«Time-out»

04. Februar 2011 17:44; Akt: 04.02.2011 17:52 Print

Die pawlowschen Hunde aus Rapperswil-Jona

von Klaus Zaugg - Werden die Lakers die «pawlowschen Hunde» unseres Hockeys? Nach dem sensationellen 2:1 in Bern deutet alles darauf hin – und die Zeche für das gelungene Experiment muss womöglich der EHC Biel bezahlen.

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Kaum ist Igor Pawlow da, gewinnen die Lakers. (Bild: Keystone)

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Zuerst ein bisschen Theorie: Der russische Verhaltensforscher Iwan Pawlow (1948 – 1936) brachte seine Hunde dazu, beim Klang eines Glöckchens in Vorfreude aufs Fressen das Maul zu lecken. Obwohl gar kein Fressen in der Nähe war. Den pawlowschen Hunden lief also auch dann das Wasser im Maul zusammen, wenn weit und breit kein Knochen war und nur das Glöckchen ertönte. Pawlows Experiment zeigt, wie Reflexe antrainiert werden können und er bekam dafür den Medizin-Nobelpreis.

Die Lakers sind nun gewissermassen die pawlowschen Hunde unseres Hockeys. Nicht nur weil sie neuerdings von Igor Pawlow (mit dem grossen Wissenschafter nicht verwandt) trainiert werden. Die heldenhafte Reaktion auf die Entlassung von Trainer Christian Weber (ein sensationelles 2:1 in Bern) mahnt an das Experiment von Pawlow: Die Lakers hatten sich unter Christian Weber so sehr ans Verlieren gewöhnt, dass sie offensichtlich reflexartig «Keine Defensivarbeit! Wir verlieren!» dachten, wenn sie nur Webers Stimme hörten – und tatsächlich verloren: Sie hatten einen weberschen-pawlowschen Verliererreflex entwickelt.

Neuer Trainer, neuer Reflex

Nun ist mit Igor Pawlow ein neuer Trainer mit einer neuen Stimme da – und der Verlierer-Reflex bleibt aus. Die Lakers wirkten in Bern wie verwandelt: Sie kämpften! Loïc Burkhalter erzielte nicht nur einen Treffer. Es gab da auch eine Szene, in der er heldenhaft mit einem Hechtsprung einen gegnerischen Pass «abbiss» und so eine SCB-Torchance vereitelte.

Die Lakers haben auf ihren neuen Trainer also positiv reagiert. Nun muss Igor Pawlow aus dieser positiven Reaktion nur noch einen pawlowschen Reflex machen: Damit die Spieler immer dann, wenn sie die Stimme Pawlows, reflexartig denken: «Defensivarbeit! Wir siegen!» – und tatsächlich siegen. Sie können eine pawlowsche Siegermentalität entwickeln – das Gegenteil der weberschen Verlierermentalität.

Verhalten kann programmiert werden

Es liegt mir fern über die Lakers und den berühmten Wissenschaftler Pawlow und den grossen Eishockeytrainer Pawlow zu spotten. Vielmehr zeigt die Wirkung des Trainerwechsels bei den Lakers, dass das Verhalten «programmiert» werden kann. So wie es Iwan Pawlos mit seinen pawlowschen Hunden schon 1905 bewiesen hat.

Im Mannschaftsport ist Siegen eine gute und Verlieren eine schlechte Gewohnheit. Deshalb reden wir von einer «Siegermentalität» und einer «Verlierermentalität». Und es ist so, dass ein Trainer mit seinem Wesen und Wirken, seinem Schalten und Walten und seiner Persönlichkeit in einem so emotionalen Sport wie Eishockey die Mentalität der Spieler stark beeinflusst. Der Feuerkopf Arno Del Curto lebt wie kein anderer diese Siegermentalität vor und hat sie längst auf seine Spieler übertragen. Wenn ein Trainer hingegen zu oft verliert, entwickelt eine Verlierermentalität. Jeder Trainer erträgt nur eine bestimmte Anzahl Niederlagen – dann ist er verloren. Christian Weber hatte bei den Lakers sein Kontingent an Niederlagen aufgebraucht.

Zufall - oder etwa doch nicht?

Und ist es nur Zufall, dass nicht nur bei den Lakers, sondern bereits in Langnau der Wechsel von Christian Weber zu John Fust zu einer neuen Mentalität, einer Siegermentalität geführt hat? Nein, es ist kein Zufall. Wenn aus den Lakers, die zuletzt unter Christian Weber reflexartig verloren haben, nun unter Igor Pawlow eine Mannschaft wird, die reflexartig gewinnt – dann sind die Lakers im doppelten und positiven Sinne die pawlowschen Hunde unseres Eishockeys. Das könnte weitreichende Folgen haben: Ambri hat sich unter seinem neuen Trainer Kevin Constantine stabilisiert, Lugano Spieler sind einfach zu gut für eine Liga-Qualifikation und Igor Pawlow ist drauf und dran, aus den Lakers wieder ein NLA-Team zu formen. Gerade noch rechtzeitig haben die Lakers den Trainer gewechselt. Unter diesen Voraussetzungen droht dem EHC Biel die vierte Liga-Qualifikation in Serie.