«Time-out»

01. Februar 2011 11:31; Akt: 01.02.2011 11:44 Print

Darum scheiterte Christian Weber

von Klaus Zaugg - Mit Christian Weber (46) ist nicht nur ein Trainer gefeuert worden. Mit seiner Entlassung bei den Lakers geht auch das kurze Zeitalter des offensiven Rokoko zu Ende.

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Christian Weber scheiterte auch an der mangelnden Unterstützung. (Bild: Keystone/Marcel Bieri)

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Die Saison beginnt nach dem Gusto von Manager Reto Klaus: Die Lakers holen in Ambri einen 2:5-Rückstand auf und siegen in der Verlängerung 6:5. Und noch am 9. Oktober macht das Team von Christian Weber gegen Meister SC Bern aus einem 0:3 einen Sieg (4:3 n.P.).

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Aber bereits zu diesem Zeitpunkt hat Weber den Stallgeruch des Scheiterns in den Kleidern. Sein Team ist zwar zeitweise das offensiv beste der Liga. Aber Torhüter Daniel Manzato klagt schon zu diesem Zeitpunkt im kleinen Kreis, es funktioniere nichts: Kein Defensivsystem, kein Teamgeist. Am 10. Dezember 2010 ist Christian Webers Zeit abgelaufen: An diesem Tag bestätigten die Lakers die Vertragsverlängerung mit Stacey Roest und die Entlassung von Manager Reto Klaus.

Scheitern war unnötig

Seit diesem 10. Dezember ist der Trainer bei den Lakers der einsamste Mann der Liga. Nach der Entlassung von Reto Klaus ist keiner mehr im Unternehmen, der an Christian Weber und seine Eishockeyphilosophie glaubt und aus dem Trainer wird ein Kuckuckskind: Ein Trainer, den die neue Führung nicht mehr will. Topskorer Stacey Roest hätte zwar das Talent, um die Mannschaft zu führen. Aber der egoistische Schillerfalter hat mit der Vertragsverlängerung sein Saisonziel erreicht und seither noch ein einziges Tor erzielt.

Christian Webers Konzept des Rokoko-Offensivspiels, mit dem er einst mit den SCL Tigers die ganze Liga begeistert hatte, ist spektakulär gescheitert. Aber musste es scheitern?

Nein. Mit den richtigen Spielern, einem kompetenten Assistenten und einem starken Management als Rückhalt hätte Christian Weber vielleicht - aber eben nur vielleicht - Geschichte schreiben und beweisen können, das mit Lauf- und Tempohockey das Primat der Defensive überwunden werden kann. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass die SCL Tigers, die mit Webers Konzept die ganze Liga begeistert haben, nun unter Webers Nachfolger John Fust mit der Rückkehr zu realistischem Hockey erstmals die Playoffs geschafft haben.

Weber, der «halbe Arno Del Curto»

Mit seinem Wesen und Wirken in Langnau und Rapperswil-Jona geht Christian Weber als «halber Arno Del Curto» in unsere Hockeygeschichte ein: Er lehrte das gleiche offensive Spektakelhockey, er übte seinen Beruf mit der gleichen Leidenschaft aus wie sein Trauzeuge aus dem Engadin - aber ihm fehlte die andere Hälfte von Arno Del Curtos Hockey und Führungsstil: Die taktische Disziplin, die Schlauheit im Coaching und die unerbittliche Konsequenz bei der Führung der Mannschaft. Wer es bösartig sagen will: Christian Weber ist eine naive Flachlandausgabe von Arno Del Curto.

Aber Christian Weber steht auch als Beispiel für einen Trainer, der für die Fehler des Managements büssen musste und deshalb keine Chance hatte. Er scheiterte an Problemen, die bei den Lakers seit drei Jahren klar ersichtlich, aber von einem oft arroganten und ignoranten Management ausgeblendet worden sind. Um es extrem zu formulieren: Seit drei Jahren sind fast nur noch Spieler transferiert worden, die die Konkurrenz nicht mehr wollte und die sich daran gewöhnt haben, zu machen, was sie wollen. Manager Reto Klaus transferierte Tore und Assists und achtete zuletzt zu wenig auf das Wesen und Wirken, den Charakter der Spieler. Die Lakers sind nicht einfach gescheitert, weil sie kein funktionierendes Defensivsystem haben. Das wäre zu einfach und gegenüber Trainer Christian Weber ungerecht. Das Defensivsystem funktioniert auch deshalb nicht, weil dieses Team keine Hierarchie und keine Leader hat und mental das zerbrechlichste der Liga geworden ist. Um das ändern zu können, war Christian Weber zu anständig.

Ist Pawlow der Richtige?

Kann ein harter Hund wie Igor Pawlow (46) den Ligaerhalt sichern? Ja. Das neue Management hat mit der Entlassung von Weber und dem Engagement des Russen gerade noch rechtzeitig den richtigen Entscheid getroffen. Pawlow kann im besten Fall bei den Lakers eine ähnliche Wirkung entfalten wie Kevin Constantine in Ambri: Wenn wir eine NLA-Tabelle ab dem Zeitpunkt der Amtsübernahme von Constantine erstellen, dann steht Ambri auf dem 8. Platz.

Pawlows Wesen und Wirken ist durchaus mit jenem von Constantine vergleichbar. Er kann das Spiel auf dem Eis strukturieren und in der Kabine zumindest vorübergehend Zucht und Ordnung schaffen und eine gewisse Leistungskultur durchsetzen. Allerdings hat er die schwierigere Aufgabe vor sich als Constantine in Ambri: Der Amerikaner hat in Ambri eine intakte Mannschaft mit einer guten Leistungskultur übernommen und konnte sich von allem Anfang an auf die Arbeit auf dem Eis konzentrieren.

Pawlow muss alles sein

Pawlow muss hingegen bei den Lakers neben dem Eis praktisch auf dem Nullpunkt beginnen und gewissen Stars Sitten und Brauchtum des Berufseishockeys wieder beibringen. Er muss alles sein: Kindergärtner, Psychologe, Zuchtmeister, Motivator, Einpeitscher, Hockeylehrer und Hockeygeneral. Aber er hat nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Wir freuen uns auf gute Unterhaltung.