«Time Out»

12. Februar 2011 08:31; Akt: 15.02.2011 11:45 Print

346 Strafminuten und beste Unterhaltung

von Klaus Zaugg - So viele Prügeleien sind selbst in der NHL selten: 21 Restausschlüsse und 346 Strafminuten gab es beim Spiel der New York Islanders gegen die Pittsburgh Penguins. Mark Streit fand es «einfach cool...»

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Der Satz stammt aus der guten alten Zeit, aus den 1970er Jahren, als Massenschlägereien («bench clearing») noch möglich waren und die Philadelphia Flyers die ganze Liga terrorisierten und Gewalt eine Strategie war: «I went to a boxing match and a hockey game broke out.»

Am Freitag sind die Geister der 1970er Jahre zurückgekehrt. Beinahe hätte ich das historische Spektakel verpasst, weil ich mir die fast einstündige Fahrt mit der Eisenbahn von Manhattan hinaus nach Long Island eigentlich sparen wollte. Zum Glück bin ich doch hingefahren.

Es liegt etwas in der Luft. Vor neun Tagen hat bei der letzten Direktbegegnung Pittburghs Brent Johnson in einer denkwürdigen Goalieschlägerei Rick DiPietro, den Stargoalie der Islanders, mit einem Faustschlag für vier bis sechs Wochen ausser Gefecht gesetzt. Allen ist klar: Das wird Folgen haben.

Allerdings hat niemand solches Spektakel erwartet. Es passt alles wunderbar zusammen: Nach dem ersten Drittel führen die Islanders 4:0. Das Spiel, mit acht Ausschlüssen bisher recht friedlich, ist entschieden. Ab dem zweiten Drittel wird es nun zur Sache gehen: 17 Ausschlüsse im zweiten und 40 im dritten Drittel. Oder wie es Pittsburghs Coach Dan Bylsma hinterher ganz cool in einem Satz zusammenfassen wird: «Die erste Hälfte war ein Hockeyspiel. Die zweite Hälfte nicht mehr.» Jack Capuano, der Bandengeneral der Islanders, wird es so erklären: «Es gab keine Möglichkeit, das zu verhindern. Nachdem die Partie entschieden war, haben die Spieler die Dinge geregelt. Wir hatten eine Taktik um dieses Spiel zu gewinnen. Aber keine für das, was dann passiert ist...»

Während der letzten Minuten der Partie hat Pittsburgh noch sieben (!) Feldspieler zur Verfügung. Bloss zwei stehen auf der Spielerbank, wenn mal im Vollbestand gespielt wird. Bei den Islanders zähle ich noch acht. Von den 36 Feldspielern, welche diese wunderbare Partie begonnen haben, sind 21 vorzeitig unter die Dusche geschickt worden. Weil in der NHL Restausschlüsse lediglich mit 10 Minuten in der Statistik aufgeführt werden (und nicht, wie in Europa, mit 20 Minuten) kommen lediglich 346 Strafminuten zusammen – nach europäischen Regeln wären es 556 Strafminuten.

«I went to a boxing match and a hockey game broke out.» Gespielt wird nach der ersten Pause fast nicht mehr. Ab dem zweiten Drittel bricht so ungefähr alle zwei Minuten eine Schlägerei aus, manchmal sind es auch mehrere gleichzeitig. Das Spiel ist intensiv, aber nur noch schleppend langsam. Weil es ganz einfach andauernd irgendwo rumpelt.

Der Höhepunkt: Das Spiel ist in der Zone der Islanders. Da rennt auf einmal Michael Haley los, aus der eigenen Zone heraus, übers ganze Feld und steuert direkt Pittsburghs Goalie Johnson an. Unterwegs lässt er die Handschuhe fallen, auch Johnson sieht die Schlägerei kommen und wirft Stock und Handschuhe und Maske weg. Obwohl seine Mitspieler sogleich die Verfolgung von Haley aufnehmen um ihren Goalie zu schützen, bezieht Johnson ordentlich Prügel. Sechs, sieben Spieler liegen schliesslich aufeinander, ganz zuunterst Johnson. Sein Foul an DiPietro ist nun halbwegs gerächt. Aber der Zwischenfall wird Folgen haben: Am 9. April spielen die beiden Teams wieder gegeneinander und Pittsburghs Haudegen Chris Letang hat schon angekündigt: «Es geht nicht, dass ein Feldspieler so auf einen Torhüter los geht. Das wird Konsequenzen haben.»

Die Stimmung im Stadion ist grossartig. Etwas mehr als 12 000 Fans sind gekommen und amusieren sich prächtig. Aus der Soundanlage orgelt immer und immer wieder Rockmusik durch die Arena: Vor allem das Stück: «We will rock you!» der britischen Rockgruppe Queen. Und die Pittsburgh Penguins werden wirklich gerockt und gerollt, dass ihnen sehen und hören vergeht.

Schon während dem Spiel fällt der eiserne Vorhang unten im Bauch des Nassau Coliseum: Die Kabinen der Islanders und des Gästeteams liegen im Gang gleich nebeneinander und das ist praktisch: Man kann nach dem Spiel von der einen Kabine gleich in die andere wechseln um sich mit den Spielern zu unterhalten. Das geht jetzt nicht mehr. Eine eiserne Trennwand ist heruntergelassen worden. Wer von der einen Kabine zur anderen wechseln will, muss aussen herum, der Bande entlang gehen und auf der anderen Seite wieder hereinkommen. Aus Sicherheitsgründen. Die Funktionäre hatten weitere Schlägereien im Gang befürchtet.

Die fanden nicht statt. Die Trainer und die Spieler haben sich längst wieder beruhigt, die Sicherheitsmassnahme wäre nicht nötig gewesen. In der Kabine der Islanders strahlende Gesicher. Nicht nur wegen des 9:3-Sieges, der besten Offensivleistung seit dem 9:1 gegen Chicago am 25. März 1993. Es hat ganz einfach allen Spass gemacht. Medien-General Kimber Auerbach passt auf wie ein Schiesshund, dass keiner seiner Spieler jetzt gegenüber den Reportern übermütige Aussagen macht. So etwas könnte Sanktionen der Liga nach sich ziehen. Offiziell darf so ein Gewaltausbruch nicht auch noch gefeiert werden. Nach offizieller Redensart wäre jetzt schämen angesagt. Und so gibt es eigentlich keine provokativeren Aussagen als: «Es war halt Hockey wie in der guten alten Zeit.» Gerühmt wird der Zusammenhalt. Jeder habe für jeden gekämpft. Und Matt Moulson sagt auch noch: «Dieses Spiel ist gut für unser Selbstvertrauen.» Weil sich auf beiden Seiten bei den Prügeleien keiner ernsthaft verletzt hat, braucht auch keiner ein schlechtes Gewissen zu haben.

Unser Nationalverteidiger Mark Streit konnte nicht mitprügeln. Er fällt ja durch seine Schulterverletzung nach wie vor aus und das Datum seiner Rückkehr ist ungewiss. Er schaute sich das erste Drittel unten in der Kabine am TV an und das zweite und dritte Drittel live oben in einer Loge. Er sagt gegenüber 20 Minuten Online spontan: «Cool. Es war ganz einfach cool.» Er hatte zwar nach der Verletzung von Rick DiPietro eine Reaktion erwartet – aber nicht gleich eine so heftige. «Es ist halt eins zum anderen gekommen und dann gab es nach der frühen Entscheidung kein Halten mehr.» Er sieht nicht nur im Resultat (9:3 für die Islanders) einen positiven Aspekt. «Ich bin sicher, dass unsere Mannschaft nach diesem Spiel noch enger zusammenrückt.»

Interessant in diesem wilden Spektakel: Eine gewisse Disziplin bleibt immer gewahrt. Die ungeschriebenen Gesetze des NHL-Faustkampfes («the Code») werden von beiden Teams eingehalten: Zum Prügeln werden die Handschuhe ausgezogen. Nie geht einer mit dem Stock oder dem Schlittschuh auf den Gegner los. Nie verlässt einer die Spielerbank, um sich an einer Prügelei zu beteiligen. Es kämpfen jeweils nur die auf dem Eis im Einsatz stehenden Spieler. Denn eine Massenschlägerei («bench clearing») wird durch die Liga harsch bestraft: der erste Spieler, der die Bank verlässt, um sich an einer Prügelei zu beteiligen kassiert zehn Spielsperren und 10 000 Dollar Busse und zudem wird auch der Coach suspendiert und gebüsst. Interessant wird sein, ob die Liga nach dieser «fight night» zur Tagesordnung übergeht oder ob es nicht doch noch Sanktionen gibt.

«I went to a boxing match and a hockey game broke out.» Zu einem absoluten Strafenrekord hat es trotz allem nicht gereicht. Der steht bei 419 Minuten aus dem Spiel Ottawa gegen Philadelphia vom 5. März 2004. Aber es war immerhin das strafenreichste Spiel in der ruhmreichen Geschichte der Islanders.

Fortsetzung des ersten Teils (oben) des Prügelspiels

National Hockey League (NHL). Spiele in der Nacht auf Samstag:
Calgary Flames - Anaheim Ducks (ohne Hiller/Erschöpfungspause, mit Sbisa) 4:5 n.V.
New York Islanders (ohne Streit/verletzt) - Pittsburgh Penguins 9:3.
Boston Bruins - Detroit Red Wings 1:6.
New Jersey Devils - San Jose Sharks 2:1.
Columbus Blue Jackets - Colorado Avalanche 3:1.
Atlanta Thrashers - New York Rangers 3:2.
St. Louis Blues - Minnesota Wild 4:5 n.P.
Dallas Stars - Chicago Blackhawks 4:3 n.P.