«Time-out»

15. März 2011 10:37; Akt: 15.03.2011 10:52 Print

Eine gewisse geistige Unruhe beim Favoriten

von Klaus Zaugg - Zug wird Davos in Bedrängnis bringen. Aber fürs Finale reicht es nur, wenn sich vier Vorurteile als falsch erweisen.

storybild

Was hat dem HC Davos das kurzfristige Trainingslager gebracht?

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am anschaulichsten lässt sich dieses Halbfinal mit griechischen Fabelwesen charakterisieren. Schliesslich gehören ja alle möglichen Bestien zu unserem Eishockey: Tiger, Bären, Löwen, Stiere, Steinböcke, Drachen oder Adler.

Umfrage
Wer wird Schweizer Eishockey Meister?
20 %
42 %
24 %
14 %
Insgesamt 8042 Teilnehmer

Der EV Zug entspricht der Chimäre, einem aus zwei Tieren zusammengesetzten Fabelwesen: Vorne ein brüllender Löwe und hinten eine magere Ziege. Besiegt wird die Chimäre in der griechischen Sagenwelt übrigens vom fliegenden Pferd Pegasus, das den Stil und das Wesen und Wirken des HC Davos eigentlich viel besser verkörpert als der Steinbock.

Zugs dünne Defensive, aber starke Offensive

Der Optimist macht also beim EV Zug seine Analyse von hinten nach vorne: So hellt sich seine Miene nach und nach auf und am Schluss freut er sich. Torhüter Jussi Markkanen hatte im Viertelfinale lediglich eine Fangquote von 88,54 Prozent und ist statistisch der schwächste der vier Halbfinalgoalies. Die Verteidigung ist zu schmal besetzt, lediglich drei gelernte Verteidiger und ein umfunktionierter Stürmer müssen die Hauptlast tragen: Rafael Diaz, Andy Wozniewski, Patrick Fischer und Patrick Oppliger. Der Berufsprovokateur Wesley Snell und der hüftsteife Haudegen Allessandro Chiesa werden lediglich als Defensiv-Hilfsarbeiter beschäftigt. Aber die offensive Feuerkraft reicht auch für den Meistertitel. Obwohl Leitwolf Josh Holden nur die zwei letzten der sechs Viertelfinalspiele bestreiten konnte, haben die Zuger gegen das defensiv solide Servette im Viertelfinale pro Partie 4,1 Treffer produziert.

Der Realist beginnt seine Untersuchung hingegen mit dem Sturm und beschliesst sie mit dem Torhüter. Und kommt zum Schluss: Defensiv zu schwach fürs Finale.

Doug Shedden nicht meisterfähig

Oder kommt alles ganz anders? Die Chancen sind sehr gering. Dem offensiven Formel-1-Boliden der Zuger fehlt nicht nur die defensive Bereifung. Es fehlt auch der Fahrer: Cheftrainer Doug Shedden kann seine Spieler anheizen und motivieren, er sorgt für gute Stimmung und attraktive Spielweise. Aber er kann Ebbe und Flut der Emotionen nicht steuern. Er konnte es nicht in Finnland und er konnte es nicht in den vergangenen zwei Jahren: Im Halbfinale war immer Schluss. Der Kanadier hat in Europa immer für Spektakel, aber noch nie einen Meistertitel gesorgt.

HCD-Trainer Arno Del Curto ist ein Feuerkopf wie Doug Shedden. Aber er kann die Emotionen besser steuern und er hat das Herrschaftswissen der Hockeycoaches: Er weiss, wie man Meister wird: Vier Titel plus drei weitere Finals seit 1996.

Diese Vorurteile muss Zug entkräften

Zug hat nur eine Chance, wenn vier Vorurteile entkräftet werden.

Erstens: Doug Shedden weiss nicht, wie man Meisterschaften gewinnt.

Zweitens: Torhüter Jussi Markkanen ist für die Playoffs mental zu zerbrechtlich.

Drittens: Die Balance zwischen Offensive und Defensive stimmt nicht.

Viertens: Die Zuger verlieren in kritischen Situationen die Nerven.

Ein Drama ist möglich

In den Viertelfinals haben die Zuger immerhin 32 Minuten und 25 Sekunden lang diese Vorurteile entkräftet: In den Verlängerungen der Spiele fünf und sechs.

Aber der HC Davos ist eine Nummer grösser als Servette und hat mit Leonardo Genoni den stärkeren Torhüter als Zug. Diese Halbfinalserie kann durchaus zu einem Hockeydrama mit allem Drum und Dran werden, zumal Zug auch eine Nummer grösser ist als Fribourg-Gottéron, der Viertelfinalgegner des HC Davos.

Davos 2011 erst mit einer Niederlage

Arno Del Curto hat mit seiner Mannschaft im Jahre 2011 nur ein einziges Spiel verloren: Gegen die SCL Tigers. Das ist zwar gut fürs Selbstvertrauen. Aber zu viele Siege machen zu sicher, und wenn der Puck auf einmal nicht mehr den Weg der Davoser gehen will, könnte diese wunderbare Hockeymaschine schon ein bisschen ins Stottern geraten. Der HCD-Trainer war in den letzten Tagen von einer gewissen Unruhe und Rastlosigkeit erfasst, wie sie gelegentlich beim Haushund vor Regenwetter oder heftigen Gewittern zu beobachten ist. Er hat letzte Woche mit besonders intensivem Training versucht, Intensität und Rhythmus nach der zu leichten Viertelfinalserie gegen Fribourg-Gottéron wieder hochzufahren. Der HCD wird vor allem in den ersten drei Partien in Schwierigkeiten geraten.

Tipp: HC Davos – EV Zug 4:3