«Time-out»

29. März 2011 12:57; Akt: 29.03.2011 13:15 Print

Die letzte und einzige Chance der Kloten Flyers

von Klaus Zaugg - Ob die Kloten Flyers das Finale erreichen oder nicht, spielt keine Rolle. Das «System Kloten» bleibt so oder so das erfolgreichste Modell im Schweizer Hockey.

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Können die Kloten Flyers am Ende der Serie gegen den SC Bern doch noch jubeln? (Bild: Keystone)

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Die wahren Unabsteigbaren sind die Kloten Flyers (vormals EHC Kloten). Im Frühjahr 1962 steigen die Zürcher in die NLA auf. Seither spielen sie in der höchsten Spielklasse. Die meisten anderen Titanen mussten in der Zwischenzeit in die NLB (SC Bern, Zug, ZSC Lions, Ambri, Lugano, Biel) oder gar in die 1. Liga absteigen (SCL Tigers, Davos, Servette).

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Wer 18 Jahre länger als jeder andere Klub zur höchsten Spielklasse gehört (Gottéron spielt seit 1980 in der NLA) und fünf Meistertitel feiert, ohne mit einem Abstieg zu büssen, macht fast alles richtig. Hinter der beispiellosen Konstanz steckt System. Das «System Kloten».

Am anschaulichsten zeigt sich diese Philosophie in diesem Halbfinale gegen den SC Bern. Bei den Kloten Flyers fliegen immer wieder zwei Spieler übers Eis, die nur Rückennummern tragen. Aber keinen Namen auf dem Dress. Es sind zwei Elite-Junioren (Samuel Walser, Nicolas Steiner). Beim SC Bern tragen nicht nur alle Namen und Nummer, auf der Tribüne sitzen bei jedem Spiel weitere Spieler mit Namen und Nummern. Der SC Bern kann ganz einfach mehr Geld einsetzen und sich einen breiteren Kader leisten.

Lauf- und Tempohockey

In den letzten 49 Jahren haben bei Kloten die verschiedensten Trainer gearbeitet. Schweden, Kanadier, Finnen, Schweizer oder Russen. Verschiedenste Präsidenten und Verwaltungsräte haben das Unternehmen geführt und unterschiedlichste Manager gemanagt. Wir finden in der Ahnengalerie der Führungsetage in der Neuzeit so grosse oder schillernde Namen wie Jürg Ochsner, Andy Murray, Curre Lindström, Roland von Mentlen, Roger Köppel, Alpo Suhonen, Conny Evensson oder Erich Wüthrich.

Präsidenten, Verwaltungsräte, Trainer und Manager prägen das Wesen und Wirken eines Hockeyunternehmens. Mal wird mit Karacho aufgerüstet, oft folgt dem kurzen (Grössen-)Wahn die lange Reue. Mal wird mit kanadischem Powerhockey gerumpelt, mal skandinavisches Systemhockey zelebriert oder gar russisch getanzt. Nur bei den Kloten Flyers bleibt das System mit verschiedensten Trainern und Präsidenten und Managern und Verwaltungsräten gleich: Die Zürcher spielen seit dem Aufstieg vor 49 Jahren Eishockey nach dem gleichen Grundmuster: Sie zelebrieren Lauf- und Tempohockey und das Rückgrat der Mannschaft bilden immer Spieler, die sie selber ausgebildet haben.

Trainer, Spieler, und Präsidenten kommen und gehen, das «System Kloten» bleibt bestehen. Es passt ins Bild, dass Felix Hollenstein, der charismatische Leitwolf der grössten Dynastie (vier Titel von 1993 bis 1996) heute zusammen mit Anders Eldebrink (auch ein ehemaliger Spieler) mit grossem Erfolg als Trainer arbeitet: In Kloten gelten die Propheten im eigenen Lande etwas, und die eigene Geschichte wird respektiert. So wie es in grossen Sportunternehmen der Brauch ist.

«Kampf der Hockeykulturen»

Während die Geschichte der ZSC Lions, des HC Davos, des HC Lugano oder des SC Bern in manchen Zeiten schon mal wirkte wie ein chaotisches Gemisch aus Salvador Dalí und Orson Welles, ist die Geschichte der Kloten Flyers ein hockeytechnisches Gesamtkunstwerk. Bloss gewürzt mit ein wenig Gottfried Keller. Im Klotener Sportbusiness finden wir immer ein bisschen mehr verantwortungsvollen Hockey-Sozialismus als schrankenlosen Hockey-Kapitalismus. In diesem Zusammenhang sei wieder einmal daran erinnert, dass das grosse Hockey-Imperium SC Bern aus einem ruhmlosen Aufstieg am grünen Tisch und einer schmählichen Nachlassstundung entstanden ist.

Konstanz und seriöse Arbeit machen halt wenig Lärm und deshalb gilt ein Finale HC Davos gegen den SC Bern und nicht HC Davos gegen die Kloten Flyers als «Traumfinal». Das Getöse in den Medien ist einfach mit dem grossen, arroganten, mächtigen und reichen SC Bern grösser als mit den Kloten Flyers. Dass die Zürcher aus sportlichen Gründen allerdings das Finale mehr als verdient hätten, steht ausser Frage. Dieses Halbfinale zwischen den Kloten Flyers gegen den SC Bern ist also durchaus so etwas wie ein «Kampf der Hockeykulturen».

Erfolg erkämpfen, nicht erkaufen

Hätten die Kloten Flyers so viel Geld wie die ZSC Lions oder Lugano oder der SC Bern, wären sie nicht so konstant und erfolgreich. Weil sie immer wieder der Versuchung erliegen würden, den Erfolg zu kaufen statt zu erarbeiten. Die ZSC Lions, der SC Bern oder Lugano würden in den kommenden Wochen viel Geld ausgeben, um sicherzustellen, dass Roman Wick aus Nordamerika zurückkehrt, Patrick von Gunten ersetzt werden kann (falls er nach Schweden wechselt) und alle vier Ausländerpositionen optimal besetzt sind.

Präsident Jürg Bircher wird zwar nicht als Erfinder der Bescheidenheit in die Klotener Hockeygeschichte eingehen. Aber seine Vision ist bemerkenswert. Er bestätigt es gegenüber 20 Minuten Online noch einmal: «Ja, wir werden nächste Saison nur mit drei Ausländern spielen. Auch dann, wenn Patrick von Gunten nach Schweden wechseln und Roman Wick nicht zurückkehren sollte.»

Auch Bircher respektiert also das «System Kloten», das es verbietet, den Erfolg zu kaufen und die Lücken werden mit eigenen Spielern gefüllt. Deshalb kann Bircher auch sagen: «Unsere Sponsoren stehen hinter unserer Politik.» Die Konsequenz dieser Politik ist allerdings auch, dass es in nächster Zeit wahrscheinlich nicht mehr fürs Finale reichen wird.

Die Chance, keine mehr zu haben

Und wie stehen nun die Chancen der Kloten Flyers auf den Einzug ins diesjährige Finale? Exakt 50:50. Die grosse mächtige Hockeymaschine SC Bern ist zwar wieder in Fahrt gekommen, rockt und rockt und gegen den wahren SC Bern haben die Klotener tatsächlich keine Chance. Aber es ist keineswegs sicher, dass wir den wahren SC Bern sehen werden. Die grosse Chance der Flyers liegt darin, dass sie scheinbar keine Chance haben: So professionell und gewissenhaft sich die Berner auf den Showdown des siebten Spiels vorbereiten – eines bringt selbst ein so erfahrener und kluger Coach wie Larry Huras nicht aus den Köpfen und Seelen der Spieler: Die absolute Gewissheit, sich fürs Finale zu qualifizieren.

Beim SC Bern kann sich ganz tief im Herzen nach drei Siegen in Serie niemand mehr vorstellen, jetzt noch zu scheitern. Diese Arroganz hat die Berner nach dem 0:3-Rückstand gerettet und die Aufholjagd ermöglicht. Aber jetzt kann dieses Selbstvertrauen zerbrechen wie Glas, wenn der Puck auf einmal nicht mehr den Weg der Berner gehen will. Das ist die grosse Finalchance der Kloten Flyers. Allerdings auch die einzige und vorläufig Letzte.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lugano Fan am 29.03.2011 18:09 Report Diesen Beitrag melden

    Jung oder Alt egal

    Wen interessiertes schon wie viele Junge in einem Team sind? ich selbst bin Lugano Fan, am erfolgreichsten waren wir als wir noch die halbe Liga zusammengekauft haben. Und diese Saison bei Lugano, schlechte Einkäufe und paar Junge = Playouts. Und Herr Zaugg schreibt das Modell von Kloten sei am erfolgreichsten.. so ein Seich.. wann war dann der letzte Meistertitel????

  • Duc... am 29.03.2011 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Dem SCB wird nichts geschenkt!

    Nur weil beim SCB auch die Junioren angeschrieben sind, heisst es nicht, dass keine spielen. Und dass der SCB mehr Geld zur Verfügung hat liegt daran, dass Marc Lüthi einen hervorragenden Job macht und dass wir Fans massenweise ins Stadion pilgern. Dadurch fressen und saufen wir den SCB nicht nur in die Höhe, sondern machen ihn auch attraktiv für potentielle Sponsoren. Wenn Kloten im Grossraum Zürich weniger Geld zur Verfügung hat, ist das wohl ein Problem des «Systems Kloten» und berechtigt keine Zweideutigkeiten gegen den SCB, der sein Geld immer noch selber verdienen muss!

    einklappen einklappen
  • André Mischler am 29.03.2011 21:19 Report Diesen Beitrag melden

    Und die Trainer?

    Es ist wie es K.Z. beschreibt. Möge der bessere gewinnen, Kloten . Für mich fehlen in der Aufzählung der Ahnengalerie die Trainer von Kloten. Zwei Persönlichkeietn haben aus meiner Sicht den Verein nachhaltig geprägt . Pavel Volek, der Gründer des atraktiven, aber leider erfolglosen, Chlotener Eisballettes und Wladimir "Beine, Beine, Beine" Jursinow. Sie haben uns gezeigt, dass die Jugend die Zukunft ist.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Harley am 30.03.2011 07:49 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Klaus Zaugg

    Nach all den wenig kontruktiven Anmerkungen zu den KF tut es gut, wieder einmal die positiven Seiten meines Lieblingsclubs zu hören. Umso mehr, als wir nun im Final stehen!!!! Meine aufrichtige Anerkennung an den SCB, der einen tollen Halbfinal gespielt hat und ein würdiger Gegner war! War ein tolles Spiel gestern abend! Jetzt gilt's. Davos, wir kommen!!!!

  • Marco am 30.03.2011 06:12 Report Diesen Beitrag melden

    Kloten

    Danke Kloten :-) Weiter so !!!!!

  • André Mischler am 29.03.2011 21:19 Report Diesen Beitrag melden

    Und die Trainer?

    Es ist wie es K.Z. beschreibt. Möge der bessere gewinnen, Kloten . Für mich fehlen in der Aufzählung der Ahnengalerie die Trainer von Kloten. Zwei Persönlichkeietn haben aus meiner Sicht den Verein nachhaltig geprägt . Pavel Volek, der Gründer des atraktiven, aber leider erfolglosen, Chlotener Eisballettes und Wladimir "Beine, Beine, Beine" Jursinow. Sie haben uns gezeigt, dass die Jugend die Zukunft ist.

  • Rock n' Roll am 29.03.2011 19:13 Report Diesen Beitrag melden

    Die Zaugg'schen Schlagwörter

    Ich lese die deftig und pointiert verfassten "Auszeiten" von KZ gerne. Sie lesen sich wie ein gluschtiger Buurezmorge. Aber seine Standard-Definitionen sollten dringend mal erweitert oder ganz weggelassen werden. Lottergoalie / wie zu Gotthelfs Zeiten / Rumpelhockey / Rock & Roll / Schillerfalter / Kultfigur / Leitwolf / Alphatier / Voodoo-Zauber / charismatischer Bandengeneral / Leistungskultur / Tanzmäuse / Big bad Bears / Speed kills / hüftsteife Haudegen und natürlich seine Lieblingsmetapher: So zerbrechlich wie eine billige Uhr... wann erfindet er mal ein paar neue Schlagwörter?

  • Lugano Fan am 29.03.2011 18:09 Report Diesen Beitrag melden

    Jung oder Alt egal

    Wen interessiertes schon wie viele Junge in einem Team sind? ich selbst bin Lugano Fan, am erfolgreichsten waren wir als wir noch die halbe Liga zusammengekauft haben. Und diese Saison bei Lugano, schlechte Einkäufe und paar Junge = Playouts. Und Herr Zaugg schreibt das Modell von Kloten sei am erfolgreichsten.. so ein Seich.. wann war dann der letzte Meistertitel????