Ambri vs. Lakers

15. März 2011 15:13; Akt: 15.03.2011 16:24 Print

Wenn Kultur auf Kommerz trifft

von Klaus Zaugg - Ambri stemmt sich in der Playout-Serie gegen die Lakers gegen den Sturz in die Liga-Qualifikation. Dem Schweizer Eishockey droht ein Kultur-Verlust.

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Wer muss gegen den NLB-Meister um den Verbleib in der NLA kämpfen: Ambri oder die Lakers? (Bild: Keystone)

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Ambri hat die Zeitenwende des Eishockeys, die Amerikanisierung durch die Einführung der Playoffs in den 1980er Jahren, überstanden und 1999 sogar das Playoff-Finale gegen Lugano erreicht – und verloren. Aber nun droht doch der Untergang. Ausgerechnet gegen die Lakers.

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Als Ambri im Sommer 1971 die NHL-Legende Andy Bathgate holte und für Schlagzeilen in der New York Times sorgte, da spielte der SC Rapperswil-Jona in der 1. Liga gegen Teams wie Bonaduz und Illnau. Erst im Frühjahr 1994 kam der SCRJ in der höchsten Spielklasse an. Rapperswil-Jona hat im Vergleich zu Ambri keine Geschichte.

Die Beziehung zwischen Ambri und seinen Fans ist eine leidenschaftliche. Es ist einer der ergreifendsten Momente im Welteishockey, wenn die Siegeshymne «La Montanara» von Toni Ortelli intoniert wird. Der SC Rapperswil-Jona hat seit der Mutation zu den Lakers keine richtige Beziehung mehr zu seinen Fans. Erst im Laufe dieser Saison konnten die Auseinandersetzungen einigermassen beigelegt werden: Die echten Fans können den Lakers die Aufgabe der alten Vereinsfarben und des alten Logos nicht verzeihen.

Ambri ist Eishockey-Geschichte

Ambri spielt in einer Arena, die wohl bald Weltkulturerbe der UNESCO wird. Es ist weltweit die kälteste Arena in einer höchsten Spielklasse einer wichtigen Hockeynation. Die Lakers haben ein wunderbares, funktionelles, warmes Kleinstadion.

Ambri mobilisiert die Fans im ganzen Land, es gibt darüber hinaus Fanklubs in Bologna und Turin, bekennende Ambri-Fans in London und Paris. Bundesräte haben sich schon als Ambri-Fans geoutet. Die Lakers haben keine vergleichbare Fankultur. Die Lakers sind vielleicht das langweiligste Sportunternehmen des Landes.

Ambri hat fernab der urbanen Zivilisation eines der besten Hockey-Ausbildungszentren aufgebaut. Mit Inti Pestoni ist in dieser Saison ein eigener Junior Topskorer des Teams geworden. In Ambri ausgebildete Spieler haben Geschichte geschrieben: Torhüter Pauli Jaks war der erste in der Schweiz gross gewordene Spieler, der in der NHL eingesetzt worden ist.

Die Nachwuchsabteilung der Lakers ist vergleichsweise bedeutungslos, bis hinab in die vierte Linie müssen Spieler eingekauft werden. Deshalb sind die Lakers als Preistreiber für mittelmässige Spieler ein Ärgernis für die ganze Liga geworden.

Kultur gegen Kommerz

Ambri steht für eine Lebensanschauung, Emotionen und Dramatik. Die Lakers stehen für langweilige Geschäftstüchtigkeit. Das Duell Ambri gegen die Lakers ist im Grunde eine Auseinandersetzung zwischen Kultur und Kommerz. Die Lakers haben nämlich wirtschaftlich über Jahre hinaus äusserst erfolgreich gearbeitet. Ambri schöpft seine Energie aus seiner Geschichte, aus seiner Kultur und aus seiner Rivalität mit dem HC Lugano. Der alte Geldadel und die konservativen politischen Kräfte im Kanton sichern Ambris Existenz. In Not geraten ist Ambri, weil es immer schwieriger wird, Spieler ins abgelegene Hochtal der Leventina zu locken und immer mehr Klubs auf der Alpennordseite jungen Spielern auch Entwicklungsmöglichkeiten und vor allem auch sehr gute berufliche Chancen (Studium, berufliche Weiterbildung) bieten.

Die Lakers sind ein Produkt des modernen Sportbusiness und schöpfen ihre Energie aus den Portemonnaies des oft unterschätzten Wirtschaftsraumes am oberen Zürichsee. In Not sind sie erst geraten, seit Kommerz die Hockeykultur fast ganz verdrängt hat und die Spieler nur noch des Geldes wegen zu den Lakers wechseln. Eine Kombination aus der Infrastruktur der Lakers (Stadion) und der Kultur Ambris ergäbe ein NLA-Spitzenteam.

Ambris Abstieg wie der Verlust einer Geliebten

Der Sturz in die Liga-Qualifikation kann Ambri oder den Lakers den Klassenerhalt kosten. Vor allem dann, wenn Lausanne das NLB-Finale gegen Visp gewinnen sollte. Für die Deutschschweizer wäre der Abstieg von Ambri wie der Verlust einer Geliebten. Es würde weh tun im Herzen, aber das Portemonnaie bliebe verschont.

Für einen Klub wäre ein Abstieg von Ambri hingegen teuer wie eine Scheidung im richtigen Leben: Für den HC Lugano. Verschwindet Ambri, so schrumpft die Präsenz des Eishockeys in den gedruckten und gesendeten Medien des Tessins um 50 Prozent. Der HC Lugano würde sozusagen die Hälfte seiner Existenzberechtigung verlieren: Keine Derbys, keine Emotionen, keine Polemik mehr.

Aber wer eine starke Kultur hat, braucht den Abstieg nicht zu fürchten. Biel harrte 13 Jahre in der NLB aus und kehrte 2008 in die höchste Spielklasse zurück.