«Time-out»

25. März 2011 08:08; Akt: 25.03.2011 09:38 Print

Wie der wahre SCB doch noch ins Finale kommt

von Klaus Zaugg - Der wahre SC Bern wird den Playoff-Final gegen den HC Davos bestreiten. Das Problem: Wir haben in fünf Halbfinalspielen erst einmal den wahren SCB gesehen.

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Der wahre SCB kann die Kloten Flyers doch noch aus den Playoffs kippen. Am Donnerstag haben wir erstmals in diesem Halbfinale den wahren, den bösen, den im guten Sinne arroganten, den richtigen SCB erlebt. Einen SCB mit Mut, Zuversicht, Energie und Selbstvertrauen.

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Zum ersten Mal in dieser Halbfinalserie haben die Berner von allem Anfang an bestimmt, welches Hockey gespielt wird: Gut strukturiertes Rumpelhockey. Wer mit Kloten tanzt, kommt nicht weit. Weil in dieser Liga nur der HC Davos mit Kloten tanzen kann. Also geht es darum, den Kloten Flyers von allem Anfang an auf den Füssen zu stehen und zu verhindern, dass zu schnelles, präzises «High-Speed-Hockey» zelebriert wird.

Vom Ballett zum Mord

Um wieder einmal die griffigste und pathetischste Eishockey-Definition aller Zeiten zu bemühen: Eishockey, so sagte es einmal Kanadas Dichterfürst Al Purdy (1918-2000), sei ein Spiel zwischen Ballett und Mord. Auf unsere Verhältnisse übertragen: Wenn der SCB auf dieser «Purdy-Skala» von 1 (Ballett) bis 100 (Mord) im Bereich zwischen 1 und 50 spielt, ist er chancenlos. Dann laufen die Klotener auf und davon.

Am Donnerstag arbeitete der SCB zum ersten Mal im Bereich zwischen 70 und 80 auf der «Purdy-Skala». Die Härte und die Provokationen in der Anfangsphase stoppten das Schluefweg-Ballett und öffneten im Powerplay die Räume für eine frühe Entscheidung. Nicht eine Sekunde stand der SCB-Sieg in Frage. Bereits das 1:0 löschte die Lichter. Die Zürcher verloren die Leichtigkeit des Laufens, die Selbstsicherheit, die Zuversicht, den Mut und die Energie.

Bührer und Vigier das Zünglein an der Waage

Jede Wende hat Namen. Zwei stehen für die SCB-Rückkehr: Torhüter Marco Bührer und Stürmer Jean-Pierre Vigier. Sage mir, wie Bührer spielt, und ich sage dir, ob der SCB gewinnt. Dreimal war Bührer ein Lottergoalie und dreimal verlor der SCB. Nun war er zweimal ein starker Torhüter und zweimal hat der SCB gewonnen. Bührer ist am Donnerstag im fünften Spiel sogar offiziell zum besten SCB-Spieler gewählt worden.

Leitwolf Jean-Pierre Vigier stand während den ersten drei verlorenen Spielen wegen einer Verletzung (er war im der letzten Qualifikationspartie gegen die ZSC Lions von einem Puck im Gesicht getroffen worden) lediglich an der Bande. Am letzten Dienstag kehrte er zurück. Seine erste Aktion war ein fürchterlicher Check gegen Klotens finnischen Stürmer Marko Luomala. Wie sich jetzt zeigt: Dieser Check markiert die Rückkehr des SC Bern.

Im zweiten Spiel am Donnerstag hat der Kanadier vorgemacht, wie die Kloten Flyers aus dem Konzept gebracht werden können: Vigier holt hintereinander zwei Strafen heraus: Er wehrt sich nicht gegen die ewigen Gesetze der Schwerkraft und Klotens Ronnie Rüeger kassiert zwei Minuten wegen Beinstellens (3:46 Min.). Dann fährt er dem hitzköpfigen Mark Bell unter die Haut und sorgt mit dieser Provokation für einen zweiten Ausschluss (4:40 Min.) – das Powerplay (5 gegen 3) nützt der SCB zum Führungstreffer. Es ist, als ob Kloten mit diesem Tor der Stecker rausgezogen worden wäre. Die Zürcher kehren nie mehr ins Spiel zurück. Vigier wird hinterher sagen, er habe Bell nicht provoziert, er habe rein gar nichts gemacht, er sei von Bell einfach attackiert worden. Wer nicht alles glaubt, hat in den Playoffs meistens recht.

Dreht Bern die Serie nun problemlos?

In dieser fünften Partie hat der SCB erstmals Ebbe und Flut des Spiels kontrolliert. Die Berner haben also doch noch etwas von der meisterlichen Reife und Gelassenheit, um die Wellen von drei Niederlagen über sich gehen zu lassen, ohne dabei ganz aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Ist nun auch alles für den Verlauf dieser Serie so einfach, klar und wahr und der SCB zieht ins Finale gegen den HC Davos ein? Sind die Spiele sechs (in Bern) und eventuell sieben (in Kloten) nur noch Formsache? Nein. Wir haben zwar im fünften Spiel erstmals den wahren SCB, aber erstmals nicht mehr die wahren Kloten Flyers gesehen. Es ist sehr wohl möglich, dass wir in Bern im sechsten Spiel wieder die wahren Kloten Flyers sehen werden. Gerne wird vergessen, dass Klotens Trainer Anders Eldebrink und Felix Hollenstein aus ihrer Erfahrung als Spieler genau so über das Herrschaftswissen des Meistermachens verfügen wie SCB-Bandengeneral Larry Huras. «It‘s not over untill the fat lady sings»: Diese nordamerikanische Sport- und Lebensweisheit gilt vor allem in den Hockeyplayoffs.

Die wahren Kloten Flyers haben im ersten Spiel den SCB mit 4:1 besiegt. Sie waren in dieser ersten Partie genau so klar überlegen wie der SCB jetzt in der fünften Partie. Die Frage ist also: Wer gewinnt, wenn der wahre SCB im sechsten und eventuell siebten Halbfinale auf die wahren Kloten Flyers trifft? Die Antwort: Der SC Bern. Sofern Marco Bührer hin und wieder besser und nie mehr schlechter spielt als Ronnie Rüeger.