«Time-out»

22. März 2011 07:36; Akt: 22.03.2011 12:10 Print

Der Ueli Schwarz des reichen Mannes

von Klaus Zaugg - Luganos Stars können aufatmen: Als neuer Trainer kommt Barry Smith (59), der Ueli Schwarz des reichen Mannes.

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Die ZSC Lions und der HC Lugano haben ähnliche Probleme: Auf dem Papier sind beide Teams gut genug fürs Playoff-Finale. Aber weil Eishockey nicht auf Papier, sondern auf Eis gespielt wird, stehen beide den Playouts näher als dem Meistertitel. Lugano musste in diesem Frühjahr sogar zum zweiten Mal nach 2008 die Playouts bestreiten.

Salopp gesagt: In Zürich und in Lugano geht es darum, politisch mächtigen Stars und müden Leitwölfen, die ihre Zukunft hinter sich haben, wieder Beine zu machen. Diese Aufgabe obliegt den neuen Trainern.

«Star-Flüsterer» für die Stars

Die ZSC Lions haben mit Bob Hartley einen «harten Hund» geholt. Einen charismatischen Bandengeneral. Eine ungehobelte Ausgabe von Ralph Krueger.

Luganos Sportchef Roland Habisreutinger macht praktisch das Gegenteil: Er holt einen «Anti-Hartley». Einen ruhigen, sanften, aber fachlich auch hoch qualifizierten «Star-Flüsterer»: Barry Smith ist nicht einer, der den Spielern Beine macht. Er ist einer, der den Spielern erklärt, warum es an der Zeit wäre, die Beine zu bewegen. Erfolgreich als Assistent von so legendären oder wenigstens berühmten Bandengenerälen wie Bob «Badger» Johnson (Pittsburgh), Scotty Bowman (Detroit) und Wayne Gretzky (Phoenix). Seit 1992 hat Smith 14 von 18 Jahren als Assistent gearbeitet.

Ist Smith der richtige?

Smith ist also kein Bandengeneral. Eher ein Banden-Generalstabschef, der sich am wohlsten fühlt, wenn er im Windschatten eines Chefs seine Hockeykompetenz weiter geben kann. Er mahnt in seinem Wesen und Wirken ein wenig an eine charismatische Version von Ueli Schwarz. Auch Schwarz, der hoch begabte Theoretiker und Kommunikator, war als Assistent erfolgreich (Meister mit dem SC Bern). Aber als Cheftrainer ist er ohne Meriten geblieben.

Ist Barry Smith die richtige Lösung für Lugano? Politisch ist er es auf jeden Fall. Seine Vergangenheit mit Nähe zu den grössten aller Zeiten (Scotty Bowman und Wayne Gretzky) sichert ihm im namensgläubigen Lugano erst einmal Charisma und Kredit. Es wird lange dauern, bis die Stürme der Polemik über ihn hereinbrechen.

Angenehmes Arbeitsklima für die Spieler

Anders als Hartley versteht Smith das Wesen und Wirken der Europäer (er war in Norwegen, Schweden, Italien und Russland tätig) und auch seine umfassende Allgemeinbildung (abgeschlossenes Studium der Sportwissenschaften) wird ihm im Umfeld von Lugano viel Respekt eintragen. Er kann zwar durchaus fordernd sein. Aber der Amerikaner ist für die Spieler ein angenehmer Zeitgenosse. Es wird nicht kalt in der Resega. Lugano bleibt weiterhin einer der angenehmsten Orte der Welt, um Eishockey zu spielen und die Palmen von Lugano passen durchaus zum Arbeitsklima unter Smith.

Ob er auch den grossen Erfolg haben wird, ist hingegen eine andere Frage. In St. Petersburg, dem Lugano Russlands, ist er als Cheftrainer gescheitert. Aber Lugano ist nicht St. Petersburg. Smith ist der bestmögliche Verkäufer eines allfälligen Misserfolges, der auf dem internationalen Trainermarkt zu haben war. Sollte die Mannschaft nächste Saison nicht im vorderen Tabellenviertel spielen, so wird es ein wenig sein, wie im Märchen mit des Kaisers neuen Kleidern. Bis irgendjemand darauf hinzuweisen wagt, dass Luganos neuer Kaiser ja gar keine Kleider trägt, zieht schon das Frühjahr 2012 ins Land.