«Time-Out»

19. Februar 2011 14:04; Akt: 19.02.2011 15:23 Print

Berns biblische Wasser-Verdrängung

von Klaus Zaugg - Zum ersten Mal in dieser Saison waren die SCL Tigers gegen den SC Bern chancenlos. Nach dem 5:1 des Meisters gegen die SCL Tigers sind die Hoffnungen auf das «Jüngste Gericht» berechtigt.

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In Bern hatten die SCL Tigers in dieser Saison 2:1 nach Penalties gesiegt, zu Hause 3:4 nach Verlängerung verloren und einen triumphalen 5:2-Sieg gefeiert. Doch am Freitagabend waren sie in der vierten und letzten Direktbegegnung in der laufenden Qualifikation gegen den Kantonsrivalen erstmals gänzlich chancenlos: 1:5.

Berns «Jüngste Gericht» ist über die Langnauer hereingebrochen. Der Ausdruck stammt aus der NHL. Zwischen 1995 bis 1997 wurde eine Sturmreihe der Philadelphia Flyers als „Jüngstes Gericht“ verehrt: Die drei Riesen Mikael Renberg. Eric Lindros und John LeClair. Alle drei mindestens 188 cm gross und 100 Kilo schwer. Scheinbar unaufhaltsam walzten sie alles nieder.

Wenn der SCB bei der Sache ist und vierspännig (mit vier Linien) über die Gegner rockt und rollt, dann mahnt er durch seine für Schweizer Verhältnisse überdurchschnittliche Wasserverdrängung an Philadelphias «Jüngstes Gericht».

Diese Saison ist der SCB allerdings noch nicht oft wie das «Jüngste Gericht» über die Gegner gekommen. Das «Nachladen», die Neuausrichtung auf das nächste Ziel nach dem meisterlichen Triumph vom Frühjahr 2010, hat Trainer Larry Huras eigentlich während der ganzen Qualifikation umgetrieben. Restlos begeistert hat der SCB während dieser Qualifikation fast nie.

Doch nun hat der neutrale Beobachter den Eindruck, dass endlich, endlich, endlich «nachgeladen» ist. Der SC Bern ist im drittletzten Qualifikationsspiel wie das «Jüngste Gericht» über die viel zu wenig bissigen SCL Tigers hinweg gerollt (aber noch nicht gerockt). Und zwar vierspännig: Alle vier Linien haben permanent für Druck gesorgt. Sogar der hüftsteife Marc Reichert geruhte zu arbeiten und zu skoren. Dass die Berner in den letzten Monaten viel zu wenig hart gespielt haben, zeigte sich gerade in diesem Derby: Das Timing bei den Checks stimmt noch nicht. Mehrmals rammten die «Big bad Bears» beim Einschüchterungsversucht selber ins Plexiglas. Besonders spektakulär Marc Reichert und Travis Roche. Gegen die SCL Tigers waren diese Missgeschicke Farbtupfer der Unterhaltungskultur. Gegen die Titanen (Davos, Kloten, Zug, Servette) dürfen die Berner hingegen nicht mehr ins Leere laufen.

Bisher war es üblich, dass der Meister auf Aussetzer (wie etwa das 1:2 gegen die Lakers) erst im nächsten oder übernächsten oder überübernächsten Spiel reagiert hat. Das war nun gegen die SCL Tigers anders: Auf eine peinlich schwache Phase (die in der 24. Minute zum Ausgleich der Langnauer in nummerischer Unterlegenheit führte) folgte zügig aber ohne Hast eine starke Reaktion: Eine Viertelstunde später war das Spiel noch im gleichen Drittel entschieden (4:1). Oder, wie es im Bernbiet so schön heisst, der Mist war geführt.

Eine für dieses Derby erstmals zusammengesetzte Sturmlinie hat in ein paar lichten Momenten ein wenig an das Trio Renberg/Lindros/LeClair erinnert: Die Formation mit Thomas Déruns, Christian Dubé und Ryan Gardner. Die Wasserverdrängung der Flügel Déruns und Gardner war in einigen Phasen beeindruckend und räumte die Tanzfläche frei für das geschmeidige Kufentier Dubé. Diese Formation könnte in den Playoffs für den SCB in einzelnen Partien die Differenz machen und der Neuerwerbung Thomas Déruns maximale Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Christian Dubé wirkte nach dem 5:1 gegen die Langnauer gegenüber 20 Minuten Online recht vergnügt: «Es ist eine gute Linie. Wir haben haben ein paar Mal in dieser Aufstellung trainiert. Thomas Déruns ist eine enorme Verstärkung. Er ist nicht nur gross und kräftig. Er ist auch sehr schnell und smart und hat feine Hände.»

Weil es möglich ist, dass der SCB in den Viertelfinals auf die Langnauer trifft, hatte diese Partie eine besondere Bedeutung: Nachdem die Langnauer diese Saison zwei Derbies gewonnen haben, war für den Meister wichtig, die hockeytechnisch frech gewordenen Langnauer vor dem möglichen grossen Playoff-Showdown unsanft in die Schuhe zu stellen und die Hierarchie (SCB oben, SCL Tigers unten) wieder herzustellen. Schliesslich werden Playoffserien auch in den Köpfen der Spieler entschieden. Die Langnauer spielten im Derby zum ersten Mal in dieser Saison «netto»: Nur auf das Talent vertrauend, ohne den Biss, die Härte, die Leidenschaft, die Disziplin und die Tempofestigkeit die es in dieser Saison einem nominell durchschnittlichen Team an einem guten Abend möglich gemacht haben, gegen jeden Gegner zu bestehen und erstmals die NLA-Playoffs zu erreichen. Bei diesem 1:5 mahnten die Emmentaler zeitweise an die finstersten Zeiten unter Trainer Christian Weber.

Es gibt indes immer positive Aspekte. Man muss sie nur finden: SCB-Rumpelstürmer Roland Gerber dürfte nun ein Licht der Erkenntnis aufgegangen sein: Obwohl Tristan Scherwey gar nicht auf dem Matchblatt stand (er wird in den Playoffs der Elite-Junioren eingesetzt) musste Gerber auf der Tribune sitzen und Statistiken schreiben. Er ist damit nominell nur noch Stürmer Nummer 14. Wann soll er noch spielen, wenn er nicht einmal mehr im Derby auf die Langnauer losgelassen wird? Die Zeit der Heimkehr nach Langnau, das er im Frühjahr 2004 für eine Tour de Suisse (GCK Lions, ZSC Lions, Biel, Langenthal, SC Bern) verlassen hat, ist gekommen. Vieles spricht dafür, dass er nächste Saison für die SCL Tigers stürmen wird. Gerade das 1:5 gegen den SCB hat gezeigt, dass die Langnauer noch mehr Wasserverdrängung brauchen. Und die bringt Gerber. Nicht nur wegen der Rückennummer 88 (die einst Eric Lindros trug). Sondern auch wegen seiner kräftigen, bulligen Postur (183 cm/92 kg).

Auch wenn der SCB in den Playoffs nun wie das «Jüngste Gericht» auftreten sollte: Eine Titelverteidigungs-Garantie wäre das noch lange nicht: Philadelphias «Jüngstes Gericht» rückte 1997 zwar bis ins Stanley Cup-Finale vor. Aber dort ging Philadelphia gegen die Detroit Red Wings sang und klanglos unter (0:4 Siege). Die Red Wings spielten damals ähnlich hart, smart und schnell wie der HC Davos.