«Time-out»

17. Mai 2012 20:43; Akt: 17.05.2012 21:06 Print

Ein 8,8-Bier für Finnlands Helden

von Klaus Zaugg, Helsinki - Nein, diesmal kam es nicht so, wie es schon so oft gekommen ist: Für einmal ein Drama mit einem finnischen Happy-End. Der Gastgeber darf nach einem Last-Minute-Tor jubeln.

Bildstrecke im Grossformat »
Der Pokal gehört den Russen. Captain Ilya Nikulin mit dem begehrten Pott. Jubel bei den Russen im WM-Final. Zuerst durfte sich aber der Aussenseiter freuen: Die Slowaken gingen früh in Führung. Tschechien feiert den Gewinn der Bronze-Medaille. 40-jährig, aber freuen kann er sich wie ein Kind: Petr Nedved. Auch im Spiel um Platz 3 wurde nichts geschenkt. Hier raufen sich Tschechiens Tomas Plekanec (unten) und Finnlands Miko Koivu (r.), während Jakub Nakladal (Nr. 87) alles beobachtet. Ohne Helm und ohne Handschuhe schnell weg zur Auswechselbank: Ondrej Nemec im Spiel um Bronze. Superstar Jewgeni Malkin liegt nach einem Banden-Crash am Boden. Obwohl der Russe in der Garerobe gepflegt werden muss, kehrt er aufs Eis zurück - und wie! Malkin feiert beim 6:2 gegen Finnland einen Hattrick und ist ohne Frage der Mann des Spiels. Und Finnland? Der Gastgeber muss nach der Halbfinal-Blamage gegen Russlan die Segel streichen. Nichts wird es mit der Titelverteidigung und der grossen Party in Helsinki. Grosse Erleichterung im finnischen Lager: 8,8 Sekunden vor Schluss schoss Jesse Joensuu den Gastgeber in den Halbfinal. Mit den USA ist damit nach Kanada auch das zweite nordamerikanische Team vorzeitig gescheitert. Wie Finnland siegte auch Tschechien dank einem Last-Minute-Tor. 29 Sekunden vor Schluss traf Milan Michalek zum 4:3 gegen Schweden. Für die Schweden war das vorzeitige Aus vor eigenem Publikum eine herbe Enttäuschung. Und plötzlich gibts kein Halten mehr. Der Jubel bei den Slowaken nach dem Coup gegen Kanada ist schier grenzenlos. Der grosse Favorit ist einmal mehr früh gescheitert. Es ist zum Handschuhe anknabbern. Er kam, sah und traf: Russlands Superstar Alexander Owetschkin hat in seinem ersten WM-Spiel beim 5:2 gegen Norwegen auch gleich ein Tor erzielt. Norwegen-Keeper Lars Haugen bleibt nichts Anderes übrig, als die Scheibe aus dem Tor zu kratzen. Die Eisgenossen kehren nach ihrer verpatzten WM in die Schweiz zurück. Für die Viertelfinalisten ist Ruhetag. Klare Ansage der beiden Zuschauerinnen. Betrübte Schweizer nach der 2:5-Schlappe gegen die USA. Hier kommt der Slowake Branko Radivojevic geflogen. Zum Glück hat der weissrussische Goalie Dmitri Milchakov einen Helm an. Begenung mit einem anderen Kämpfer. Im Feindeslager: Kasachstans Vadim Krasnoslobodtsev landet nach einem harten Check auf der finnischen Bank. Auch Kasachstans Goalkeeper Vitali Kolesnik hat die Orientierung etwas verloren. Der russische Fanblock war im Spiel gegen Italien nicht gerade gut gefüllt. Die Tifosi waren zahlenmässig nur leicht überlegen, sorgten aber trotz einer weiteren Pleite für etwas Stimmung. Nein, nicht gestolpert. Die Franzosen stellten nach der Schweiz auch dem favorisierten Weissrussland ein Bein. Keeper Cristobal Huet hatte das Geschehen jederzeit im Griff. Ein Box in die Magengrupe verpasste Dänemark den Letten, die damit ihre letzte Viertelfinal-Chance verspielt haben. Die dänischen Fans nahmen es mit Freude zur Kenntnis. Alles Anfeuern der Schweizer Fans nützte nichts. Die Eisgenossen verpassen nach dem 0:1 gegen die Slowakei die Viertelfinals. Die Schweizer mussten gegen die Slowaken unten durch. Kopfabwehr von Finnland-Goalie Kar Lehtonen. Hoch die Pompons, sagt sich diese Cheerleaderin. Die Schweiz (hier Damien Brunner) wird von Frankreich ausgehebelt: 2:4 lautet es nach 60 Minuten. Bloss nicht erwürgen! Die Franzosen Stephane da Costa (vorne) und Alexandre Rouleau freuen sich über den Sieg gegen die Schweiz. Der Weissrusse Konstantin Koltsow dreht sich nichtsahnend ab, nachdem er Tomas Starosta (r.) über die Bande spediert. Ivo Rüthemann, Roman Josi (trainierte erstmal mit der Schweizer Nati) und Mathias Seger in Reih und Glied. Letzterer wird neu als Stürmer für die Eisgenossen auflaufen. Auch wenn es in dieser Situation hart klingt: Leo Komarow versucht, auf die Zähne zu beissen. Traditionell russisch? Suomi in Extase. Weshalb schaut der so grimmig? Seine Tschechen haben Italien eben mit 6:0 abgefertigt. Dabei hat dieser tschechische Eiskünstler auch keine Rücksicht auf den Schiedsrichter genommen. Das Baguette darf nachtürlich nicht fehlen. Der Amerikaner Justin Faulk befördert Weissrusslands Konstantin Koltsov über die Bande. Der weissrussische Goalie Vitaly Koval wird vom Amerikaner Joey Crabb unsanft ins eigene Gehäuse befördert. Auch Finnlands Joonas Jarvinen wird im Spiel gegen Frankreich über die Spielfeldbegrenzung buxiert. Die zahlreichen Fans aus der Schweiz sehen ein begeisterndes Spiel zwischen der Schweiz und Kanada. Da hilft das ganze Schreien nichts ... ... am Ende müssen die Eisgenossen als Verlierer vom Eis. Kevin Romy geht dem Kanadier Jay Bouwmeester an den Kragen. Ob da noch wa zu machen ist? Mit vereinten Kräften wird versucht, das Plexiglas wieder dorthin zu tun, wo es einmal war. Justin Krueger macht Bekanntschaft mit dem Popo von Calle Jarnkrok. Hallo? Erde an Henrik Zetterberg! Ob sich der Schwede absichtlich den Worten seines Trainers entzieht? Schweizer Fans nehmen Helsinki ein. Die Eisgenossen kassieren gegen Titelverteidiger Finnland mit 2:5 die erste Niederlage. Die Schweizer Tore schiessen Andres Ambühl ... ... und Roman Wick, was die «heissblütigen» finnischen Fans nicht gross interessiert. Zwischen Deutschland und Russland fliegen die Fetzen. Lettlands Trainer Ted Nolan übt sich in Kaugummiblasen. Beim Spiel Lettlang gegen Italien gibts für den Schiri eins auf den Deckel. Was sucht wohl der Amerikaner Jimmy Howard? Es wird wohl der Puck sein. Der tschechische Goalie Jakub Kovar wärmt sich für das Penaltyschiessen auf, während seine Mitspieler hinten auf der Bank nur noch abwarten können. Viele Zuschauer lockten die Norweger nicht nach Stockholm - nur 3383 verfolgten die Partie gegen Tschechien im Stadion. Frankreichs Goalie Fabrice Lhenry wehrt sich mit allen Kräften gegen die kanadischen Angreifer. Lettische Fans müssten sich nicht verstecken. Sie besiegen Deutschland. Der russische Nachwuchs sitzt bereit. Schweizer Superman-Fans. Kasachstans Vitali Novopashin blickt schockiert drein, während Teamkollege Roman Starchenko medizinische Hilfe erhält. Der Schiedsrichter weicht Kasachstans Yevgeni Rymarev aus. Frankreichs Cristobal Huet ohne Helm. Die Partie zwischen der Schweiz und Weissrussland ist lange Zeit ausgeglichen. Simon Moser (rechts) und Kevin Romy schiessen die Tore für die Schweiz. Die Schweizer kämpfen bis zur letzten Sekunde ... ... und können sich am Schluss über einen verdienten, wenn auch knappen, 3:2-Sieg freuen. Jubel beim Amerikaner Jack Johnson. Er schoss sein Team soeben zum Überraschungssieg gegen Kanada (5:4 n.V.). Derweil gönnen sich viele Schweden noch einen Schluck auf der Tribüne. Der Amerikaner Cam Atkinson landet mit dem kanadischen Goalie im Tor. Anweisung an die tschechische Bank. Gehörnte Schweizer Fans in Helsinki Wo ist der Puck?Drei Weissrussen liegen am Boden, der Schiri und der Finne suchen das Spielgerät. Bei Mathias Seger gabs kein Durchkommen. Der Russe Alexander Popow hob ab. Der Lette Miks Indrasis freut sich über sein Tor gegen Favorit Russland. Die Russen gewannen allerdings trotzdem 2:5. Eröffnungszeremonie in der Hartwall Arena in Helsinki. Zweikampf zwischen Kanadas Jeff Skinner und dem Slowaken Kristian Kudroc. Ryan Nugent-Hopkins versucht sich als Puck-Fänger. Andres Ambühl (r.) und Patrick von Gunten amüsieren sich im Training der Schweizer Nati. Frankreich verliert trotz des heraufbeschwörten Zusammenhalts das Auftaktspiel gegen die USA. Gottérons Keeper Christobal Huet kassiert gegen die Nordamerikaner 7 Tore. Endstand: 7:2 für die USA. Die slowakischen Fans sind bereit für die WM.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Finnlands Hockey-Dramen sind schon so oft gelaufen, als hätte Kultregisseur Aki Kaurismäki Regie geführt. Am Ende sind es meist traurige Helden, die mit krudem Humor ihr Schicksal ertragen. Tief hat sich etwa in die Seele eingebrannt, wie am 7. Mai 2003 in Helsinki das WM-Halbfinale gegen Schweden 5:6 verloren ging. Nach einer 5:1-Führung. Und bitter, wie das Olympia-Gold 2006 in Turin verloren ging. Durch ein 2:3 im Finale gegen Schweden.

Umfrage
Wer wird Eishockey-Weltmeister 2012?
17 %
83 %
Insgesamt 772 Teilnehmer

Erst zweimal triumphierten die Finnen bei einer WM. 1995 mit einem 5:1 gegen Schweden in Stockholm. Und vor einem Jahr wiederum gegen Schweden. Diesmal wurde das Finale mit 6:1 gewonnen. Sofort kam ein Bier mit der Marke «6:1».

Dieses Viertelfinale war so intensiv und mit dem Siegestreffer zum 3:2 nur 8,8 Sekunden vor Schluss, dass auch jetzt ein Bier gebraut werden sollte. Mit der Marke «8,8». Nur eine einzige Strafe (gegen die USA), 31:28 Torschüsse für Finnland und allem, was zu einem Drama gehört: Die Finnen taumelten am Abgrund der Niederlage durch dieses Spiel, irgendwie lag ein ungückliches Ende in der Luft und der Ausgleich zum 2:2 durch Koivu wurde erst nach der Video-Konsultation gegeben. Und dann doch dieses Happy-End, das ja eigentlich so untypisch ist für die Finnen, die tief in ihrer Hockeykultur die Selbstzweifel so zelebrieren wie die Nordamerikaner das Selbstvertrauen.

Nur der Titel zählt

Ein glücklicher, ein grosser, ein grandioser Sieg, dieses 3:2 gegen Amerika. Aber die Finnen wollen mehr als nur das Halbfinale. Sechsmal haben sie die WM schon organisiert. Und nie sind sie über den 4. Platz hinaus gekommen. Und seit 1986 die Sowjets in Moskau hat sowieso nie mehr ein Gastgeber den WM-Titel geholt. Der grosse Hockey-Kommunikator Ralph Krueger hat 2009 in Bern ein Wort kreiert, das ihm wie Schwefelgeruch in den Kleidern hängen geblieben ist: «Heim-Nachteil».

Wie sehr die Finnen hier den Titel im siebten Anlauf vor eigenem Publikum wollen, zeigt sich an der neuen Prämienregelung.

Gold = 27 000 Euro
Silber = 12 000 Euro
Bronze = 8 000 Euro
4. Platz = 5000 Euro

Nach insgesamt acht zweiten Plätzen bei grossen Turnieren – die Finnen haben schon bei Olympischen Spielen, WM-Turnieren und dem World Cup das Finale verloren – sind sie vom Wunsch nach WM-Gold beseelt. Der zweite Platz ist nicht einmal mehr halb so viel wert wie der Sieg.

Gipfeltreffen gegen Russland im Halbfinal

Im Halbfinale treffen sie auf die Russen. Es ist ein vorzeitiges Gipfeltreffen der europäischen Hockeykultur, die sich hier in Helsinki gegen das rauere nordamerikanische Kraftspiel auf der ganzen Linie durchgesetzt hat: Die Kanadier (3:4 gegen die Slowaken) und die Amerikaner müssen bereits nach dem Viertelfinale heimfliegen.

Wie keine andere Hockeynation haben die Finnen die alte russische Kultur des Tempos und der Präzision im Kollektivspiel erneuert. Sie spielen wie Russen in blau-weiss.

Und nun hoffen sie alle, diese WM möge für Finnland nicht enden wie diese Filme von Aki Kaurismäki, dieses finnischen Obermelancholikers, der seine Zuschauer auf turbulente Stimmungsreisen durch Hochs und Tiefs schickt, die so oft in Abgründen enden.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leo Gafner am 18.05.2012 16:04 Report Diesen Beitrag melden

    Noch was..

    Ach ja, ich mag noch behaupten, dass wenn die Schweiz 3 Monate im Jahr Natureis hätte wie dies in Finnland oder Schweden der Fall ist, würde es nur 20-25 Jahre dauern und die Schweiz wäre absolut Top im Eishockey

    einklappen einklappen
  • Leo Gafner am 18.05.2012 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Kommentar

    Als Schweiz/Finnland Doppelbürger freut mich dies sehr. Es erfreut mich auch zu sehen, wie die Schweizer unter Simpson spielen, obwohl die Resultate dies nicht zeigten. Die Schweiz hat sehr professionelle Juniorenprogramme, mit professionellen Trainern sogar in kleineren Städten (z.B. Thun). Spielerisch können die Schweizer locker mit anderen europäischen Top Teams mithalten (u.a. Finnland, Slowakei und Tschechien), doch es scheint mir einzig, dass die Schweizer physisch einbisschen schwächer sind (Kraft und Geschwindigkeit).

    einklappen einklappen
  • Anti Alkohol am 17.05.2012 23:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibt es schon

    8,8 im denner ;-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Leo Gafner am 18.05.2012 16:04 Report Diesen Beitrag melden

    Noch was..

    Ach ja, ich mag noch behaupten, dass wenn die Schweiz 3 Monate im Jahr Natureis hätte wie dies in Finnland oder Schweden der Fall ist, würde es nur 20-25 Jahre dauern und die Schweiz wäre absolut Top im Eishockey

    • Guschti am 18.05.2012 18:53 Report Diesen Beitrag melden

      Ist ja ne Ewigkeit

      So lange?

    einklappen einklappen
  • Leo Gafner am 18.05.2012 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Kommentar

    Als Schweiz/Finnland Doppelbürger freut mich dies sehr. Es erfreut mich auch zu sehen, wie die Schweizer unter Simpson spielen, obwohl die Resultate dies nicht zeigten. Die Schweiz hat sehr professionelle Juniorenprogramme, mit professionellen Trainern sogar in kleineren Städten (z.B. Thun). Spielerisch können die Schweizer locker mit anderen europäischen Top Teams mithalten (u.a. Finnland, Slowakei und Tschechien), doch es scheint mir einzig, dass die Schweizer physisch einbisschen schwächer sind (Kraft und Geschwindigkeit).

    • Ida Scherrer am 18.05.2012 18:55 Report Diesen Beitrag melden

      Hyvä Suomi

      Ich bin zwar "nur Schweizerin" aber werde an der WM nun für Suomi die Daumen drücken.

    einklappen einklappen
  • Steafn Hügin am 18.05.2012 04:03 Report Diesen Beitrag melden

    Finndland herzens gewinner

    wer geil endlich wieder mal ein gewinne rin dem zu haben wi auch das turnier veranstalltet wird :)

  • Anti Alkohol am 17.05.2012 23:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibt es schon

    8,8 im denner ;-)

  • f.h. am 17.05.2012 22:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    8,8

    ein bier mit diesem namen gibts schon