«Time-out»

26. November 2010 07:25; Akt: 27.11.2010 16:59 Print

Die Hilflosigkeit des Einzelrichters

von Klaus Zaugg - Lukas Gerber kassiert für den Check gegen Jan Cadieux sieben Spielsperren. Der Entscheid ist richtig – und dokumentiert die Ohnmacht des Einzelrichters.

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Für das hinterhältige Foul an Jan Cadieux (Bild) erhält Lukas Gerber sieben Spielsperren. (Bild: Keystone)

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Mit ziemlicher Sicherheit gibt es keinen Eishockeyspieler, der seinen Gegenspieler mit einem Check absichtlich verletzten will. Das gilt auch für Freiburgs Lukas Gerber. Er ist einer der intelligentesten und besonnensten Spieler der Liga und alles andere als ein Bösewicht. Dass gerade ein Foul eines solchen Spielers so gravierende Folgen hat (Servettes Jan Cadieux hat eine schwere Gehirnerschütterung erlitten und fällt auf unbestimmte Zeit aus) zeigt die besondere Problematik des Eishockeys auf.

Umfrage
Braucht das Eishockey Regeländerungen, um die Spieler vor weiteren gravierenden Verletzungen zu schützen?
26 %
25 %
49 %
Insgesamt 842 Teilnehmer

In der archaischen Natur des Eishockeys ist der Körperangriff – anders als beispielsweise im Fussball – erlaubt. Die Einschüchterung durch Körperangriffe gehört sogar zur Strategie des Spiels und macht einen Teil seiner Faszination aus. Sogenannte «weiche» Spieler kommen nicht in den Meisterhimmel und nach wie vor haben «tough guys» und «bad Boys» – die harten, bösen Hunde also – in diesem Sport Kultstatus. Erst recht in Nordamerika. Vor einiger zeit hat der inzwischen verstorbene Bob Probert, einer der bösesten aller Zeiten, seine Autobiographie geschrieben («Tough Guy – my life on the edge»). Geadelt mit einem Vorwort von Steve Yzerman. Ein Bestseller. Schon die Urväter des Eishockeys ahnten, dass dies ein Problem ist. In den Urzeiten des europäischen Eishockeys war der Bodycheck nicht auf dem ganzen Eisfeld erlaubt.

Höhere Aufprallenergie

Die Spieler werden grösser, schwerer, kräftiger und schneller, die Coaches halten sie oft dazu an, die Checks «fertig zu machen» und die Aufprallenergie erhöht sich im Quadrat zum Tempo. Ob ein Angriff zu einer schweren Verletzung führt, hängt nicht nur vom Spieler ab, der checkt. Sondern auch vom Verhalten des Spielers, der angegriffen wird.

Richtigerweise beurteilt Einzelrichter Reto Steinmann primär das Verhalten des angreifenden Spielers. Jeder Spieler ist für die Folgen seiner Aktion verantwortlich und das muss so bleiben. Ein Fehlverhalten des angegriffenen Spielers, sei es durch ungeschickte Körperstellung oder Unaufmerksamkeit usw. – spielt nur in ganz seltenen, extremen Fällen eine Rolle. Auch das ist richtig.

Aber am Ende des Tages ist der Einzelrichter hilflos. Ob er sieben oder vierzehn Sperren ausspricht – das Problem kann er nicht lösen. Und auch dann, wenn die Spieler besser lernen, Checks aufzufangen, ist die Gefahr nicht gebannt. Auch wenn einer alles richtig macht, kann er durch einen Check schwere Verletzungen erleiden.

Nur Regeländerungen helfen

Wenn das Eishockey wieder sicherer werden soll, dann gibt es nur einen Weg: Regeländerungen. So wie der Strassenverkehr im Zeitalter der schnelleren Autos durch allerlei Regeln sicherer gemacht worden ist. Ein Verbot des Körperangriffes würde das Problem lösen – und dem Eishockey die Seele rauben und ist deshalb keine Option. Die Lösung ist also unendlich komplizierter. Gerade das Beispiel von «Null Toleranz» (die das Halten und Haken zum grössten Teil aus dem Spiel genommen hat) zeigt, wie heikel und eben auch unberechenbar Regeländerungen sind. «Null Toleranz» hat das Spiel beschleunigt und damit die Wucht der Checks und die Anzahl Gehirnerschütterungen erhöht.

Gefordert ist der Internationale Eishockey Verband (IIHF), der die Regelhoheit hat. An seinen Vertretern ist es, die Möglichkeiten zu prüfen, die sich durch Regeländerungen bzw. -verschärfungen ergeben. Auch die NHL arbeitet in diese Richtung und geht in dieser Saison rigoroser gegen «blindside hits» vor – also gegen Checks, die ein Spieler weder erwarten noch im Ansatz sehen kann, die ihn sozusagen von der «blinden Seite» her überraschen. Es ist der richtige Ansatz: Ein Spieler muss eine Chance haben, den Körperangriff parieren zu können.

Umdenken gefordert

Es zeichnet sich ab, dass es auch über das Regelwerk keine Patentlösung gibt. Vielmehr ist der Weg zu sichererem Eishockey auch ein Umdenken von Spielern und Coaches und Managern und damit ein langwieriger Prozess. Dass die TV-Kameras jede Aktion dokumentieren und dem Einzelrichter die Möglichkeit geben, Sperren zu verhängen, ist ein wichtiger Faktor, der dieses Umdenken fördert. Auch deshalb ist die Institution des Einzelrichters im Eishockey so wichtig. Und wir haben das Glück, mit Reto Steinmann für diesen Job den bestmöglichen Mann haben: Einen Juristen, der das Eishockey aus langjähriger Erfahrung auch aus der Sicht der NHL kennt. Denn wenn der Einzelrichter seine Arbeit nicht gut macht und in die Kritik gerät, geht es nicht mehr um die Sache (die Sicherheit des Eishockeys). Die Diskussion dreht sich dann nur noch darum, ob eine Strafe zu hart oder zu mild ist und nicht darum, wie die Situationen vermieden werden können, die zu einer Strafe geführt haben.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Born am 26.11.2010 11:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nein

    Zu folgender Aussage: "Mit ziemlicher Sicherheit gibt es keinen Eishockeyspieler, der seinen Gegenspieler mit einem Check absichtlich verletzten will." Falsch. Es ist tatsächlich so, dass einige Eishockeyspieler ihre Gegner absichtlich verletzen wollen. Ich selbst bin aus dem Eishockeybusiness und weis, was die Jungs denken. By the way bin ich der Meinung, dass es sich hier tatsächlich um Berufsrisiko handelt. Schliesslich kann man auch ohne Check unglücklich stürzen oder in die Bande knallen.

  • Urs Jordi am 26.11.2010 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    "Bestrafungen"

    Ein Ansatz wäre eine Regelung wie im Brazilien-JuJitsu (Kampfsport). Verletzt ein Kämpfer seinen Gegner, wird er solange von Wettkämpfen ausgeschlossen, bis dieser wider mitkämpfen kann.

    einklappen einklappen
  • SFC am 26.11.2010 09:00 Report Diesen Beitrag melden

    Probert

    "Soeben hat Bob Probert, einer der bösesten aller Zeiten, seine Autobiographie geschrieben" Soeben??? Bob Probert ist leider am 5. Juli 2010 verstorben... RIP

Die neusten Leser-Kommentare

  • moscabianca am 28.11.2010 09:39 Report Diesen Beitrag melden

    checks

    natürlich hat Zaugg mit den blindside Checks recht denn wenn du deinen Gegenspieler nicht siehts bzw wahrnimmst kannst du dich nicht schützen. doch Steinmann hat schon ein paar mal gezeigt dass er mit verschiedenen Ellen misst, z.b. war das Foul von Heins an Westrum, der evtl. nie mehr Eishockey spielen wird, ein Paradebeispiel für diese Regel, Westrum konnte Heins nicht sehen, für diese Aktion hätte Heins auch mindestens 7 Spiele gesperrt werden müssen.

  • Alyssa am 26.11.2010 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Makulatur

    alle Diskussionen um dieses Thema sind in der Schweiz hinfällig, da zuerst die mafiösen Verbändelungen von EVZ und HCD im Verband aufgebrochen werden müssen - erst dann gilt für alle der gleiche Massstab und ein entsprechend härteres Regelwerk kann auch durchgesetzt werden. Die Befangenheit des Einzelrichters ist inzwischen skandalös. Solange also wüste doppelhändige Stockschläge von Holden oder Ellbogenchecks gegen das Gesicht der Spieler durch Joggi nicht oder mit einer lächerlichen Spielsperre belegt werden, muss nicht über eine Verschärfung des Regelwerkes diskutiert werden..

  • Sven Henscher am 26.11.2010 15:59 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt keine Lösung!

    In der NHL gibt es praktisch keine solchen Fouls wie das von Gerber, weil die Spieler aufmerksamer sind. Trotzdem finde ich Gerber müsste mehrere Spiele zuschauen, jedoch nicht sieben. Mehr als 60% der Spielsperren in der NLA gehen in die Romandie. Da kann doch etwas nicht stimmen bei 2 von 12 Klubs! Und die Idee der Sperre solange der Spieler verletzt ist, funktioniert nicht. Dann würden verzichtbare Spieler die halbe Saison pausieren, nur damit von anderen Mannschaften Leistungsträger auf die Tribüne müssten.

  • Roger S am 26.11.2010 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Null tolleranz

    Ich bitte sie her Zaugg. Das wissen als auch wirklich allie, dass die Null tolleranz nicht angewendet wird. Das wurde mir von 2 NLA schiris schon bestätigt. Es ist bisschen strenger aber weeeeeeeeeit entfernt von Null tolleranz.

  • Dominik Künzli am 26.11.2010 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Strafen

    Schlussendlich geht es nur über den Strafenkatalog. Wieso wird Lukas Gerber nicht für 20 Spiele gesperrt? In der NHL sind Spieler auch schon für die ganze Saison (mit gleichzeitigem Lohnentzug) gesperrt worden. Das ist der einzige richtige Weg!