«Time-out»

03. Februar 2011 12:08; Akt: 03.02.2011 12:27 Print

Wie Sean Simpson dem HC Lugano hilft

von Klaus Zaugg - Warum steht der HC Lugano mit einer Mannschaft in den Playouts, die genug Talent hat, um den Titel zu holen? Nationaltrainer Simpson liefert die Antwort.

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Timo Helbling (Nummer 6) wurde in dieser Saison vom Klub gefeuert, vom Nati-Trainer aufgeboten.

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Normalerweise sind die Aufgebote des Eishockey-Nationaltrainers im November, Dezember und Februar unspektakulär wie der Wandschmuck einer Zivilschutzanlage. Erst in den letzten Testspielen vor der WM wird es spannend. Doch diesmal ist es anders: Im Aufgebot für die bedeutungslosen Länderspiele der nächsten Woche finden wir eine Antwort auf die Frage, warum der HC Lugano die Playouts bestreiten muss.

Wer von Sean Simpson aufgeboten wird, ist nicht faul, nicht aufmüpfig, befolgt die Anweisungen des Coaches, trainiert fleissig, spielt diszipliniert, ist mit Leib und Seele bei der Sache und hat Talent. Kurzum: Er gehört zu den Besten. Wer von Simpson berücksichtigt wird, ist ein Musterprofi und sicher kein Querschläger und kein Kabinen-Giftpilz.

Helbling mit dabei

Wir finden im Aufgebot für die Ländespiele der nächsten Woche einen interessanten Namen: Timo Helbling (29). Er wird sogar auf Verbandskosten aus Oulu nahe dem Polarkreis via Helsinki eingeflogen, um die Abwehr unserer Nationalmannschaft zu verstärken. Tatsächlich ist Helbling bei Kärpät Oulu im heissen Kampf um die letzten Playoff-Plätze ein Schlüsselspieler. Trainer Hannu Aravirta teilt dem sanften Riesen aus Hägendorf (SO) in jedem Spiel mehr als 15 Minuten Eiszeit zu, manchmal sind es auch mehr als 20 Minuten.

Helbling ist der Prototyp des unspektakulären Pflichtverteidigers. Kein Künstler. Aber ein verlässlicher Maschinist der Defensive. Er bewährt sich in der höchsten finnischen Spielklasse. Und die ist keine Operettenliga für Hockey-Nasenbohrer.

Dieses Aufgebot ist kein Irrtum unseres Nationaltrainers. Er kennt Timo Helbling. Denn er hatte ihn ja schon bei der letzten WM in der Mannschaft.

Was Lugano fehlt

Nehmen wir einmal an, wir bekommen den Auftrag, die Spiele des HC Lugano in dieser Saison zu analysieren. Wir sind selbstverständlich völlig neutral, objektiv und unvoreingenommen. Wir wissen nichts über das Innenleben der Mannschaft, nichts über das Management und nichts über die Geschichte des Unternehmens HC Lugano. Und wir werden gefragt, welchen Spieler oder Spielertyp wir zur Stabilisierung der Lotterabwehr (Lugano hat 41 Tore mehr kassiert als Tabellenführer Kloten) und damit zur Genesung der Mannschaft empfehlen.

Wir können Sportschef Roland Habisreutinger mit gutem Gewissen ans Herz legen, einen Spieler wie Timo Helbling zu holen. Oder am besten gleich Timo Helbling. Das geht allerdings nicht. Denn Luganos Sportchef hat Timo Helbling ja im vergangenen Oktober fristlos gefeuert. Das ist der Grund, warum Helbling zurzeit bei Kärpät Oulu spielt. Und so erleben wir jetzt einen historischen Moment der Schweizer Hockeygeschichte: Zum ersten Mal wird ein von seinem Verein fristlos entlassender Profi noch in der gleichen Saison vom Nationaltrainer aufgeboten.

Lugano feuerte den falschen Spieler

Was lernen wir daraus? Ohne jede Bösartigkeit kommen wir zum Urteil, dass Luganos Management ein Irrtum unterlaufen ist. Tatsächlich hilft es manchmal, einen Spieler zu feuern um die Chemie der Mannschaft zu verbessern. Wichtigste Voraussetzung bei dieser Massnahme ist allerdings die Kenntnis über das Wesen und Wirken des Trainers und der Spieler und über Gänge und Läufe in der Kabine. Wer die falschen Spieler feuert, ruiniert die Mannschaft. Das hat beispielsweise der hoch qualifizierte Ueli Schwarz während der Spielzeit 2006/07 in Basel erlebt: Er trennte sich während der Saison von Shawn Heins und Eric Landry, um die Position von Trainer Kent Ruhnke zu stärken. Diese Transfers waren der Anfang vom Ende des EHC Basel in der höchsten Liga. Schwarz musste schliesslich Ruhnke trotzdem feuern. Heins und Landry spielen immer noch (oder wieder) in der NLA. Der EHC Basel nicht mehr.

Die fristlose Entlassung von Timo Helbling war für den HC Lugano der Anfang vom Ende aller Playoffträume. Als Grund für die Trennung (die das Arbeitsgericht noch beschäftigen wird) nannte Sportchef Roland Habisreutinger eine Auseinandersetzung von Helbling mit Trainer Philippe Bozon. Inzwischen musste er auch Bozon feuern.

Parlez français!

So lange Luganos Sportchef nicht erkennt, welches die Problemspieler in seiner Kabine sind, so lange wird es in Lugano keine Besserung geben und eher früher als später wird jeder Trainer scheitern. Da kann die Frage nicht ausbleiben: Wer sind denn in Lugano die Problemspieler? Nun, Sean Simpson hat mit dem Aufgebot von Timo Helbling einen wichtigen Beitrag zur Erleuchtung des Verstandes der hohen Herren von Lugano beigetragen und ich wage jetzt zu behaupten: Timo Helbling war nicht Luganos Problemspieler. Aber wer dann? Ich masse mir nicht an, Namen zu nennen. Nur ein Tipp an Luganos tüchtigen Sportchef: Parlez français, cher Roland!

P.S.: Gemäss der offiziellen Kaderliste ist Französisch die Muttersprache folgender Spieler: Sébastien Caron, Julien und Tristan Vauclair, Sébastien Reuille, Kevin Romy, Chris Bourque und Flavien Conne.