«Time-out» mit Klaus Zaugg

08. November 2009 20:11; Akt: 09.11.2009 07:21 Print

Hiller: Bester Schweizer NHL-Goalie aller Zeiten

von Klaus Zaugg, Anaheim - Jonas Hiller (27) hat bei den Anaheim Ducks soeben einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt. Er ist der beste Schweizer NHL-Goalie aller Zeiten. Besser als einst Martin Gerber und David Aebischer.

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Jonas Hiller: In Krisenzeiten der Fels in der Brandung.

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Gerbers Karriere bleibt einmalig. Sein Aufstieg aus der 2. Liga (Signau) zum Dollar-Multimillionär in der NHL ist eine der besten Schweizer Hockeystories aller Zeiten. Auch David Aebischer hat seinen Platz unserer Hockeygeschichte: Er ist der erste in der Schweiz ausgebildete Spieler, der es in der NHL zum Stammspieler und Millionär gebracht hat. Aber Jonas Hiller ist der bessere NHL-Goalie als Gerber und Aebischer.

Gerbers und Aebischer gewannen zwar den Stanley Cup. Doch in den Playoffs um die wichtigste Hockey-Trophäe spielten sie keine Rolle. Mehr noch: Gerber verlor seine Position als Nummer 1 in Carolina und in Ottawa in den Playoffs.

Von der Ersatzbank zum Stammspieler

Hiller aber hat in Anaheim auf der Ersatzbank begonnen und als erster Schweizer Goalie in der NHL eine Nummer 1 (Sébastien Giguere) verdrängt. Und das im letzten Frühjahr erst noch in den Playoffs. Aebischer und Gerbers NHL-Karrieren knickten, als ihre Teams (Colorado bzw. Ottawa) in die Krise gerieten. Sie gingen mit der Mannschaft unter.

Starke Statistik

Hiller aber ist, wie vor einem Jahr, auch jetzt wieder dabei, die Anaheim Ducks aus der Krise herauszuführen. Im bisher kritischsten Moment der Saison hat er am Samstagabend beim 4:3 gegen Phoenix einen neuen persönlichen NHL-Rekord aufgestellt: 117 Minuten und 14 Sekunden ohne Gegentor und in dieser Zeit 67 von 70 Schüssen abgewehrt (95,7 % Fangquote). Er behielt auch kühlen Kopf als Phoenix im Schlussdrittel von 0:4 auf 3:4 herankam. So sicherte er Anaheim zwei Siegen hintereinander (4:0 Nashville, 4:3 Phoenix) und fürs erste ist die ganz grosse Krise abgewendet. Statistisch ist Hiller nach 13 Spielen mit 91,9 % Abwehrquote die Nummer 15 von bisher 63 eingesetzten NHL-Goalies.

Oder anders gesagt: Es gibt gewöhnliche, gute und grosse Torhüter. Grosse Goalies sind jene, die für ihre Teams Meisterschaften gewinnen oder Krisen meistern. Gerber und Aebischer waren in ihren besten Tagen gute NHL-Goalies. Hiller kann in dieser Saison in Anaheim ein grosser Goalie werden.

«Dann wird es Zeit, dass man wieder gewinnt ...»

«Ein Krisenszenario läuft in der NHL eigentlich gleich wie daheim in der NLA», sagt Hiller zu 20 Minuten Online. «Erst machen wir Spieler eine Sitzung, um herauszufinden, wo es fehlt, dann gibt es Gespräche mit dem Trainer um Lösungen zu suchen und dann, ja dann wird es Zeit, dass man wieder gewinnt ...» Diesen Zeitpunkt hat Anaheim, nominell eines der besten NHL-Teams, gerade noch erwischt: Die beiden Siege gegen Nashville und Phoenix geben vor den anstehenden vier Auswärtspartien etwas Luft. Aber es ist immer noch ein verflucht weiter Weg bis in die Playoffränge. Anaheim ist so etwas wie ein Lugano der NHL: Enorm viel Talent und Erfahrung, wenig Lust zur Defensivarbeit und jeder fühlt sich ein wenig wie ein Alphatier. Die bitteren Früchte des Ruhmes von 2007 (Stanley Cup-Sieg).

Schlüsselrolle für Hiller

Hiller kommt in dieser schwierigen Situation eine Schlüsselrolle zu. Jean-Sébastien Giguere (32), der Stanley Cup-Held von 2007, ist nach wie vor nicht einsatzfähig und sein Ersatz Justin Pogge (23) hat kaum NHL-Format: Er kommt aus der East Coast Hockey League.
Damit hängt alles von Hiller ab. Der Druck ist maximal. Und doch bleibt ruhig und gelassen. Oder, wie es modern heisst: Cool. Durch nichts lässt er sich aus der Ruhe bringen. Nicht durch ein haltbares Gegentor, nicht durch Anaheims Lotterabwehr, nicht durch die Fragen der Reporter. Nach der Niederlage gegen Pittsburgh, die primär eine hundsmiserable Abwehr zu verantworten hat (3:4) nimmt Hiller einen Teil der Schuld auf sich. Man müsse besser spielen, diktiert er den Reportern in die Notizblöcke. Und das gelte auch für ihn. Im nächsten Spiel hext er sein Team zum 4:0 über Nashville, zwei Drittel lang ist er der beste Spieler auf dem Eis. Das Lob gibt er nach dieser Partie an die Mannschaft weiter und stellt seine eigene Leistung in den Hintergrund. Das ist hier zwar so üblich. Aber Hiller macht es auf eine coole, natürliche Art und Weise und kommt bei den Medien gut an.

Von Del Curto profitiert

Warum bleibt er auch in diesen schwierigen Zeiten so cool? Es liegt wohl in seiner Art. Er wirkt wie ein grosser Junge, der einfach Spass hat. Und er sagt, halb als Spass, halb ernsthaft: «Ich hatte in Davos Arno Del Curto als Trainer. Da kann einem nicht mehr so schnell etwas aus der Ruhe bringen ...»

Sich nicht ablenken lassen, einen eigenen Weg gehen. Als Sportler und im Leben. Das ist Jonas Hiller. Mit seiner Freundin Karoline führt er bereits seit einem guten Jahr eine Fernbeziehung. Sie arbeitet in New York. «Das ist immer noch besser als wenn sie in der Schweiz arbeiten würde», sieht Hiller auch da die positiven Seiten. Das Hobby Autos pflegt er auch hier ausgiebig. Unten in Newport Beach, an einer der schönsten Wohnlagen Amerikas, direkt am Pazifik, hat er zur Zeit drei Wagen stehen: Einen 67er Chevrolet Camaro, einen Corvette Z06 und einen Audi A4.

Olympia: Hiller oder Gerber?

Hiller ist nicht nur für Anaheim eine zentrale Figur. Sondern auch für die Nationalmannschaft. Fürs Olympiaturnier in Vancouver unterbricht die NHL den Spielbetrieb, Hiller steht zur Verfügung. Die Frage wird sein: Hiller oder Martin Gerber?

Die Goaliefrage wird Ralph Krueger noch einige schlaflose Nächte bereiten. Ohne Frage ist Hiller der mental stärkste und beste Schweizer Goalie der Gegenwart. Aber mit Kruegers Lieblingsgoalie Gerber hat die Schweiz beim Olympiaturnier 2006 in Turin Kanada 2:0 besiegt. Und in Vancouver 2010 müssen wir wieder gegen Kanada antreten.