«Time-out»

30. März 2011 07:45; Akt: 30.03.2011 09:35 Print

Die Höchststrafe für den SC Bern

von Klaus Zaugg - Der SC Bern muss mit der Schmach leben, weicher als die Kloten Flyers zu sein. Arroganz macht halt weich.

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Die Kloten Flyers gelten als taktisch schlau und schnell. Obwohl eine alte Weisheit sagt «Speed kills» (Tempo besiegt Härte, Grösse und Gewicht), hat Sportchef Sven Leuenberger beim SCB in Grösse, Gewicht und Wasserverdrängung investiert und eine grosse, mächtige Hockeymaschine zusammengebaut. Im letzten Frühjahr rumpelte der SC Bern zum Meistertitel. Mit Justin Krueger (190 cm/97 kg), Ryan Gardner (198 cm/103 kg) und Thomas Déruns (186 cm/86 kg) ist der SCB in dieser Saison noch rumpellastiger geworden.

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Dass die Kloten Flyers schneller sind, war in diesem Halbfinale nicht das Problem. Weil die Berner bisher mit ihrer wichtigsten Qualität – «to grind» (wörtlich: schleifen) – jede gegnerischen Abwehr zu schleifen vermochten.

Kloten Flyers härter als die Berner

Aber nun hat der SC Bern die Höchststrafe ereilt: Die Klotener waren im alles entscheidenden siebten Spiel nicht nur schneller. Sie waren vor allem ...härter. Die Kloten Flyers härter als die Berner. Das tut den Anhängern der Stadtberner Hockeykultur mehr weh als die Einführung von «Züridütsch» als Pflichtfach im Berner Schulwesen.

Aber es ist, wie es ist: Die Kloten Flyers waren im Austeilen und Einstecken besser – also härter. Der Meister scheiterte also nicht in erster Linie am Tempospiel des Gegners. Sondern letztlich an dessen Zähigkeit, Mut, Unerschrockenheit und Unerbittlichkeit. Selbst rüde, ungestrafte Attacken wie der hohe Stock von Ivo Rüthemann gegen den Kopf von Eric Blum (50.) oder der Kniestich von Justin Krueger gegen Nicolas Steiner (54.) erzielten im letzten Drittel des letzten Spiels keinerlei Wirkung.

Konzept des SCB-Sportchefs gescheitert

Wenn eine Mannschaft, gebaut um zu Rumpeln, im Augenblick der Wahrheit gegen die Kloten Flyers zu weich ist, dann gibt es ein Problem.

Ist also das Konzept von SCB-Sportchef Sven Leuenberger gescheitert? Ja. Aber nicht primär aus sportlichen Gründen. Der SCB ist eher ein Opfer des eigenen wirtschaftlichen Erfolges geworden. Eine Entwicklung, die Leuenberger nicht beeinflussen kann.

Mehr als ein Sportunternehmen

Die SCB Eishockey AG ist längst nicht mehr bloss ein Sportunternehmen. Es ist ein Konzern, der mit Sport und Sport-Nebengeschäften (hauptsächlich mit 16 Beizen) rund 50 Millionen Umsatz erzielt und gerade daran ist, auch noch den Davis-Cup-Match (mit Roger Federer) gegen Portugal im Juli in die PostFinance Arena zu holen.

Es muss also in der Gastronomie und während der Qualifikation vom September bis im Februar rocken und rollen. Wenn Ende Saison im März und April ein paar Heimspiele wegen vorzeitigem Ausscheiden aus den Playoffs ausfallen, ist das weiter nicht schlimm. Gut und gerne 70 Prozent des Umsatzes von 50 Millionen Franken sind erfolgsunabhängig.

Kein Geld, um arrogant zu werden

Kloten hingegen ist ein reines Sportunternehmen. Ständig knapp bei Kasse. Aber alles dreht sich um die Frage: Wie können wir besser und erfolgreicher Hockey spielen? Das Geld reicht nicht für jene Rentenverträge, die beim SCB die Stars politisch mächtig und träge machen und nach dem Titelgewinn von 2010 weiteren Stars grosszügig gewährt worden sind. Die Kloten Flyers haben zu wenig Geld, um arrogant zu werden.

Die Berner waren gegen Kloten hockeytechnisch nicht zu wenig gut. Das Rumpel-Konzept hätte durchaus aufgehen können. Aber wir haben nur in drei von sieben Partien den wahren SCB gesehen. In den ersten drei Spielen waren die Berner zu arrogant und in der siebten und letzten Partie zu weich. Arroganz macht weich. Deshalb ist der Meister gescheitert und nun bestreiten mit dem HC Davos und den Kloten Flyers die beiden schnellsten Mannschaften das Finale.

Regular Season top - Playoffs flop

Was nun? Anders als nach dem Scheitern von 2006, 2008 und 2009 gibt es keine Revolution mehr. Trainer Larry Huras und die Alphatiere mit laufenden Verträgen bleiben. Weil eine Revolution gar nicht notwendig ist: Die Gelddruckmaschine SCB braucht fürs Funktionieren den ganz grossen sportlichen Erfolg nicht mehr. Die Berner sind Könige zwischen September und Februar (Qualifikationssiege 2006, 2008, 2009 und 2010) und Bettler im Frühjahr. Titel wie 2010 sind die Ausnahmen. Das vorzeitige Scheitern wie 2006, 2008, 2009 oder im Halbfinale wie 2011 wird auch künftig die Regel sein. Der SC Bern wird mehr und mehr Europas Antwort auf die New York Rangers und die Toronto Maple Leafs, die sportlich notorisch erfolglosen Gelddruckmaschinen der NHL.

Aber die Höchststrafe für die Berner ist nicht der Verlust des Titels. Sondern nun mit der Schmach leben zu müssen, im entscheidenden Augenblick weicher gewesen zu sein als die Klotener. Weichheit ist die die schlimmste Beleidigung in der Hockey-Machowelt des SC Bern. Schlimmer als erfolglos zu sein.

Bittere Ironie bei der Best-Player-Wahl

P.S. Auf eine Goalie-Polemik habe ich bewusst verzichtet. Es sei nur der guten Ordnung halber noch einmal erwähnt: Klotens Ronnie Rüeger war in vier von sieben Spielen besser als Marco Bührer. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass Bührer nach der siebten Partie zum besten SCB-Spieler gewählt worden ist: Er sah beim 0:1 nicht wie ein grosser Goalie aus. Aber er hat dann heldenhaft dafür gesorgt, dass es bei diesem 0:1 geblieben ist.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Brienzer am 30.03.2011 14:31 Report Diesen Beitrag melden

    Die SCB Arroganz findet man bei den Fans

    Das 7.Spiel gestern Abend im "Schluefweg" war das bisher intensivste und spielerisch klar beste Playoff Spiel dieser Saison. Die Kloten Flyers haben verdient mit 1:0 gewonnen. Sie hätten nach den Chancen auch höher gewinnen können, es wäre verdient gewesen. Deswegen dem SCB Arroganz zuzuschieben ist sehr schlecht. Die einzige Arroganz beim SCB findet man bei vielen Fans, oder solche die es noch werden wollen. Der HCD wird Meister. 2009 in 21 spielen, heuer mit 12 spielen.

  • Chris am 30.03.2011 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    Oder so

    Wenn Kloten nur Leichtgewichte in den Reihen hätte, hätten sie gestern verloren. Kloten spielt halt mehr technisch als auf Körper. Gestern haben sie beides gemacht und gewonnen. Zugegeben nicht unverdient aber auch glücklich. Bern braucht einen guten ausländischen Verteidiger und Topscorer. Kwiatkowski ist dem Tempo in der Liga nicht gewachsen und ansonsten auch eine absolut schlechter Verteidiger. Dubé muss ersetzt werden mit einem absoluten Topstürmer. Dann heisst der Meister 2012 wieder SCB.

    einklappen einklappen
  • Lach mal wieder am 30.03.2011 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich wiedermal was zu lachen

    Dieser Bericht und Kommentare sind einfach nur zum Lachen !!! Ich amüsier mich total... :-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • SCB Fan am 31.03.2011 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    kurz und bündig...

    ...was für ein Schwachsinn. Kaum erreicht der SCB den Final nicht, wird schon auf ihm herumgetreten und in meinen Augen auch ein bisschen beleidigt. Ich ziehe meinen Hut schon nur nach der Leistung, ein 0:3 aufzuholen und ausgleichen. Kloten war im Spiel 7 besser und somit verdienter sieger. Aber gleich mit dem SCB so ins Gericht gehen. Hat mann diese Saison auch so auf Lugano herumgeritten? NEIN!!! Und weshalb? Es ist ja nicht der SCB...

  • Pilgrim am 30.03.2011 18:05 Report Diesen Beitrag melden

    Das Problem war nicht das 7e Spiel...

    Larry Huras hat es richtig gesagt: Der SCB hat den Finaleinzug nicht im 7en Spiel verpasst, sondern vorher. Es ist unrealistisch zu glauben, dass man in den PO-Halbfinals einfach so 4 x hintereinander gewinnt. Das wäre auch respektlos gegenüber dem Gegner. Wäre man von Beginn weg am Ball gewesen, d.h. nicht zuerst 0:3 hinten gelegen, hätte man ein schwaches Spiel verdauen können. Wie eben jetzt Kloten 3 x. Es muss etwas gehen beim SCB, das ist nicht zu leugnen. Die Fundamentalkritik jetzt aber an diesem 7en Spiel aufzuhängen, ist abwegig.

  • J. aus Bern am 30.03.2011 17:13 Report Diesen Beitrag melden

    SCB THE BEST

    Ich bin SCB Fan und war sehr entäuscht als SCB gestern ausgeschieden ist. Ich war mir fast 100% sicher nach den letzten drei Partien das Bern diese Serie gewinnt. Nicht weil ich arrogant bin, so wie viele hier völlig ohne Grund die Berner beschimpfen, aber so super wie Bern gespielt haben, hätten sie es viel mehr verdient als Kloten in den Final zu kommen. Sie hätten Davos auch Konkurenz geboten, was Kloten eindeutig nicht kann. Aber ich finde es einfach nur traurig wie ein schlechter Schiri nur so eine Serie entscheiden kann. Die Schiris sind allgemein immer gegen den SCB!!

  • Harley am 30.03.2011 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Leutchen...

    Ich habe mich in der Vergangenheit nicht mit Kritik an Klaus Zaugg zurückgehalten - wie bereits unten erwähnt scheint er (wie das SF) vor allem drei Vereine zu favorisieren: ZSC, SCB und (trommelwirbel) HCD. Das kann manchmal gehörig nerven. Dennoch darf man nicht vergessen, dass dies hier eine Kolumne ist, hier werden absichtlich provokative Aussagen "gestreut" und nicht nur journalistische Fakten aufbereitet - gerade das macht ja auch den Reiz der Sache aus... In diesem Sinne: Well done, Klaus!

  • Michael aus Münchenbuchsee am 30.03.2011 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    Fahne im Wind

    Lieber Herr Zaugg, im diesem aktuellsten Artikel sagen sie folgendes aus: Das vorzeitige Scheitern wie 2006, 2008, 2009 oder im Halbfinale wie 2011 wird auch künftig die Regel sein." Vor nicht all zu langer Zeit haben sie einen Artikel veröffentlich worin sie festhalten,dass der SCB in den nächsten Jahren eine Dynastie wird!