Laufe der Krisensaison 1997/98 legt Schenk die Basis für eine bessere Zukunft. Unter anderem mit dem Transfer von Torhüter Ari Sulander.

Dramatische Finalspiele

Gewiss, Glück war beim Aufbau dieser ersten Meistermannschaften auch dabei. Doch die entscheidenden Faktoren waren Schenks Besonnenheit, Schlauheit und Konservatismus. Die ZSC Lions gewinnen 2000 und 2001 die Titel als Aussenseiter. Und als Mannschaft. Hier beginnt das, was wir den Mythos ZSC nennen. Spieler, die unter ganz besonderen Umständen zu einer verschworenen Einheit zusammenwachsen. Die in der Rolle des Aussenseiters an ein grosses Ziel glauben. Lugano ist 2000 und 2001 im Finale hoher Favorit und verliert zweimal dramatisch. 2000 durch das Tor von Adrien Plavsic ähnlich spektakulär wie der SCB am Dienstag: 3:3 steht es in der hochspannenden sechsten Partie in der letzten Minute. Jeder rechnet schon mit der Verlängerung. Christian Weber sieht, dass Adrien Plavsic an der blauen Linie in Schussposition kommt und macht Druck auf Luganos Torhüter Cristobal Huet. Er schlägt ihm den Stock aus der Hand, die Schiedsrichter sehen es nicht. Der Franzose lässt den Weitschuss von Plavis passieren. Die ZSC Lions sind Meister. Ein Jahr später ein noch grösseres Drama: Morgan Samuelsson erwischt Cristobal Huet in Lugano in der Verlängerung des finalen Spiels zum 2:1.

Die grossen Triumphe von 2009 – der Sieg in der Champions Hockey League und der Triumph im Victorias Cup gegen die Chicago Black Hawks (der erste Sieg einer Schweizer Mannschaft gegen ein NHL-Team) schaffen die ZSC Lions erneut aus der Position des krassen Aussenseiters heraus.

Hartley als Glücksfall

Im Frühjahr 2011 erkennen ZSC-General Peter Zahner und Sportchef Edgar Salis – Simon Schenk managt jetzt die GCK Lions in der NLB – spät, aber nicht zu spät, dass sie vom rechten Weg abgekommen sind. Dass sie vergessen hatten, was den Mythos ZSC ausmacht. Die ZSC Lions sind nach den grossen Triumphen von 2009 zu einem Operetten-Klub verkommen. Der Mythos ZSC wird, endlich, wieder beschworen. Sie holen den NHL-Bandengeneral Bob Hartley. Es ist die Rückkehr zu den Ursprüngen. Nun prägen wieder Leidenschaft, Mut, Bescheidenheit, taktische Schlauheit und ein spielerischer Konservatismus die Mannschaft. Bob Hartley vereinigt in einer Person alle guten Eigenschaften seiner legendären Vorgänger: Des kantigen Kent Ruhnke, des selbstverliebten Larry Huras und des grantligen Sean Simpson.

Bob Hartley gelingt es, den Mythos ZSC Lions am 23. Dezember 2011 wieder zu beleben. Der charismatische Kanadier ist zu diesem Zeitpunkt mit ziemlicher Sicherheit nur noch im Amt, weil ZSC-General Peter Zahner und Sportchef Edgar Salis so viel Prestige, Geld und einen Zweijahresvertrag in den NHL-Startrainer investiert haben. Eine weitere Niederlage in Genf gegen Servette wird die ZSC Lions in den Strichkampf stürzen. Jetzt braucht es ein Zeichen. Ein Wunder. Und tatsächlich: Mit drei gegen fünf Feldspielern gelingt der Ausgleich und dann der Sieg im Penalty-Schiessen. Sie spielen jetzt endlich wieder so, als hätten sie kein Geld. Sie sind wieder mit einer Leidenschaft bei der Sache, die nichts mit Salär und Professionalismus, aber sehr viel mit der Freude am Spiel zu tun hat.

Mythos erwacht

Jetzt ist klar: Es gibt ihn noch, den Mythos ZSC Lions. Die Spieler hören nicht mehr nur, was der Trainer will. Sie beginnen es zu verstehen und zu glauben. Und dieser Trainer bricht alle Tabus, kümmert sich nicht um politische Befindlichkeiten. Er mustert Adrian Wichser aus, er scheut sich nicht, den teuren Neuzuzug John Gobbi wegen schwachen Leistungen auf die Ersatzbank zu setzen, er weist jungen Spielern wie Luca Cunti, Chris Baltisberger oder Reto Schäppi und Ronalds Kenins wichtige Rollen zu und sie entwickeln sich in den Playoffs zu echten Teamstützen. Er erlöst Lukas Flüeler aus dem überlangen Schatten von Ari Sulander.

Als die Playoffs beginnen, ist der Mythos ZSC Lions erwacht. Der Glaube an das Unmögliche brennt geradezu in den Herzen und Seelen der Spieler. Der HC Davos und Qualifikationssieger Zug werden aus den Playoffs gekippt und in einem grandiosen Finale folgt die Krönung gegen den SC Bern.

Den Erfolg können auch die Millionen von Walter Frey nicht kaufen und den Mythos ZSC Lions kann Geld nicht beleben. Dieser Mythos muss gelebt werden. Bob Hartley lebt und befeuert den Mythos ZSC Lions. Das ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Georg Vancura, 5033 Buchs (AG) am 18.04.2012 12:48 Report Diesen Beitrag melden

    Nette Geste von M. Seger, ZSC Kapitän

    Während der Siegerzeremonie in der Berner Post Finance Arena hat der Kapitän der ZSC Lions einen grossen Blumenstrauss erhalten. Er hat ihn der Mannschaft gezeigt und fuhr damit gleich zur ZSC Spielerbank, wo er ihn der Ehefrau von Walter Frey übergeben hat. Eine nette Geste, die mit einem Händedruck mit beiden beendet wurde und welche auch Nicht-ZSC-Fans beeindruckt hat.

  • Zsclady am 18.04.2012 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wow

    Einfach toll geschrieben wow!!!!

  • Nicole Kunz am 18.04.2012 06:53 Report Diesen Beitrag melden

    Der Bessere gewinnt

    Bravo. Die Berner hatten genug Chancen in diesem Playoff-Final den Titel zu holen. Wenn sich die Szene im Zürcher Gohl abgespielt hätte, wäre Bern auch glücklich..

Die neusten Leser-Kommentare

  • Georg Vancura, 5033 Buchs (AG) am 18.04.2012 12:48 Report Diesen Beitrag melden

    Nette Geste von M. Seger, ZSC Kapitän

    Während der Siegerzeremonie in der Berner Post Finance Arena hat der Kapitän der ZSC Lions einen grossen Blumenstrauss erhalten. Er hat ihn der Mannschaft gezeigt und fuhr damit gleich zur ZSC Spielerbank, wo er ihn der Ehefrau von Walter Frey übergeben hat. Eine nette Geste, die mit einem Händedruck mit beiden beendet wurde und welche auch Nicht-ZSC-Fans beeindruckt hat.

  • Sportbegeisterter am 18.04.2012 08:47 Report Diesen Beitrag melden

    Der ZSC war schon im 2008 Meister

    Es ist eine Frage der Personalpolitik, dass der heutige ZSC-General seit dem 1.1.2008 im Amt ist. Und wiederum ist es eine Frage der Personalpolitik, dass dieser erneute Erfolg möglich wurde.

  • estermaa am 18.04.2012 08:37 Report Diesen Beitrag melden

    Tor - basta

    als Berner muss man ja Ausreden haben - genau das ist das komplizerte Regelwerk von Hockey - alle die hier schreiben, wissen es plötzlich besser

  • Brian Propp am 18.04.2012 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Z und Lugano

    Der Mythos ist beim reinen Z. Und zwar noch im klassischen Hallenstadion. Mit Rauch und Wärme. Ich habe bereits im Januar den Titel dem Z zugesprochen. Nur im Final neben dem Z habe ich Lugano gesehen. Denn die Quali interessiert kein Mensch mehr. 52 Spiele sind zuviel. Erst in den Playoffs wird ein Meister gemacht. Und: Lugano und der Z haben die besten Mannschaften der Liga, der Z hat's umgesetzt, Lugano leider nicht. Gratullation dem Z

    • Hockeyfan am 18.04.2012 09:15 Report Diesen Beitrag melden

      Experten und Modefans

      @ Brian Propp: genau du wusstest es schon vor allen anderen du "Experte" Lugano und der Z haben die besten Mannschaften, klar und Tiger Woods ist der treuste Ehemann auf Erden. Lugano kauft einfach alte, überbezahlte und unmotivierte Spieler ein was dies mit Klasse zu tun hat lassen wir mal offen. Noch während der Saison waren die Spiele der Lions etwa so gut besucht wie ein Bowlinganlass des Altersheim Dorflinde und kaum spielt man wieder um den Titel kriechen all die "Fans" aus Ihren Löchern, genauso die Medien - zuerst sind Sie zu Überheblich und faul geworden und jetzt sind alles Helden

    einklappen einklappen
  • Max am 18.04.2012 08:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ryser

    Ich glaube kaum das dieses Tor korrekt war . Da der Schiedrichter den Puck sicher nicht mehr sah.111