«Time out»

04. Oktober 2011 08:13; Akt: 04.10.2011 10:14 Print

Die Rangers waren da – na und?

von Klaus Zaugg - Der EV Zug hat dem Schweizer Klubhockey die spektakulärsten Festspiele der Geschichte beschert: 8:4 gegen die New York Rangers. Nie zuvor wurde ein NHL-Team in Europa derart gedemütigt.

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«Die Rangers kommen – na und?» Das war der Titel meiner Story vor dem Spiel. Und genau mit dieser Einstellung beginnt die Erklärung für den wundersamen Sieg. Die Zuger spielten selbstsicher und cool ihre Stärken aus und glaubten an den Sieg. Sie bestimmten Ebbe und Flut der Partie. Noch vor drei Jahren sind den Bernern die Herzen in die Hosen gefallen (der SCB verlor 1:8 gegen die Rangers) und vor zwei Jahren hat sich Arno Del Curto zu einem naiven Hurra-Hockey verleiten lassen, das Chicago zu einem 9:2 nutzte.

Was ist dieses 8:4 gegen die Rangers wert? Es ist sehr viel wert. Erstens haben die Zuger aufgezeigt, dass die Spielstärke und Tempofestigkeit der NHL-Teams überschätzt wird. Nach diesem 8:4 dürfte der lähmende Respekt und die naive Verherrlichung der NHL einer realistischeren Sichtweise Platz machen. Zweitens ist dieses 8:4 eine weitere Bestätigung für die Qualität der NLA. Unsere höchste Spielklasse ist eine der besten Ligen ausserhalb Nordamerikas. Drittens ist dieser Sieg unbezahlbare Werbung für unser Hockey in Nordamerika.

Opfer der eigenen Arroganz

Die Rangers haben nicht absichtlich verloren. Nordamerikanische Teams haben eine hohe Leistungskultur und wollen immer gewinnen. Aber die Rangers konnten nicht gewinnen. Die Reaktionen nach dem Spiel zeigten, wie bitter diese Niederlage schmeckte. Coach John Tortorella, einer der härtesten und arrogantesten Coaches der Gegenwart, weigerte sich, eine Stellungnahme abzugeben und verkroch sich in der Kabine. Die verdatterten Spieler fabulierten von den Schwierigkeiten des Spiels auf den grösseren europäischen Eisfeldern (vier Meter breiter als in der NHL) und bereiteten sich innerlich schon auf das Donnerwetter vor, das ihnen der Cheftrainer am Dienstag bereiten wird.

«Fluchtwege» an der blauen Linie offen

Die Rangers sind vier Tage vor ihrem Saisonstart (in Stockholm gegen Los Angeles) das Opfer ihrer Arroganz geworden. Sie haben die Zuger unterschätzt und sich in der Vorbereitung nicht mit der Spielweise des NLA-Leaders befasst. Nach zehn Minuten hätten sie die Gefährlichkeit des Zuger Konterspiels erkennen und besser nach hinten sichern können. Doch das taten sie nicht. Weil sie davon ausgingen, genügend Druck entwickeln, den Gegner einschnüren und die Tore schon noch erzielen zu können. Obwohl sie mehr Druck auf dem Stock hatten, an der Bande entlang die Zweikämpfe gewannen und dort nur schwer von der Scheibe zu trennen waren, erzielten sie die notwendigen Tore nicht.

Sie waren zu langsam, um auf offenem Eis an den Gegenspielern vorbeizukommen. Auf dem breiteren Eisfeld vermochten sie an der blauen Linie die «Fluchtwege» für Zuger Gegenstösse nicht zu schliessen. Die Zuger erzielten Konter-Tore, die in Entstehung und Vollendung zu den spektakulärsten gehören, die je in Schweizer Arenen erzielt worden sind und als Material für einen Lehrfilm verwendet werden sollten. Damien Brunner hat in der Meisterschaft noch nie so viele Freiheiten genossen wie gegen die Abwehr des NHL-Titanen – und er nützte die freien Räume mit einem läuferischen Feuerwerk: Kein anderer Schweizer Spieler kann bei so hohem Tempo die Scheibe so gut kontrollieren.

Mit spielerischer Leichtigkeit

Die ZSC Lions haben die Champions Hockey League und den Victoria's Cup (mit dem 2:1 gegen Chicago, dem ersten Sieg eines Schweizer Teams über eine NHL-Mannschaft) vor allem durch defensive Disziplin, kluge Taktik und überragende Torhüterleistungen (Ari Sulander) gewonnen. Die Leistungen der Zürcher sind höher einzustufen, weil sie über mehrere Partien hinweg erbracht worden sind.

Aber die Zuger haben am Montagabend die New York Rangers spektakulärer besiegt als die ZSC Lions die Chicago Blackhawks. Die Zuger haben mit schier unglaublicher Leichtigkeit, mit spielerischen Mitteln, mit Tempogegenstössen, mit läuferischer und technischer Brillanz den bis dahin spektakulärsten Sieg in der Geschichte unseres Klubhockeys zelebriert.

Besseren Sport gibt es nicht

Es ist genau so, wie es Präsident Roland Staerkle nach dem Spiel gesagt hat: «Man muss wohl erst einmal eine Nacht schlafen, um realisieren zu können, was wir gesehen haben.» Dieses 8:4 gegen die Rangers ist ein Spektakel, an das wir uns noch in zehn Jahren mit glänzenden Augen erinnern werden. Es war der perfekte Hockeyabend und dem EVZ gelang das perfekte Spiel. Alles stimmte. Die Organisation, die Stimmung, das Spiel und das Resultat. Besseren Sport können wir nicht erleben.

Zug nun der Topfavorit auf den Meistertitel?

Müssen wir nun auch alle Prognosen für die laufende Meisterschaft umschreiben und die Zuger zum haushohen Titelfavoriten ausrufen? Nein, dafür ist es noch zu früh. Torhüter Jussi Markkanen bot eine Durchschnittsleistung (was den Sieg der Zuger noch aufwertet). Wenn Zug ins Finale kommen oder gar Meister werden will, muss sich Markkanen um 30 Prozent steigern. Aber wenn die Zuger die Zeichen der Hockeygötter richtig deuten, können sie doch ein Titelanwärter werden: Sie sollten Esa Pirnes bis Saisonende einsetzen, mit vier ausländischen Feldspielern antreten und während der Qualifikation Torhüter Sandro Zurkirchen (21) ausgiebig testen. Wer weiss, vielleicht stellt sich dann heraus, dass er so gut ist wie Markkanen.

So oder so: Der EV Zug hat Geschichte geschrieben. Welche Spieler können schon auf ein 8:4 gegen einen NHL-Titanen verweisen und sagen: Die Rangers waren da – na und? Und für die Rangers ist es ein gutes Omen: Chicago hat nach dem 1:2 gegen die ZSC Lions in der gleichen Saison den Stanley Cup gewonnen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marco Häfliger am 04.10.2011 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    Grossleinwand

    Ein toller Match, welcher ich mit Freunden auf Grossleinwand vor dem Stadion geniessen konnte. Nur schade, dass praktisch niemand gewusst hat, dass es überhaupt eine Grossleinwand-Übertragung gibt und entsprechend kaum ZuschauerInnen vor Ort waren. EVZ, das Spiel war grossartig, in der Kommunikation/Werbung habt ihr jedoch schlichtweg versagt!!!

  • Steve Blaser am 04.10.2011 10:25 Report Diesen Beitrag melden

    Zaugg der alte Schwärmer

    Klaus Zaugg wie er leibt und lebt. Jedesmal die selben Phrasen. Jedesmal die gleichen Lobgesänge. Zug hat momentan einen Lauf. Aber auch sie werden in der Meisterschaft noch verlieren. Und bis zu den Play-Offs fliesst noch viel Wasser die Aare runter. Und das Scheibenhalten bei hohem Tempo beherrschen auch andere in der Schweiz genau so gut wie Brunner (ich verweise auf den 2-1 Siegtreffer von Julien Sprunger gegen Genf 9 Sekunden vor Schluss). Zaugg vergisst immer den Rest in seinem Schreibwahn.

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  • Hockey Fan am 04.10.2011 14:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hammer Spiel...Hammer Artikel!

    Einfach nur Geil!! Danke für dieses Spiel!!! Und der Artikel bzw. beide sind dieser Leustung absolut entsprechend! Danke auch hierfür!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nino Volpi am 21.10.2011 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Nur keine Euphorie

    Herr Zaugg, das war nur ein Freundschaftsspiel, mehr nicht. Das lässt doch keine Schlüsse auf die Stärke der NLA zu, obwohl diese sicher nicht schlecht ist.

  • Tinu am 04.10.2011 20:46 Report Diesen Beitrag melden

    What a night..

    Es war ein faires und super Spiel und eine Riesenstimmung.. Und jeder der jetzt wegen Müdigkeit der Rangers kommt und die Leistung schlecht machen will soll sich kurz den Kommentar von Stefan Kuhn durchlesen, da wurde alles gesagt. Super gespielt EVZ..!!!

  • Sven am 04.10.2011 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    hab ichs mir doch gedacht

    auf der Homepage der New York Rangers können zumindest die ersten 5, 6 Tore des Spiels angesehen werden. Wenn der 'Experte' Klaus Zaugg behauptet, Jussi Markanen hätte mit 70% gespielt, will ich von ihm wissen wies denn mit Biron ausgesehen hat. Die ersten zwei Zuger Tore hätte ein guter Goali gehalten. Dann, die Tore der Rangers waren genauso schhön herausgespielt wie diejenigen der Zuger. Und zudem liegt der letzte Stanley Cup Sieg der Rangers über 15 Jahre zurück. Seither hatten die Rangers in den Playoffs nicht mehr viel erreicht. Fragwürdig, ob der Hockeylaie Zaugg das Spiel überhaupt ge

  • D.Suter am 04.10.2011 17:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ein magisches Spiel!

    Ich war auch dabei! Ich verfolge die Spiele des EV Zug jetzt schon einige Jahre. Und das ist mit Abstand die beste Performance die ich von Ihnen live gesehen habe. Wahrscheinlich einer der besten Leistungen von einem schweizer Eishockeyclub überhaupt. Einfach sensationell! Und verdient haben sie es sowieso. Über das SF Programm wurde wohl schon genug gesagt...wenn man nicht in Davons oder Bern ist /ev. noch Zürich ist kein Interesse vorhanden. Schade! Denn wir sollten dem schweizer Eishockey mehr Beachtung schenken. Ein toller live Sport, echte Sportler und ein sehr hohes Niveau! =)

  • Peter Rimmen am 04.10.2011 16:48 Report Diesen Beitrag melden

    Totally overrated

    Ich war am Spiel gestern und es hat Spass gemacht. Dieses Spiel überbewerten sollte man trotzdem nicht. Es war ein einfaches Friendly und die Rangers wollen nun endlich die Saison beginnen. Wer die Qualitaeten der NHL nicht erkennt sollte vielleicht nicht Hockey-Schreiberling sein. Die Eisfläche ist ein riesen Unterschied. Zieht man das Spiel in die breite, bekunden die NHL Teams muehe. Sah man bei Chicago gegen Zürich und auch gestern. Zug konnte KEINE Scheibe an der Bande gewinnen und wurden minutenlang eingeschnuerrt im eigenen Drittel. Sozusagen PP mit 5-5.