«Time-out»

04. März 2011 11:24; Akt: 04.03.2011 12:17 Print

SCL Tigers - 100 Jahre warten ist kein Problem

von Klaus Zaugg - Es war so schön. Aber nun ist die Party vorüber. Spiel vier am Samstag in Langnau wird den Charakter einer «Playoff-Uslumpete» haben.

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Betrübte Mienen bei den Spielern der SCL Tigers. (Bild: Keystone/AP)

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Zwei Spiele lang sind die Langnauer Helden. Tragische Helden. Sie verlieren zwar das erste und das zweite Spiel (1:3 in Bern am letzten Samstag, 2:4 in Langnau am Dienstag). Aber nie den Mut, die Leidenschaft, die Disziplin und den Stolz. Das erste NLA-Playoff-Heimspiel am letzten Dienstag beschert dem Dorf nationale Medienpräsenz. Eine Begeisterung wie vielleicht nie mehr seit dem einzigen Titelgewinn von 1976.

Nun ist die Party vorüber. Der SC Bern hat mit dem 5:0 im dritten Spiel am Donnerstag in Bern die Lichter gelöscht. Die Langnauer waren chancenlos. In jeder Beziehung unterlegen. In den ersten zwei Spielen hatte so wenig gefehlt. Nur das Lab, um aus Milch Käse zu machen. Bei diesem 0:5 in Bern fehlte nicht nur das Lab. Sondern auch noch die Milch und der Käser.

Dabei hatten sich die Emmentaler so viel vorgenommen. Den tragischen Verlierern ist bereits am Mittwoch klar: Die dritte Partie in Bern muss die Wende bringen. Sie reden nach dem Training im hölzigen Ilfisstadion wie starke Männer: Potz Donner! Nichts sei verloren! «Momou», man glaube an die Chance! Diese Viertelfinalserie sei noch nicht entschieden! Ein Sieg in Bern und dann sei wieder alles möglich!

Zusammenfassend lautete die Botschaft vor diesem dritten Spiel: Grosser SCB, hüte dich am Donnerstag in der PostFinance-Arena!

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt

Vielleicht gaben sich die Langnauer so zuversichtlich, weil sie spürten, dass sie zu viel Kraft verbraucht hatten. Der Kopf wollte. Die Arme und die Beine konnten nicht mehr. Es gelingt im dritten Spiel nicht noch einmal, die spielerische Überlegenheit des Meisters einzudämmen. Die Langnauer werden überrollt. Sie müssen immer wieder die Notbremse ziehen (Halten, Haken, Behindern) und kassieren alle fünf Tore im Powerplay. Das Spiel hätte auch 10:0 enden können.

Das Versagen der Langnauer ist an diesem Donnerstag nicht nur zu sehen. Es ist auch zu hören. Liedermacher Martin «Tinu» Heiniger (65), Langnaus hockeykundige und cannabisfreie Antwort auf Polo Hofer, sitzt in der PostFinance-Arena auf der Medientribüne. Der sanfte Altrocker ist ein glühender Anhänger der SCL Tigers und ein glänzender Kenner der Langnauer Hockeykultur. Immer wieder entfährt ihm ob der verunglückten Darbietung seiner Langnauer ein herzhafter Fluch. Nach seinem vierten «Heilantonner!» steht es 2:0 für den SC Bern. Der Mist ist geführt, der Ofen aus, das Spiel schon entschieden. Es wird Langnaus schwächste Leistung in der Amtszeit von John Fust. Die tragischen Helden sind müde geworden. Sie können nicht mehr.

Nur einer lehnt sich noch auf: Leitwolf Pascal Pelletier. Der Kanadier verliert als einziger wie ein Mann. SCB-Topskorer Christian Dubé provoziert ihn kurz vor Schluss mit einem Stockschlag. Pelletier will den SCB-Schillerfalter dafür vermöbeln, aber Haudegen Lee Goren eilt Dubé zu Hilfe. Der «Gang» zwischen Goren und Pelletier endet mit einem «Gestellten». Gegen den zehn Zentimeter grösseren und fünf Kilo schwereren Gegner beweist Langnaus Captain, dass die Kleinen gegen die Grossen durchaus eine Chance haben. Der Boxkampf ist der späte Höhepunkt des Abends und Goren wird nach dem Spiel von den Fans gefeiert. Zum letzten Mal in diesen Playoffs hat ein Langnauer mit einem SCB-Spieler auf Augenhöhe gekämpft.

SCB mit der Titelverteidung vor Augen

Ist es arrogant, die Viertelfinalserie zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers bereits als beendet zu erklären? Nein. Die Langnauer können gegen diesen SCB nicht mehr viermal hintereinander siegen. Ohne uns gegen die Hockeygötter zu versündigen, dürfen wir uns mit der Frage beschäftigen: Wie stark ist dieser SCB? Gut genug für die Titelverteidigung?

Der Meister ist es zumindest defensiv. Die «Big bad Bears» («grosse, böse Bären») haben in drei Spielen nicht ein einziges Tor bei numerischem Gleichstand kassiert. Die Defensivarbeit beginnt ganz vorne mit einem wirkungsvollen Forechecking, das die gegnerischen Angriffe bereits an der Wurzel, bei der Auslösung, packt. In der eigenen Zone arbeiten die Berner mit der Disziplin und Wucht eines NHL-Teams. Und zwar so gut, dass wir die entscheidende Frage noch nicht beantworten können: Ist Torhüter Marco Bührer in Meisterform?

Der ganz grosse Test steht indes noch aus. Die Hockeygötter haben alles vorgekehrt, um uns das Traumfinale HC Davos gegen den SC Bern zu bescheren. Die ganz grosse Frage wird sein, ob es dem SC Bern gelingen wird, auch das Angriffsspektakel des HC Davos zu ersticken. Aber das ist ferne Zukunftsmusik.

Zusätzliches Heimspiel kein Thema

Vorerst steht noch die Frage im Raum: Wird der SCB die SCL Tigers am Samstag in Langnau absichtlich gewinnen lassen, um am nächsten Dienstag zu den Einnahmen eines zusätzlichen Heimspiels zu kommen? «Nein, ganz sicher nicht», stellt SCB-Trainer Larry Huras gegenüber 20 Minuten Online klar. «Marc Lüthi hat bereits klar gesagt, dass er nicht auf die Einnahmen eines zusätzlichen Heimspiels angewiesen sei.» Geschenke sind am Samstag in Langnau keine zu erwarten.

«Es schysst mi aa»

Ausgerechnet 1976, im Jahr, als die Langnauer ihren einzigen Meistertitel geholt haben, hat Tinu Heiniger seinen ersten Hit komponiert. Der Titel von damals passt zur Stimmung der Langnauer nach dem 0:5 in Bern: «Es schysst mi aa.»

Aber die Welt geht zwischen Schrattenfluh und Burgdorf deswegen nicht unter. Gerade die Emmentaler haben über Jahrhunderte gelernt, in schweren Zeiten auch ohne Musik zu tanzen. 13 Jahre lang haben sie auf die ersten Playoffs gewartet. Kein Problem, wenn sie nun 13 Jahre auf den ersten Sieg in den Playoffs, weitere 13 Jahre auf die ersten Halbfinals, 13 Jahre auf den ersten Final, nochmals 13 Jahre auf den ersten Sieg in einem Final und weitere 13 Jahre auf vier Siege im Final und den Titel warten müssen. Läuft es so, sind die Langnauer exakt 2076 zum zweiten Mal Schweizer Meister. 100 Jahre nach dem ersten Titelgewinn von 1976.

Zur Meisterfeier wird es erneut «Suurchabis u Merännge» geben. Und das Gedicht, das Tinu Heiniger 1976 zum Titelgewinn geschrieben hat, wird wieder entdeckt:

«U schpät im Bett no überleisch der:
Läck mir, jitz si mer Schwizer Meischter
Du tröimsch no lang vom letschte Gou
U schtöhnisch lisli: Hopp Langnou!
U wenn am angere Tag de eim begägnisch, seisch nid Tschou,
de möögisch eifach: Hopp Langnou.»