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31. Mai 2011 16:09; Akt: 01.06.2011 08:33 Print

Verrückteste Trainerwahl der Geschichte

Jakob «Köbi» Kölliker (57) wird neuer Nationaltrainer in Deutschland. Das ist so, wie wenn der brave Soldat Schwejk Kommandant einer deutschen Panzerdivison würde.

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Wird Köbi Kölliker tatsächlich Trainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft? (Bild: Keystone/AP)

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Die Wirren im Deutschen Eishockey sind legendär und der Grund dafür, warum die Schweiz (7.) in der Weltrangliste vor Deutschland (8.) steht. Die Liga (DEL) und der Verband (DEB) liefern sich so etwas wie einen „Dreissigjährigen Krieg“ und zwischendurch musste schon mal IIHF-Boss René Fasel nach Deutschland eilen um zu schlichten.

Schwierig wird es für die Deutschen in Zeiten des Erfolges. Jede gute WM trägt schon den Keim des Chaos und der Zwietracht in sich. Genau so ist es auch nach der WM 2011 in der Slowakei. Den historischen Erfolgen – erster WM-Sieg über Russland – folgt ein erbitterter Streit zwischen der Liga und dem Verband: Der erfolgreiche Nationaltrainer Uwe Krupp darf nicht bleiben. Weil die Liga ein Doppelmandat (Krupp wird neuer Hockeygeneral in Köln) nicht akzeptiert.

Kein zweiter Krueger

Deshalb wird nun Jakob «Köbi» Kölliker neuer Nationaltrainer der Deutschen. Der ehemalige Rekordinternationale (213 Länderspiele) ist der erfolgreichste Assistent unserer Hockeygeschichte. Jahrelang (2000 – 2009) die perfekte Nummer zwei hinter Nationaltrainer Ralph Krueger. Er ist ein Schüler von Krueger. Aber er ist alles andere als ein zweiter Krueger. Eher ist er im Wesen und Wirken das Gegenstück zum charismatischen Hockey-Leitwolf Krueger. Schlau wie der brave Soldat Schwejk, aber loyal und wie Inspektor Columbo immer wieder unterschätzt.

Aber kann sich der Seeländer als Deutscher Bundestrainer durchsetzen? Die Deutschen hatten in der neueren Geschichte nur mit charismatischen Bandengenerälen Erfolg: Mit Xaver Unsinn, bei dem alles einen Sinn machte, mit Hans Zach und nun zuletzt mit Stanley Cup-Sieger Uwe Krupp. Im Vergleich zu Unsinn, Zach und Krupp wirkt Kölliker wie der brave Soldat Schwejk.

Autorität und Charisma

Die Idee, Kölliker als «Wegwerf-Nationaltrainer» zu engagieren bis Ralph Krueger frei wird, ist auf den ersten Blick gut. Aber sie ist auf den zweiten Blick auch abenteuerlich. Köllikers Ernennung zum Nationaltrainer ist die verrückteste Trainer-Wahl der Hockeygeschichte.

Kölliker kennt zwar die Deutsche Sprache. Die Gänge und Läufe der Intrigen, das Wesen und Wirken der Funktionäre im Fuchsbau des Deutschen Eishockey kennt er nicht.

Was für Kölliker spricht: Mit seiner immensen Erfahrung aus 22 WM- und 5 Olympiaturnieren als Spieler oder Co-Trainer, mit seiner staatsmännischen Gelassenheit und seiner Schlauheit wird er alle Intrigen rund ums Team ignorieren und seinen Weg finden. Mehr Opportunist als Macher, wird er die Führung der Mannschaft den Alphatieren unter den Spielern überlassen.

Der Vergleich mit dem Soldaten Schwejk oder Inspektor Columbo ist zwar ein bisschen boshaft, aber durchaus treffend: Diese Figuren der Weltliteratur und Filmgeschichte meistern alle Situationen mit einer treuherzigen, stoischen Gelassenheit und eigensinniger Findigkeit. Schwejk sogar alle Gefahren im österreichischen Militärapparat.

Wenn der Puck Köbi Köllikers Weg geht, dann kann er in Deutschland erstaunliche Erfolge feiern. Aber wenn der Puck nicht seinen Weg gehen will, dann fehlten ihm Autorität und Charisma, um eine Krise zu meistern.

Für unser Hockey ist Köbi Köllikers Berufung zum Deutschen Bundestrainer ein grosser Erfolg. Er ist nach Ruedi Killias (Bundestrainer in Oesterreich) der zweite Schweizer, der in einem ausländischen Eishockeyverband eine wichtige Rolle übernehmen darf.