«Time-Out»

07. April 2011 12:22; Akt: 07.04.2011 12:35 Print

Warum Arno Del Curto Europas bester Trainer ist

von Klaus Zaugg - Heute kann Arno Del Curto (54) mit dem HCD in Kloten Meister werden. Das «System Arno Del Curto» funktioniert also. Ein Erklärstück, nicht ganz ohne Polemik.

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Del Curtos System ist eigentlich gar keines, funktioniert nach einem biblischen Gesetz und der Erfinder geniesst mehr Autorität als Moses.

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Die Weltgeschichte des Eishockeys oder des Fussballs ist auch die Geschichte der Spielsysteme. Herbert Chapman erfand das WM-System, Karl Rappan kreierte den Schweizer Riegel und Heleino Herrara baute diese Betontaktik zum Catenaccio aus. Im Eishockey erfand Professor Vladimir Kostka in seiner Studierstube an der Universität Prag den «dummen linken Flügel»: Ein Spielsystem, bei dem einer der drei Stürmer (in der Regel der linke Flügel) bei Bedarf vom Angreifer zum Verteidiger wird.

Spielsysteme werden berühmt, weil sie jeder Trainer übernehmen und überall anwenden kann. Professor Kostkas Idee mit dem Flügel, der zum Verteidiger wird, ist die Mutter aller modernen Hockeysysteme.

Dürfen wir also Arno Del Curto in einem Zug mit Herbert Chapman, Karl Rappan oder Professor Kostka nennen? Nein, können wir nicht. Weil das «System Arno Del Curto» nicht kopierbar werden kann.

«Zeugen Del Curtos»

Was ist es dann? Es ist eine Eishockey-Lebensanschauung. Zyniker reden im Zusammenhang mit dem «System Arno Del Curto» boshaft von einer Sekte («Zeugen Del Curtos»). Sie treffen den Kern der Wahrheit.

Das «System Arno Del Curto» ist die nie endende Suche nach dem «totalen Hockey»: Jeden Tag besser werden. Immer schneller laufen, passen und schiessen. Sein Erfinder kommt nie zur Ruhe und ist mit seiner Arbeit nie restlos zufrieden. Er ist ein ewig Getriebener auf der Suche nach etwas, das er nie finden wird: dem perfekten Hockey. Deshalb ist Arno Del Curto, anders als viele seiner Berufskollegen, im Erfolg nicht grössenwahnsinnig geworden. Deshalb hat er die durchschnittliche Amtszeit von drei Jahren und damit das Verfalldatum einer Trainerkarriere schon seit 1999 überschritten. Er steht in Davos an der Bande und kann nicht anders. Und er ist der beste Trainer ausserhalb der NHL und damit Europas.

Das «System Arno Del Curto» ist untrennbar mit dem Engagement, der Leidenschaft und dem Charisma des Chefs verbunden. Nur er hat Durchsetzungsvermögen und Glaubwürdigkeit, um über Jahre hinweg erwachsene Männer beim Spiel an die Leistungsgrenze zu treiben.

Ist Del Curto unantastbar?

Wie gross Arno Del Curtos Autorität ist, mag eine Episode aus dieser Saison zeigen: Er hat vergessen, welche vier seiner fünf ausländischen Spieler zum Einsatz kommt, sagt seinen Jungs vor dem Spiel, sie sollten das unter sich ausmachen und verlässt die Kabine. Als er zurückkommt und fragt, wer nun spielt, weiss es keiner. Weil es niemand gewagt hat, während der Abwesenheit des Chefs diese Entscheidung zu fällen. Die Autorität des Coaches ist in Davos also grösser als jene von Moses am Berge Sinai. Als Moses auf den Berg kletterte, um von höchster Stelle die Gesetzestafeln zu empfangen, machten unten im Lager seine Leute im wahrsten Sinne des Wortes das (goldene) Kalb. In Davos wird nicht das Kalb gemacht, wenn der Chef mal nicht da ist.

Das «System Arno Del Curto» basiert also mehr auf der Persönlichkeit des Chefs als auf Taktik. Deshalb funktioniert es nicht, wenn jemand die Harmonie stört. Es ist wie Musik: Ein falscher Ton verdirbt alles. Harmonie ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg. Arno Del Curto hat eine feine Antenne für Stimmungen in der Kabine und den Mut, sich von Spielern zu trennen, die sich nicht hundertprozentig einordnen können oder wollen und es spielt keine Rolle, wenn Spieler gehen. Es gibt in diesem System keine Kompromisse, keine Heuchelei und keine Falschheit. Die Ordnung ruht auf einem biblischen Gesetz: «Wer nicht mit mir ist, ist wider mich.»

Das «Who is Who» unter Del Curto

Davos hat deshalb in der Ära Del Curto mehr hochklassige Spieler ziehen lassen als jedes andere Hockeyunternehmen im Lande. Wer nicht gerne eine Aufzählung von Namen liest, soll die nächsten paar Zeilen überspringen. Doch erst, wenn man für einmal die Namen jener, die Davos während Del Curtos Zeit verlassen haben, schwarz auf weiss vor Augen hat, lässt sich die Leistung des HCD-Trainers ermessen. Diese Liste ist nicht einmal vollständig und enthält jene Namen nicht, die ihre Karriere in Davos durch Rücktritt beendet haben.

Unter anderem haben Jonas Hiller, Mark Streit, Lars Weibel, Patrick Fischer, Björn Christen, Michel Riesen, Ivo Rüthemann, Petteri Nummelin, Benjamin Winkler, Andres Ambühl, Michael Kress, Andy Näser, Fabian Sutter, Rick Nash, Joe Thornton, Niklas Hagmann, Florian Blatter, Robin Leblanc, Andreas Furrer, Timo Helbling, Frédéric Rothen, Sandy Jeannin, René Back, Reto Stirnimann, Christian Weber, Samuel Balmer, Nino Niederreiter oder Thierry Paterlini den HC Davos verlassen. Ehemalige «Zeugen Del Curtos» finden wir nicht nur in der NLA. Sondern auch in der NHL und in der höchsten finnischen Liga.

Wechsel wurden verkraftet

All diese Abgänge hatten bzw. haben praktisch keinen Einfluss auf das Leistungsvermögen der Mannschaft. Bereits in seiner zweiten Saison (1997/98) erreichte Arno Del Curto das Finale und seither hat er vier Titel gewonnen (2002, 2005, 2007, 2009), zwei weitere Finals bestritten (1998, 2003, 2006) und steht nun vor seinem fünften Titelgewinn. Spieler kommen und gehen, der HCD bleibt bestehen. Der HC Davos hat die Quadratur des Kreises geschafft: Ständiger Erfolg bei permanenter Erneuerung der Mannschaft.

Trotz der päpstlichen Autorität des Chefs: Das «System Arno Del Curto» ist keine Diktatur. Der grosse Boss kommandiert nicht. Er reisst mit. Er motiviert. Überzeugungskraft statt Zwang. Und er sorgt dafür, dass viel gelacht wird und der Chef kann auch über sich selbst lachen. Und es passt in die Spass- und Leistungskultur dieses Systems, dass Musik eine wichtige Rolle spielt: Nirgendwo dröhnt die Rockmusik so laut wie in der HCD-Kabine. Der HCD-Trainer freut sich wie ein Kind an jenem technischen Spielzeug, auf das ihm ein Freund 25 000 Rocksongs runtergeladen hat. Musik ist für Arno Del Curto wichtiger als Video-Theorie. Mit Stolz trägt er einen Ledergürtel mit den eingeritzten Portraits von Rockgottheiten wie Jimmy Hendrix, Frank Zappa und Bob Marley. Im «System Arno Del Curto» rockt und rollt es in der Kabine und auf dem Eis – und zum Gaudi des Publikums. Hin und wieder auch bei Arno Del Curtos Medienauftritten.

Wir sehen also: Das «System Arno Del Curto» ist an die Person seines Erfinders gebunden. Und an einen einzigen Spieler: An Reto von Arx. Er ist die Ausnahme der Regel, die da sagt, dass es keine Rolle spielt, dass Spieler kommen und gehen. Der Leitwolf aus dem Emmental ist seit Beginn der HCD-Zeiten der Weggefährte und Freund von Arno Del Curto und fehlte nur während seines Amerika-Jahres (2000/01). Wir wissen: Es wird nie ein «System Arno Del Curto» ohne Arno Del Curto geben. Aber was wir noch nicht wissen: Wird es ein «System Arno Del Curto» ohne Reto von Arx geben? Der HCD-Leitwolf wird am 13. September 35.