«Time-out»

28. Februar 2011 07:18; Akt: 28.02.2011 13:44 Print

Wie Sturheit eine Torheit verhindert

von Klaus Zaugg - Details entscheiden die Playoffs. Der EVZ könnte diese bittere Erfahrung machen. Die Zuger sollten Paul Di Pietro zum Berater ihres Sportchefs berufen.

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Pual Di Pietro wüsste, was es zum Meistertitel braucht.

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In den Playoffs kann nur erfolgreich sein, wer einen klaren Unterschied zwischen der Qualifikation und den Playoffs macht. Banal? Nicht ganz. Während der Qualifikation steht gerade bei Spitzenteams die Aus- und Weiterbildung der Spieler, das Justieren der Spielsysteme, das Austesten von Spielern und die Optimierung von Trainingsmethoden im Zentrum. Nur in Ausnahmefällen müssen Himmel und Hölle mobilisiert werden, um ein Spiel zu gewinnen. In der Qualifikation wird jenes Wissen gesammelt, das hilft, in den Playoffs erfolgreich zu sein.

In den Playoffs darf das Spielkonzept kein Thema mehr sein. Nun stehen die Qualitäten und Eigenheiten des Einzelspielers und Detailwissen im Vordergrund. Das vielleicht spektakulärste Beispiel aus der NHL sei wieder einmal erwähnt. Es entschied einen Stanley-Cup-Final.

Der zu krumme Stock von 1993

Die Los Angeles Kings (mit Wayne Gretzky) haben die erste Finalpartie in Montreal gewonnen. Sie stehen auch im zweiten Finalspiel am 3. Juni 1993 vor dem Sieg. Nicht einmal mehr zwei Minuten sind zu spielen und die Kings führen 2:1. Powerplay für die Canadiens. Da ruft Montreals Coach Jacques Demers Schiedsrichter Kerry Fraser zu sich und verlangt das Nachmessen des Stockes von Marty McSorley. Und siehe da: Das Stockblatt ist zu stark gekrümmt, McSorley, der Bruder von Servette-General Chris McSorley muss auf die Strafbank. Demers nimmt Torhüter Patrick Roy vom Eis und mit sechs gegen vier Feldspieler schafft Montreal den Ausgleich zum 2:2. In der Verlängerung dauert es nur 15 Sekunden bis Montreal das 3:2 erzielt. Das Momentum der Serie ist bei Montreal und die Canadiens gewinnen schliesslich den Stanley Cup. Und warum wusste Demers, dass McSorleys Stock nicht regelkonform war? Weil das Personal im Forum nach den Trainings der Kings alle zerbrochenen Stöcke eingesammelt und nachgemessen hatte. Details entscheiden. Seit 1993 ist es bei allen NHL-Teams Brauch, die Stöcke vor den Playoffs noch einmal nachzumessen. Damit so etwas nicht wieder passieren kann.

Die NLA ist nicht die NHL. Aber die Gründe, warum Mannschaften Erfolg haben, sind die gleichen. Eishockey ist ein unberechenbares, auf einer rutschigen Unterlage gespieltes Spiel. Der Erfolg lässt sich nicht programmieren. Wer Meister werden will, muss wenigstens alles Berechenbare tun, um Erfolg und Glück zu haben. Dazu gehört es in der NLA, für die Playoffs einen Ersatzausländer zu verpflichten.

Kommts in Zug zum Eklat?

Natürlich kann der Ersatzmann nie in den Schuhen eines Schlüsselspielers stehen. Der Grund, warum ein ausländischer Spieler Ende Januar verpflichtet werden kann, ist in der Regel nicht eine herausragende Leistung beim bisherigen Arbeitgeber. Aber wenn das Management einen zusätzlichen Ausländer für die Playoffs verpflichtet, dann ist dies ein starkes Signal an die Mannschaft, dass alles menschenmögliche für den Erfolg getan worden ist. Die Kosten für einen zusätzlichen Ausländer halten sich in Grenzen und die Zuger hätten dieses Geld alleine durch etwas zäheres Verhandeln bei den Vertragsverlängerungen von Rafael Diaz, Damien Brunner und Glen Metropolit wieder hereinholen können. Die Sturheit, die Kosten für den Zusatzausländer zu sparen, könnte sich als unverzeihlicher Fehler von Zugs Präsident Roland Staerkle erweisen und die Halbfinal- oder Finalqualifikation kosten: Er hat seinen Sportmanager Patrick Lengwiler nicht dazu angehalten, einen zusätzlichen Ausländer zu verpflichten bzw. hat nicht das Geld dafür bewilligt. Nun kann der verwundete Leitwolf Josh Holden nicht ersetzt oder eine längere Zeit geschont werden. Die Folgen der Verärgerung von Bandengeneral Doug Shedden wegen dieser Unterlassungssünde sind noch gar nicht absehbar. Sie können zum Eklat führen.

Die Zuger haben alles, um den Titel zu holen. Aber im Management noch nicht das Wissen, Wesen und Wirken eines wahren Spitzenteams.

Di Pietro wäre der richtige Mann

Es hat schon einen Grund, warum ich gerade zu diesem Zeitpunkt wieder einmal das Beispiel der Montreal Canadiens aufwärme und einen Bezug zum EV Zug herstelle. Paul Di Pietro wird am 8. September 41 Jahre alt und ist als Spieler in Zug nächste Saison nicht mehr erwünscht. Der Entscheid ist aus sportlicher Sicht richtig. Aber warum verzichten die Zuger ganz auf sein enormes Wissen? Paul Di Pietro war 1993 ein wichtiger Spieler der Montreal Canadiens und zusammen mit Guy Carbonneau für die Neutralisierung von Superstar Wayne Gretzky zuständig. Di Pietro mag ein eigenwilliger Kauz sein. Aber er weiss im Gegensatz zu seinem Sportmanager und Präsidenten aus eigener Erfahrung, was es braucht, um Meisterschaften zu gewinnen. Die Zuger sollten Paul Di Pietro zum Assistenten oder Berater ihres Sportchefs machen.

Aber manchmal braucht man ganz einfach auch Glück. SCB-Sportchef Sven Leuenberger und sein Trainer Larry Huras setzten alles daran, Ende Januar noch vor Transferschluss Simon Gamache nach Fribourg abzuschieben. Gamache widersetzte sich diesem Transfer und verärgerte Huras und Leuenberger. Er hat mit seiner Sturheit das SCB-Management vor einer Torheit bewahrt, die womöglich den Titel oder die Finalqualifikation kosten könnte: Für den Playoffstart sind mit Jean-Pierre Vigier und Brett McLean gleich zwei Ausländer ausgefallen. Der ungeliebte Gamache muss erstmals seit dem 22. Januar ins Team zurückgeholt werden. Er rettet dem SCB zum Auftakt gegen die starken SCL Tigers den Sieg. Beim 3:1 hat er bei allen drei Treffern den Stock im Spiel. Huras sagt hinterher, manchmal sei es eben gut, wenn die Hockeygötter Gebete ignorierten. So wie es Garth Brooks in einem sentimentalen Country Stück besingt: «Sometimes I thank God for unanswered prays. Some of God's greatest gifts are unanswered prays.»

He nu und in Gottes Namen halt: Gamache ist zum Glück für den SCB geblieben. Warum, fragt nach der Finalqualifikation oder einer Meisterfeier sowieso keiner mehr.