«Time-out»

15. März 2011 07:26; Akt: 15.03.2011 07:27 Print

Ein Favorit ohne offensiven Glamour

von Klaus Zaugg - Der Meister ist noch stärker als vor einem Jahr. Aber gerade deshalb gibt es für den SC Bern gegen die Kloten Flyers keine Finalgarantie.

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Der SCB hat im Normalfall die Klasse um die Flyers aus dem Meisterrennen zu befördern.

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Der SC Bern ist in vier Jahren dreimal als Qualifikationssieger in der ersten Runde aus den Playoffs geflogen (2006, 2008 und 2009). Kein anderes Sportunternehmen weiss, wie gefährlich Hochmut, Anmassung, Überheblichkeit und Arroganz sein können. Die Hockeygötter werten solches Verhalten als Frevel und ahnden es mit der sportlichen Höchststrafe des Debakels.

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Die entscheidende Frage vor dem Halbfinale ist also: Sind die Berner hochmütig, anmassend, überheblich und arrogant?

SCB ist nicht arrogant

Nein, sie sind es nicht. Sie haben vielmehr in der Schlussphase der Qualifikation und im Viertelfinale gegen die SCL Tigers eine Form des Selbstvertrauens gezeigt, die wir als eine gesunde, nützliche Form der Arroganz bezeichnen können, die oft meisterliche Teams auszeichnet.

Gewiss, SCB-Trainer Larry Huras sagt, die SCL Tigers hätten seine Mannschaft zwar gefordert. «Aber wir haben nicht ans Limit gehen müssen.» Der SCB war in den letzten Partien der Qualifikation und gegen die Langnauer eine mächtige, unaufhaltsame Hockeymaschine, die scheinbar über jeden Gegner hinwegrollen kann, und Huras schätzt seine Mannschaft jetzt als besser ein als vor einem Jahr. Weil sie kompakter und defensiv stabiler sei.

Kloten kann Bern ernsthaft gefährden

Aber die Chancenauswertung der Berner war im Viertelfinale ungenügend. Es war eine Mannschaft mit einer an die NHL mahnenden Stabilität – aber wir haben einen Rumpelmeister ohne offensiven Glamour gesehen. Nun wartet ein Gegner, der defensiv stabiler und offensiv eine Klasse besser ist als die SCL Tigers.

Wenn die Kloten Flyers ihr bestes Eishockey zelebrieren, dann begegnen sie auch einem SC Bern in Bestform zu Wasser, zu Land und in der Luft auf Augenhöhe. «Speed kills» sagt eine alte Hockeyweisheit. Will heissen: Tempo besiegt Grösse, Kraft und Wasserverdrängung.

Entgegengesetzte Formkurven

Wenn bei den Kloten Flyers das Fine-Tuning stimmt, wenn alle Spieler gesund sind, wenn Micki Dupont an der blauen Linie Ebbe und Flut des Spiels lenkt und Kimmo Rintanen übers Eis fliegt – dann ist es tatsächlich so, dass die «Big bad Bears» mit Tempospiel vom Eis gefegt werden können.

Aber so wie die Formkurve der Berner in den letzten vier Wochen steigt, so sinkt sie bei den Kloten Flyers. Wichtige Spieler sind verletzt oder leidend (Dupont, Lemm, Stancescu, Hollenstein, Jenni), andere nicht mehr in Form (Rintanen). Den Zürchern fehlen inzwischen rund 30 Prozent zu ihrem perfekten Spiel. Das reicht hockeytheoretisch nicht für die Finalqualifikation.

SCB ist frei von Sorgen

Aber es gibt einen Faktor, den wir erst im Laufe dieser Halbfinalserie beurteilen können: Das Ungemach der letzten Wochen kann die Kloten Flyers auch näher zusammenrücken lassen und damit stärker machen. Und dieses Sportunternehmen verfügt ebenso wie der SC Bern über das Herrschaftswissen des Sportes: Das Wissen, wie man Meisterschaften gewinnt.

Der SC Bern ist frei von echten Sorgen. Ausser Jean-Pierre Vigier sind alle wichtigen Spieler einsatzbereit, das Selbstvertrauen ist nicht über die Fluthöhe der gesunden Arroganz gestiegen und die Energietanks sind randvoll. Aber Eishockey ist ein unberechenbares Spiel auf einer rutschigen Unterlage. Die Berner müssen es ordentlich rumpeln lassen und werden ein Spiel verlieren. Es gibt für den Meister keine Finalgarantie.

Tipp: SC Bern – Kloten Flyers 4:1