«Time-out»

09. Mai 2012 10:46; Akt: 09.05.2012 12:38 Print

Wenn der Riese tanzen muss, lahmt das Team

von Klaus Zaugg, Helsinki - Ist Torhüter Reto Berra schuld an der Niederlage gegen den Weltmeister? Ja. Aber er hat gute Argumente für seine Verteidigung.

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Wer gute Unterhaltung will, der muss ein Ticket für ein Spiel der Schweizer kaufen. Das 2:5 gegen Weltmeister Finnland bescherte den Zuschauern erneut ein grandioses, zeitweise wildes Spektakel. «Hollywood-Hockey» Mut zum offensiven Risiko, hohem Tempo, kernigen Checks und viel Dramatik.

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Doch am Ende ist alles vorbei und verloren und es kommt die Stunde der Abrechnung: Wer trägt die Schuld für die Niederlage? Nur wenn wir das analysieren dürfen, wissen wir, wie wir besser werden können.

Berras Fangquote zu schlecht

Torhüter Reto Berra ging mit einer Fangquote von 95 Prozent aus dem Spiel gegen Kasachstan (5:1) in diese Partie gegen den Weltmeister. Von dieser statistischen Herrlichkeit ist nichts mehr geblieben. Beim 2:5 gegen Finnland wehrte er nur noch 84,61 Prozent der Schüsse ab.

Auch wenn wir alle möglichen Faktoren wie Chancenauswertung, Schiedsrichter-Benachteiligung und Pech in die Rechnung einbeziehen: Die Schweiz gewinnt gegen einen Gegner wie Finnland an einer WM nur mit einem Goalie, der mindestens 92 Prozent aller Schüsse abwehrt.

Zu viele Abpraller bei Berra

Auf der Suche nach den Gründen für diese Niederlage hilft es nicht weiter, wenn wir einfach sagen, der Torhüter sei schuld. Etwas anderes ist entscheidend: Warum hat Reto Berra nur 84,61 Prozent der Schüsse gehalten?

Er spielte nämlich nicht wie ein 84,61-Prozent-Goalie. Er liess keine haltbaren Weitschüsse ins Netz fahren, er machte keine krassen Stellungsfehler und er liess keine Pucks ins Tor fallen. Die einzige Kritik: Er liess zu viele Scheiben abprallen. Alles in allem spielte er wie ein 90-Prozent-Torhüter. Und war doch chancenlos.

Abwehrdispositiv muss funktionieren

Reto Berra ist in bemerkenswerter Art und Weise das Opfer der spektakulären Spielweise der Schweizer geworden. Der sanfte Riese mit der NHL-Postur (194 cm, 86 kg) ist ein Blocker, kein Tänzer. Wenn das Abwehrdispositiv vor ihm steht und unter Druck nicht auseinander fällt, wenn das Spiel der eigenen Verteidiger berechenbar bleibt, dann ist Reto Berra fast nicht zu überwinden. Erst recht nicht von durchschnittlichen Stürmern.

Sein EHC Biel stand in der letzten Saison oft unter Druck. Aber nur selten zerfiel die Verteidigung in ihre Einzelteile. Reto Berra überblickte die Situation fast immer wie der General auf dem Feldherrenhügel die Schlacht. Deshalb konnte er der MVP, der wertvollste Spieler der Saison werden und die Bieler in die Playoffs hexen. Deshalb gilt er zu Recht als bester Torhüter der Qualifikation 2011/12. Deshalb ist es richtig, dass er sein erstes WM-Aufgebot erhalten hat.

Für die Schweiz ging es zu schnell

Gegen Finnland verloren die Verteidiger – auch Titanen wie Mark Streit, Luca Sbisa und Goran Bezina (alle mit einer -1-Bilanz) – in zu vielen Situationen die Übersicht. Die finnischen Stürmer konnten Querpässe spielen und sie kamen ungehindert aus spitzen Winkeln zum Schuss. Wenn es den gegnerischen Stürmern gelingt, einen Riesen zum Tanzen zu zwingen, wenn der Riese tanzen muss, dann lahmt am Ende das ganze Team. Weil ein Riese wie Reto Berra nicht tanzen und sich nicht schnell genug seitlich hin und her bewegen kann. Tore fielen aus spitzen Winkeln und aus Situationen, in denen Reto Berra die Übersicht nicht mehr hatte. Erzielt von Stürmern, die eiskalt jede Schwäche auszunützen verstehen.

Es ging in diesem Spiel für die Schweizer zu oft zu vieles zu schnell: Vor dem gegnerischen Tor (deshalb die völlig ungenügende Chancenauswertung) und eben auch vor dem Tor von Reto Berra. Gegen Kanada spielt nun Tobias Stephan. Auch er ein Riese mit NHL-Postur (192 cm/85 kg). Er wird möglicherweise gegen die Kanadier ganz ähnliche Probleme haben wie Reto Berra gegen die Finnen.

Offensive Risikobereitschaft fordert ihren Preis

Reto Berra ist durch die Niederlage nicht verunsichert worden. Er analysierte gegenüber 20 Minuten Online seine Leistung bereits kurz nach dem Spiel mit bemerkenswerter Ruhe und Gelassenheit. «Es ist nicht für uns gelaufen. Die Finnen haben ein paar ‹lucky bounces› ausgenützt. Selbst als ich einen Puck gut zur Seite abgewehrt hatte, stand dort ein gegnerischer Stürmer und traf aus spitzem Winkel ins Netz.»

Haben also die Verteidiger versagt? Nein. Wenn die Schweiz den Weltmeister dominiert (28:26 Torschüsse), wenn die Schweizer gegen ein Team, das zuvor in zwei Spielen keinen Gegentreffer einkassiert hatte (1:0 gegen Weissrussland, 1:0 gegen die Slowakei) zwei Tore erzielen, wenn die Schweizer noch im Schlussdrittel drauf und dran sind, das Spiel zu wenden (Damien Brunner scheiterte nach 45:19 Min. in Unterzahl beim Stande von 2:3 alleine vor dem gegnerischen Goalie!) – dann ist der Grund für die grandiose Leistung die offensive Risikobereitschaft. Und die fordert ihren Preis.

Bilanz zwischen Offensive und Defensive muss stimmen

Bei Finnland stimmte die Balance zwischen Offensive und Defensive. Bei den Schweizern stimmte diese Balance nicht. Aber Finnland ist Weltmeister und die Schweizer haben bei der letzten WM nicht einmal das Viertelfinale erreicht. Weil die Schweizer so lange auf Augenhöhe mit den Finnen spielten, ging dieser Unterschied beinahe vergessen. Aber genau dieser Unterschied wirkte sich aus.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas Schüpbach am 09.05.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Reto ,,The Wall'' Berra

    Berra die Schuld in die Schuhe zu schieben finde ich eine Frechheit! Er hatte ein super Spiel gezeigt. Bei mind. 3 Toren konnte er überhaupt nichts machen. Der erste Treffer war Glück, dass er von der Bande direkt auf die Schaufel des Finnen kam. Bezüglich den Abprallern kann man als Goalie nicht so viel machen. Erwischt man einen schlechteren Tag, kann man die Abpraller vielleicht nicht wie gewünscht kontrollieren!! Aber im Hockey gilt: Der erste Schuss gehört dem Torhüter, der Abpraller den Verteidigern! Berra ist aus meiner Sicht der Beste Torhüter der im Moment in der Schweiz (NLA) spielt.

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  • ulieni am 09.05.2012 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    nur der Torhüter??

    Nur den Torhüter für die Niederlage verantwortlich zu machen finde ich etwas einfach. Was ist mit den Stürmern und den vielen ungenutzten Chancen? Finnland hat einfach konsequent alle Chancen genutzt. Unsere Stürmer konnten sich vor dem Tor nie durchsetzen und hatten deshalb einfach keinen Stich.

  • T. Bolliger am 09.05.2012 11:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kompliment

    Sehr gut analysiert

Die neusten Leser-Kommentare

  • ulieni am 09.05.2012 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    nur der Torhüter??

    Nur den Torhüter für die Niederlage verantwortlich zu machen finde ich etwas einfach. Was ist mit den Stürmern und den vielen ungenutzten Chancen? Finnland hat einfach konsequent alle Chancen genutzt. Unsere Stürmer konnten sich vor dem Tor nie durchsetzen und hatten deshalb einfach keinen Stich.

  • Daniel Gauchat am 09.05.2012 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    sehr guter torhüter, leider nicht mehr

    gute analyse. berra spielt gut bis sehr gut, wie man das auch aus der meisterschaft kennt. aber um weltmeister zu schlagen braucht es torhüter, die in entscheidenden momenten über sich hinaus wachsen können. dazu zählt leider keiner der drei torhüter. das gleiche gilt auch für die überforderten bezina, blindenbacher oder du bois, wie auch für plüss, bieber und erstaunlicherweise rüthemann.

    • Mitch31 am 09.05.2012 13:49 Report Diesen Beitrag melden

      Rüthemann ist immer noch Weltklasse

      Schlechte analyse. Herr Gauchat. Rüthemann hat im ersten Spiel schon gezeigt wie es geht, er ist immer noch wichtiger Bestandteil des Teams neben Streit, Sie sind an der WM immer wichtig gewesen.

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  • petr am 09.05.2012 11:41 Report Diesen Beitrag melden

    weiter so....

    für mich bleibt Berra diese Saison die Nr. 1 und hoffe er wird weiterhin spielen! Das erste Gegentor z.B. war einfach nur Pech, von der Bande zurück vors Tor geprallt... Die letzten zwei, weil die Schweizer sich voll auf die Offensive konzentrieren mussten, und so hinten Räume für die Finnen generierten, die sie Eiskalt ausnutzten. Positiv war dass die Schweiz sehr gut mithalten konnte! Eines von drei (oder vier) solchen Spielen wird die Schweiz gewinnen, nämlich jenes im Viertelfinal! ;)

  • Thomas Schüpbach am 09.05.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Reto ,,The Wall'' Berra

    Berra die Schuld in die Schuhe zu schieben finde ich eine Frechheit! Er hatte ein super Spiel gezeigt. Bei mind. 3 Toren konnte er überhaupt nichts machen. Der erste Treffer war Glück, dass er von der Bande direkt auf die Schaufel des Finnen kam. Bezüglich den Abprallern kann man als Goalie nicht so viel machen. Erwischt man einen schlechteren Tag, kann man die Abpraller vielleicht nicht wie gewünscht kontrollieren!! Aber im Hockey gilt: Der erste Schuss gehört dem Torhüter, der Abpraller den Verteidigern! Berra ist aus meiner Sicht der Beste Torhüter der im Moment in der Schweiz (NLA) spielt.

    • Anton Mosimann am 09.05.2012 12:31 Report Diesen Beitrag melden

      Lesen, dann kritisieren...

      Sie haben offensichtlich nur den Header des Artikel gelesen. Herr Zaugg hat schon recht, wenn er sagt, dass Berra mit seiner Postur keine Chance hat, wenn die Verteidiger zulassen, dass die Finnen so viele Querpässe spielen können. So schnelles hin und her von links nach rechts und zurück ist physikalisch einfach unmöglich für ihn.

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  • Oilersfan am 09.05.2012 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Mal wieder was Gutes

    Finde ich auch sehr gut analysiert. Knackpunkt war einerseits in manchen Situationen das Stellungsspiel von Berra und aber vor allem die Chancenauswertung und der Haken zuviel. Sucht man schneller den Abschluss, auch von der blauen Linie, dann wären die Finnen gestern zu schlagen gewesen. Unterirdisch: Schiri-Leistung. Kompliment ans Team, supercooles Hockey, das Spass macht zum Zuschauen, kein langweiliges Schachhockey. Das Viertelfinale ist sicher drin, das wäre auch topp! Weiter so, und auch weiter so mit den polemik-freien Analysen aus Helsinki