«Time-out»

20. Februar 2011 13:43; Akt: 20.02.2011 13:58 Print

Warten auf den «Playoff-Urknall»

von Klaus Zaugg - Sind die seltsamsten ZSC Lions der Neuzeit playofftauglich? Eine Momentaufnahme sagt: Nein, sie sind es nicht. Aber das darf doch einfach nicht wahr sein.

storybild

Die ZSC Lions: Wann rufen sie ihr Potential ab?

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ein unterhaltsames, ein intensives und doch kurioses Spiel. Die SCL Tigers reagieren gegen die ZSC Lions auf das 1:5 vom Vorabend in Bern heftig. Sie packen den Knüppel aus. «Meine Spieler haben die Reaktion gezeigt, die ich sehen wollte. Wir haben Playoffhockey gespielt», wird Trainer John Fust nach dem Spiel sagen.

Die Checks der Emmentaler erschüttern selbst die international erprobten Stars der ZSC Lions in den Grundfesten. Haudegen Sebastian Schilt erwischt bei jedem zweiten Einsatz einen Zürcher. Vorübergehend bringen sich gleich mehrere ZSC-Stars (Mathias Seger, Thierry Paterlini, Owen Nolan) in Sicherheit und lassen mehrere Einsätze aus. Cheftrainer Bengt-Ake Gustafsson beruhigt nach dem Spiel: «Bloss eine Sicherheitsmassnahme. Wir wollten keine Risiken eingehen. Keiner ist verletzt.»

Seger gibt Entwarnung

Captain Mathias Seger ist vor Spielhälfte in der Kabine verschwunden und nicht mehr zurückgekehrt. Er ist schon geduscht, gebürstet und gekämmt, als seine Kameraden nach dem Spiel vom Eis kommen. Er hilft dem Materialwart beim Sortieren der Stöcke. «Ich bin bereits am Dienstag wieder fit», versichert er gegenüber 20 Minuten Online. Es habe ihn nach einer Bewegung und ohne gegnerische Einwirkung gezwickt und er habe einfach kein Risiko eingehen wollen. Deshalb habe er nicht mehr weitergespielt.

Gut und recht. Die ZSC Lions haben schliesslich ja auch 4:3 nach Penaltys gewonnen. Aber Sportchef Edgar Salis hat die Mannschaft, die vor zwei Jahren die beste Europas war, nach seinem Willen umgebaut. Er will nordamerikanisches Kracherhockey. Ein kräftiges, rumpelstarkes, defensiv solides Team. Deshalb sind Spieler gekommen wie Thierry Paterlini, Thomas Ziegler, Duvie Westcott oder Owen Nolan.

Dynamik und Präzision fehlt

Aber sehen wir nun die «big, bad Lions»? Nein. Es reicht gerade mal für ein bisschen Härte, wenn Kloten wegen verletzungsbedingten Ausfällen Junioren einsetzt und aus dem Zürcher Derby eine Kindergeburtstagsparty macht. Aber schon gegen die SCL Tigers ziehen die Löwen den Schwanz ein. Owen Nolan ist in der aktuellen Verfassung der weichste in Europa spielende Kanadier.

Langnaus Forechecking hat in der Zone der ZSC Lions zeitweise eine verheerende Wirkung. Torhüter Ari Sulander rettet seine Kameraden vor einer demütigenden Niederlage. Die vermeintlich kräftigen, bösen Löwen werden zu oft herumgeschubst und stecken emotionslos Prügel ein. Deshalb ist es ein kurioses Spiel: Diese Langnauer sind so übermotiviert und so darauf fixiert, Checks auszuteilen, dass sie die Konzentration und die defensive Disziplin immer wieder verlieren und von einem tempostarken, robusten Gegner gnadenlos ausgekontert worden wären. Aber dem Spiel der Zürcher fehlt die Dynamik und die Präzision, um richtig zu kontern. Andres Ambühl war einst beim HC Davos einer der schnellsten Stürmer des Landes, der perfekte Spieler für schnelle Gegenstösse. Jetzt weiss keiner, wie sein Tempo im Spiel umgesetzt werden könnte und er wirkt wie ein Formel-1-Bolide auf der Aufwärmrunde. Es sind die seltsamsten ZSC Lions der Neuzeit.

Schlechte Transfers

Um so zu spielen, hätten die ZSC Lions Trainer Colin Muller nicht feuern müssen. Mullers Nachfolger Bengt-Ake Gustafsson hat nur vorübergehend eine Verbesserung erreicht. Die ZSC Lions sind wieder ins alte Fahrwasser geraten. Nach dem Spiel steht ein Stadtzürcher Hockeychronist, der für seine Fachkenntnis und Sachlichkeit hoch geachtet ist, im engen Kabinengang des Ilfisstadions. Auf die Frage eines Kollegen, ob die ZSC Lions für die Playoffs parat seien, sagt er lakonisch: «Es wird eine kurze Serie.» Das ist beunruhigend und will heissen: Die ZSC Lions fliegen schnell raus. Die seltsame Atmosphäre um die ZSC Lions lässt sich am besten als eine resignativ-fatalistische Form des Optimismus bezeichnen. Mit ziemlicher Sicherheit war nach Verkündung der Abstimmungsergebnisse vor einer Woche die Stimmung im Hauptquartier der SP besser als in diesen Tagen bei den ZSC Lions.

Ein Ausscheiden in den Viertelfinals wäre das schmähliche Scheitern der kruden nordamerikanischen Philosophie von Sportchef Edgar Salis. Sein Amt müsste zur Diskussion gestellt werden. Bisher ist die Mannschaft durch seine Transfers nur langsamer, älter, gleichgültiger und weicher geworden. Dass aus der Soundanlage in der Kabine der Zürcher die Songs von «Creedence Clearwater Revival», einer US-Rockband aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren röhren, passt gut ins Bild: Zu den grossen Zeiten von «CCR» wäre das ZSC-Hockey der letzten Wochen vielleicht modern gewesen.

Potenzial für Titel wäre vorhanden

Aber ich frage mich: Kann es wirklich sein, dass das alles ist, was von diesem Team geblieben ist, das im Januar 2009 das beste in Europa war und im Herbst des gleichen Jahres den späteren Stanley-Cup-Sieger aus Chicago gebodigt hat? Kann eine so starke Mannschaft so schnell zerfallen?

Ich kann es immer noch nicht glauben. Da muss einfach noch etwas kommen. So etwas wie ein «Playoff-Urknall». Es kann doch nicht sein, dass die Emotionen, das Tempo, die Härte, die Disziplin, die Präzsision und die Spielfreude vor der wichtigsten Phase der Saison verloren gegangen sind. Diese Mannschaft hat auf dem Papier nach wie vor alles, was es braucht, um eine Meisterschaft zu gewinnen. Für mich wäre ein Ausscheiden im Viertelfinale die grössere Überraschung als der Titelgewinn. Wenn es in den Playoffs nicht gelingt, dieses enorme Potenzial umzusetzen, dann wird meine Analyse einfach sein und den Titel tragen: «Warum Sportchef Edgar Salis gescheitert ist.» Und ich werde auch die Frage aufwerfen: Was macht eigentlich Manager Peter Zahner?