«Time-Out» mit Klaus Zaugg

25. Dezember 2008 12:22; Akt: 25.12.2008 16:24 Print

Für Ehre und Ruhm - 25 Jahre Team Canada

Jubiläum für das Team Canada. Die Kanadier spielen 2008 ihren 25. Spengler Cup. Und: Sie sind mit elf Turniersiegen die erfolgreichste Mannschaft der letzten 25 Jahre. Obwohl es kein Geld zu verdienen gibt. 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg fragt sich: Vielleicht gerade deswegen?

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Um Geld dreht sich im Mannschaftsport alles. Der Tanz ums goldene Kalb geht inzwischen so weit, dass die Teams Lizenzen brauchen, um in der NLA spielen zu dürfen. Um diese Lizenz zu bekommen, müssen sie nachweisen, dass sie genug Geld haben und es wird sogar ein Minimalbudget vorgeschrieben.

Umfangreiche, teure Vorbereitungen sind notwendig. So geht die gängige Theorie. Mannschaften reisen deshalb vor der Saison oder vor WM-Turnieren zu Trainingslagern und Testspielen ins Ausland.


Geld und Vorbereitung sind nicht alles

Ohne Geld und Vorbereitung ist offenbar alles nichts. Aber Geld und Vorbereitung sind vielleicht doch nicht alles?

Wäre es nicht besser, einfach die Spieler ein paar Tage vor einem Turnier aufzubieten und dann frisch, frei und fröhlich einfach loszulegen? Zwei Mannschaften haben in den letzten 25 Jahren bewiesen, dass diese unkonventionelle Methode bestens funktioniert. Die dänische Fussball-Nationalmannschaft und das Team Canada.

Die Dänen rutschten 1992 nach dem Ausschluss von Jugoslawien erst zehn Tage vor dem Turnier in die Europameisterschaft. Sie holten nach einem Finalsieg über Deutschland (2:0) den EM-Titel und sie haben vorher und seither nie mehr so gut gespielt.


Mit einer «Feuerwehrübung» zum Erfolg

Ähnlich die Situation beim Team Canada: Die Spieler reisen Jahr für Jahr einzeln rund 48 Stunden vor dem Spengler Cup nach Davos. Es reicht vor dem ersten Spiel gerade für ein richtiges gemeinsames Eistraining und das Studium des zwölfseitigen «Playbooks» um sich mit der Taktik vertraut zu machen. Eine klassische Feuerwehrübung. Und doch schaffen es die Kanadier immer wieder, das Turnier zu gewinnen. Elf Mal seit dem Debüt im Jahre 1984, zuletzt 2007 mit Sean Simpson (ZSC Lions) als Trainer.

Was 1984 ein Experiment des legendären Turnierdirektors Alfred «Buzz» Gfeller war, ist inzwischen die populärste Feuerwehrübung des internationalen Eishockeys und ein Klassiker geworden. Der Spengler Cup ist für den kanadischen Verband (Hockey Canada) hinter den Olympischen Spielen und gleichauf mit der U20-WM und der A-WM einer der wichtigsten Anlässe. Die Kanadier haben grössten Respekt vor der Geschichte des ältesten Klubturniers der Welt und sie haben erkannt, welchen Imagegewinn in der Altjahrswoche in Davos zu erzielen ist - in Europa und zu Hause.

Die Spiele werden am Fernsehen live nach Kanada übertragen. Für die Kanadier hat das Turnier in Davos eine hohe Priorität und Niederlagen am Spengler Cup schmerzen wie Niederlagen an einer WM.


Das Geld ist nicht der Schlüssel

Steckt Geld hinter diesem Erfolg? Nein. Der kanadische Verband hat nicht mehr Mittel zur Verfügung als unser Verband. Die Spieler und die Trainer bekommen beim Spengler Cup keine Prämien und keine Spesenpauschalen. Gegen Quittung werden lediglich in bar die Bezinkosten für die Fahrt nach Davos zurückerstattet. Die Ehefrauen und die Kinder dürfen auf Verbandskosten in Davos untergebracht werden - aber nicht die Freunde oder die Geschwister.

Gute Leistungen beim Spengler Cup sind trotz der Beachtung des Turniers kein Ticket zur NHL-Karriere. Die meisten Spieler haben den NHL-Traum sowieso längst ausgeträumt. Und der Marktwert lässt sich beim Spengler Cup nicht steigern. Der wird nach den Leitungen im Klub bemessen.

Es geht um immaterielle Werte. Um Emotionen, Stolz, Patriotismus. Cheftrainer Sean Simpsons lässt die Kabine in ein Stück Heimat verwandeln. An der Wand hängt die kanadische Flagge und eine grosse Landkarte. Alle stecken dort eine Nadel ein, wo sie aufgewachsen sind. Simpson zu 20 Minuten Online: «Dabei denkt jeder kurz nach, wer jetzt dort lebt und ihm etwas bedeutet.» Aus den Boxen rockt und rollt kanadische Musik wie Nickelback. Es gibt Cookies (Biskuits) und Getränke, die aus Kanada eingeflogen worden sind, um ein noch stärkeres Heimatgefühl zu wecken. Es tönt und riecht und schmeckt wie daheim in Kanada.


Stolz als Motivation

«Der Stolz, für Kanada zu spielen ist die stärkste Motivation, die es überhaupt gibt», sagt Simpson. «Jeder Kanadier hat irgend einmal in seinem Leben etwas mit Eishockey zu tun. Das Leibchen mit dem Ahornblatt tragen zu dürfen, ist das Grösste, das es für uns Kanadier gibt. Als Coach kann ich deshalb beim Spengler Cup weitgehend um die Taktik und die Organisation des Umfeldes konzentrieren.»

Und doch braucht es hin und wieder einen Motivations-Kick. Vor dem Finale 2007 rief die NHL-Legende Steve Yzerman an. Kaum einer der Spieler hatte je die Chance, auch nur in die Nähe dieses NHL-Titanen zu kommen. Nun legte Sean Simpson das Natel in der Kainbe auf den Tisch, stellte auf Lautsprecher und die Stimme des Hockeygottes drang aus dem fernen Amerika in den Raum. Er begnügte sich nicht mit ein paar Floskeln. Er wusste, wer in der Kabine stand, sprach die Jungs mit Namen an, wusste die Resultate, die Stärken und die Schwächen jedes einzelnen Spielers und gab Tipps. Dann gingen die Kanadier raus und arbeiteten im Finale Salavat Ufa mit 2:1 vom Eis. Es ist eines der Erfolgsgeheimnisse, dass die Kanadier jedes Detail beachten. Es wäre undenkbar gewesen, dass Yzerman unvorbereitet zur Mannschaft gesprochen hätte. Er nahm seine Mission ernst und bereitete sich sorgfältig auf seinen Natel-Motivationsanruf vor. Telefonspesen hat er keine verrechnet.


Einfach und clever

Schliesslich führt die Suche nach den Gründen für den wundersamen Erfolg der Kanadier zur Taktik.

«KISS» heisst das Zauberwort. Mit küssen hat der Ausdruck aber nichts zu tun. «KISS» steht für «Keep it simple and smart» (mach es einfach und clever). Oder, wenn der Coach zornig ist: «Keep it simple, stupid!» (Halte es einfach, du Idiot!).

«KISS» predigen die Hockeycoaches immer und immer wieder. Geradlinig, einfach spielen und so Fehler vermeiden. Denn längst haben die Hockeytheoretiker herausgefunden, dass über 60 Prozent der Tore nicht durch zwingende eigene Aktionen fallen - sondern durch blitzschnelles Ausnützen gegnerischer Fehler.

Die Spieler vergessen «KISS» ständig. Werden übermütig. Riskieren zu viel. Sind zu selbstsicher. Darum gibt es Fehler und Tore und Spektakel und Niederlagen.

Nur von einer Mannschaft und bei einem Turnier wird «KISS» konsequent eingehalten. Von Team Canada beim Spengler Cup. Da hält sich wirklich jeder dran. Zu kurz ist die Vorbereitung, zu gross ist der Respekt vor den hochkarätigen gegnerischen Teams.

«KISS for glory and fame» und elf Spengler-Cup-Triumphe in 25 Jahren. Damit ist das Team Canada hinter dem HC Davos (14 Siege) bereits das zweiterfolgreichste Team aller Zeiten (seit 1923) - und das erfolgreichste der letzten 25 Jahren.


Klaus Zaugg, 20 Minuten Online