«Time out»

14. Februar 2011 16:36; Akt: 14.02.2011 18:50 Print

Letztes Teilchen zum Stanley Cup-Puzzle

von Klaus Zaugg - Der Winter ohne Spielpraxis wird Mark Streit noch stärker machen. Er hat die besten sieben Jahre und einen Stanley Cup noch vor sich.

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Mark Streit ist auf dem Weg zurück. (Bild: Keystone)

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Der Nationalverteidiger spielt seit Herbst 2008 für die New York Islanders. Für eines der seltsamsten Hockeyunternehmen Amerikas. General Manager Garth Snow fehlt das Charisma grosser NHL-Generäle. Der ehemalige Goalie, berühmter für seine Ausrüstungs-Basteleien als für die Heldentaten zwischen den Pfosten, ist ein freundlicher Gentleman und mahnt im Wesen und Wirken ein wenig an eine rasierte, athletische und modisch gekleidete Version von Langnaus Geschäftsführer Ruedi Zesiger. Sein Job ist ja ganz ähnlich: In einem Lotterstadion eine Mannschaft in die die Playoffs zu bringen, die dazu nominell eigentlich zu schwach ist. Zesiger hat es diese Saison geschafft. Snows Islanders hingegen werden die Playoffs erneut verpassen.

Die Islanders sind ein ganz gewöhnliches Sportunternehmen geworden. Selbst die SCL Tigers haben eine stärkere Ausstrahlung. Hier draussen in Long Island wirken Management und Spieler wie die Besatzung eines alten Frachtschiffes, die nicht weiss, wohin die Reise geht. Die Zukunft ist ungewiss. Gibt es eine neue Arena? Oder wird das gesamte Unternehmen irgendwohin verkauft? Meistens sind nicht einmal 10 000 Fans im Stadion. Ein gewisser Fatalismus lässt alle hier ein wenig enger zusammenrücken.

So gut hier draussen in Long Island die Lebensqualität sein mag – eine langweiligere Gegend ist in Amerika fast nicht vorstellbar. Welch ein Gegensatz zu Manhattan, zum Madison Square Garden, zu den New York Rangers ein paar Meilen weiter westlich. Wenn Langenthal die durchschnittliche Schweiz repräsentiert, dann ist Long Island das durchschnittliche, weisse, mittelständische und urbane Amerika.

Die grauen Mäuse der Liga

Hier draussen ist einst eine der ganz grossen Dynastien des Eishockeys gebaut worden: Die Islanders haben zwischen 1980 und 1983 viermal hintereinander den Stanley Cup geholt. Mehr noch als pures Talent machten Disziplin, Präzision, Nervenstärke und Härte die Islanders zu einer fast unbesiegbaren Hockeymaschine. Erst Wayne Gretzkys Edmonton Oilers, die vielleicht stärkste Offensivmannschaft aller Zeiten, stürzten diese Dynastie im Frühjahr 1984.

Die Islanders wurden respektiert. Aber richtig verehrt und gefeiert wurden diese Helden nicht: Sie haben nie eine Parade in Manhattan durch die Schluchten der Hochhäuser («Canyon of heros») bekommen. Sie sind die grauen Mäuse der Liga geblieben.

Inzwischen liegen die Erfolge so weit zurück, dass die Erzählungen der Zeitzeugen der grossen Jahre wie die Schilderungen eines Besuchers von einem fernen Planetensystem klingen. Stanley Cups in Long Island? Nicht doch, Sie belieben zu scherzen. Die Mannschaft hat schon seit dem letzten Oktober keine Aussichten mehr auf die Playoffs. Aber sie lebt und sie rockt und sie rollt und das bereits legendäre Prügelspiel vom letzten Freitag passt durchaus ins Bild. Die Atmosphäre ist in der ganzen Liga nirgendwo auf eine so sympathische Art und Weise familiär wie hier auf Long Island, dieser verlorenen Insel des Eishockeys.

Streits Schlüsselrolle als Sinnbild

Inzwischen ist ein Schweizer (Mark Streit) der wichtigste Feldspieler und ein Schweizer (Nino Niederreiter) die grösste Zukunftshoffnung in diesem seltsamen Unternehmen. Ich habe 1982 die Islanders auf dem Höhepunkt ihrer Machtentfaltung gesehen: Billy Smith, einer der kampfstärksten Goalies der Geschichte. Verteidigungsminister Denis Potvin, der die eigene Zone beherrschte wie ein Feldherr. Der eiskalte Vollstrecker Mike Bossy – ja, es war eine Hockeymaschine, die jeden Gegner unerbittlich verschlungen hat. Wer damals gesagt hätte, es komme eine Zeit, in der Schweizer bei den Islanders eine Schlüsselrolle spielen werden, hätte geradesogut behaupten können, ein protestantischer Pfarrer aus dem Bernbiet werde Papst.

Vielleicht dokumentiert nichts so sehr die eigentlich märchenhaften Fortschritte des Schweizer Eishockeys, wie die Rolle, die Mark Streit bei den Islanders einnimmt. Obwohl er zurzeit nicht mitspielen kann: Noch vor Saisonstart hat er durch einen Zusammenstoss mit seinem Teamkollegen Matt Moulson in einem internen Trainingspiel eine schwere Schulterverletzung erlitten.

Seit Ende September 2010 arbeitet Mark Streit, der bestverdienende Feldspieler des Teams (4,1 Mio $ Jahresgehalt) an seinem Comeback, und er weiss nicht, ob es diese Saison noch für ein paar Spiele reicht. Hockeyprofi sind erwachsene Männer, die gut dafür bezahlt werden, zu spielen. Nicht spielen zu dürfen, ist die schlimmste Strafe. Statt Spass und Nervenkitzel tagein und tagaus bloss harte Trainingsarbeit. Es ist auch vorbei mit der Kameraderie, die so wichtig ist in diesem Sport. Die meiste Zeit kämpft sich Mark Streit einsam wie ein vom Rudel verlassener Wolf durch seine Therapie.

Die besten Jahre noch vor sich

Aber wer ihn jetzt hier in Long Island in der vielleicht schwierigsten Phase seiner Karriere erlebt, kann eigentlich nur eine Schlussfolgerung ziehen: Wenn Mark Streit aufs Eis zurückkehrt, wird er besser sein als je zuvor. Er hat die besten sieben Jahre noch vor sich. Wir haben den besten Mark Streit noch nicht gesehen.

Warum? Diese lange Zwangspause macht Mark Streit in jeder Beziehung noch stärker. Gewiss: Die Therapie ist anstrengend. Aber er spart in dieser Saison Energie und hat erst 373 NHL-Spiele auf dem Tacho – bloss etwa halb so viele wie andere NHL-Helden in seinem Alter. Eishockeytechnisch ist Mark Streit für NHL-Verhältnisse nicht 33, sondern erst 25 Jahre alt. Aber er hat die Gelassenheit, die mentale Belastbarkeit, die Persönlichkeit, die Spielerfahrung und Spielintelligenz eines 33jährigen.

Kreative, produktive Verteidiger wie Mark Streit sind in Nordamerika rar. Der Berner wird nächste Saison ein Verteidiger sein, der das letzte Teilchen zu einem Stanley Cup-Puzzle sein kann. Ich bin fast sicher: Er wird vor Ablauf seines Kontraktes mit den Islanders (er steht in der dritten Saison seines Fünfjahresvertrages) zu einem Team transferiert, das den Stanley Cup gewinnen kann.