Time Out

06. Juni 2011 14:58; Akt: 06.06.2011 17:07 Print

Die Kunst, einen Dümmeren zu finden

von Klaus Zaugg - Es ist nicht zu fassen: Nun hat Chris McSorley auch noch die ZSC Lions über den Tisch gezogen und den Zürchern Nationalverteidiger John Gobbi untergejubelt.

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John Gobbi wechselt von Servette Genf zu den ZSC Lions. (Bild: Keystone/AP)

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Der Spruch ist bitterbös. Und doch hilft er uns, das Eishockeygeschäft zu verstehen. Oder mindestens einen Teil davon. Es heisst, erfolgreich zu «geschäften» sei kein Problem. Jeden Tag stehe ein Dummkopf auf. Man müsse ihn nur finden. Dieses Geschäftsprinzip befolgt der Kanadier Chris McSorley, Besitzer, Manager und Coach des HC Genf-Servette.

Um das Wesen und Wirken von Chris McSorley zu erklären, müssen wir vorerst kurz zurückblicken: Im Auftrag des amerikanischen Unterhaltungs- und Immobilienunternehmens Anschutz hat er Servette im Sommer 2001 in der NLB übernommen und zum NLA-Spitzenteam gemacht. Als die Amerikaner in fünf Jahren 21 Millionen verloren hatten, verkauften sie dem charismatischen Kanadier den Laden. Seither muss die Rechnung aufgehen.

McSorley weiss, was er tut

Für Sportchefs in der Liga gibt es einen eisernen Grundsatz: Niemals einen Spieler übernehmen, den Chris McSorley aus einem laufenden Vertrag wegtransferieren will. Niemand in dieser Liga kennt die Spieler so gut wie der Servette-General. Wenn er einen Star nicht mehr haben will, dann weiss er auch warum.

Noch nie hat er so erfolgreich «gedealt» wie im letzten halben Jahr: Unmittelbar vor den Playoffs verkauft er Nationalstürmer Thomas Déruns (29) dem SC Bern aus dem laufenden Vertrag heraus. Déruns Wirkung beim SCB ist bescheiden: Zwei Tore in 11 Playoffpartien. Er wird auch nächste Saison nicht produktiver sein.

Doch der beste Deal aller Zeiten ist im jetzt gelungen: Er hat Nationalverteidiger John Gobbi (30) den ZSC Lions untergejubelt: Gobbi ist einer der meistüberschätzten und überbezahlten Verteidiger der Liga. Er funktioniert nur als Rollenspieler im «System McSorley» und war in diesem Frühjahr bei seinem ersten WM-Einsatz überfordert.

Die Verkäufe von Déruns und Gobbi entlasten Servettes Lohnbuchhaltung nicht nur um fast 700 000 Franken. Darüber hinaus hat McSorley durch die Summe, die fällig wird, wenn ein Spieler aus einem laufenden Vertrag den Arbeitgeber wechselt, rund 800 000 Franken kassiert.

Ersatz bereits gefunden

Chris McSorley sagt, Déruns und Gobbi seien am Ende ihrer spielerischen Entwicklung angelangt. Time to say goodbye. «Für uns war es finanziell sowieso unmöglich, Déruns nach Ablauf seines Vertrages zu halten und Gobbi konnten wir uns nicht mehr leisten.» Also hat er beide verkauft – und das Team dadurch verstärkt. Der clevere Kanadier hat längst besseren Ersatz gefunden: Erik Walsky (27) und Juraj Simek (24) für Déruns sowie Noah Schneeberger (23) für Gobbi. Walsky rückte durch den Abgang von Déruns in eine zentrale Position und war bereits Servettes Playoff-Topskorer 2011. Schneeberger kommt neu vom EHC Biel und hat in jeder Beziehung ein viel grösseres Potenzial als Gobbi. McSorley rechnet vor: «Schneeberger kostet uns pro Saison so viel wie Gobbi in einem Monat.» Wenn Schneeberger von Verletzungen verschont bleibt, wird er in zwei Jahren Nationalmannschafts-Stammspieler sein.

Fertige Stars zu überhöhten Preisen

Es ist unfassbar: ZSC-Sportchef Edgar Salis ignoriert die Talente im eigenen Unternehmen, übersieht die Talente in der Liga und kauft ständig zu überhöhten Preisen fertige Stars ein (wie Ambühl, Blindenbacher, Breitbach und jetzt Gobbi). Der Kauf von Gobbi auf der Basis eines Vierjahresvertrages (!) ist in Anbetracht der Kosten eine Torheit sondergleichen: Salär und Ablösesumme zusammengerechnet wird er die ZSC-Buchhaltung seiner ersten Saison mit über 700 000 Franken belasten. Dabei ist er ein Dutzendverteidiger, der die dringend notwendige offensive Kreativität nicht ins Spiel einbringt: In 45 Qualifikationsspielen hat er für Servette in der abgelaufenen Saison gerademal 13 Punkte gebucht – und in 6 Playoffpartien gar keinen. So viel spielerische Substanz könnte Salis sozusagen zum Nulltarif aus der Nachwuchs- und Ausbildungsabteilung seines eigenen Unternehmens haben.

Chris McSorley hat mit den Verkäufen von Thomas Déruns und John Gobbi nicht nur das Salärbudget entlastet und einen schönen Transfergewinn erzielt Kaum jemand realisiert in der Deutschschweiz, dass Servette nicht das Tafelsilber verscherbelt. Sondern mit «Räumungsverkäufen» Platz schafft für junge, schnelle, hungrige und günstigere Spieler. Und so die Mannschaft besser macht. Wie kein anderer Hockey-Manager in der NLA weiss Chris McSorley, wann es Zeit ist, sich von teuren Schweizer Stars zu trennen und sie durch hungrige Nobodies zu ersetzen. Deshalb: Hände weg von Stars, die er nicht mehr will.

Absurde Transferpolitik des ZSC

Die ZSC Lions könnten ein Flachland-HCD sein: Ein junges, spektakuläres und erfolgreiches Tempoteam. Die besten Universitäten und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es in der Stadt Zürich. Es wäre nur logisch, wenn die besten jungen Spieler im Lande alle bei den ZSC Lions spielen möchten. Durch eine absurde Transferpolitik ist inzwischen das Gegenteil der Fall: Die ZSC Lions unterhalten die grösste Nachwuchsabteilung im Lande. Aber die besten jungen Spieler verlassen die ZSC Lions weil sie in Zürich keine Entfaltungsmöglichkeit sehen und Schlüsselpositionen bei der Konkurrenz bekommen (u.a. Blum, Bieber, Genoni, Ramholt, Trachsler, Berra und Moggi-Zwillinge). Im Gegenzug holen die ZSC Lions teure, aber spielerisch limitierte Stars wie John Gobbi.

Wenn Servette nächste Saison in der Qualifikation besser sein sollte als die ZSC Lions, so wäre das keine Überraschung. Sondern das logische Resultat der unterschiedlichen Transferpolitik der Zürcher und der Genfer. Und weil Chris McSorley mit ZSC-Sportchef Edgar Salis wieder einmal den Dümmeren gefunden hat, mit dem er ein Geschäft machen konnte.