WM 2018 und 2022

03. Dezember 2010 14:51; Akt: 03.12.2010 14:59 Print

Fifa-Abstimmung – alles ungültig?

Die Würfel sind gefallen, Russland und Katar erhielten den WM-Zuschlag. Doch war die Wahl überhaupt regulär? Der Fifa droht ein juristisches Nachspiel.

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Schweiz. Geburtstag: 10. März 1936. Funktion: Präsident. Mitglied seit 1998. Die Geister scheiden sich an Blatter. Zum einen hat er die Fifa zu dem gemacht, was sie heute ist, zum anderen wird auch er immer wieder beschuldigt, dass Wahlen oder Endrundenvergaben nicht mit rechten Dingen abliefen. So wurde ihm Korruption bei den Fifa-Präsidentenwahlen 1998 und 2002 oder finanzielles Missmanagement im Bereich Marketing vorgeworfen. Alle Informationen: Argentinien. Geburtstag: 18. September 1931. Funktion: Senior-Vizepräsident. Mitglied seit 1988. CONMEBOL-Konföderation. Beruf: Geschäftsmann. Don Julio lebt nach dem Big-Man-Prinzip und ist Alleinherrscher über den argentinischen Fussballverband. Viktor Coco beschreibt ihn in seinem «Porträt des Grauens» folgendermassen: Bei seinen sieben Wiederwahlen gab es kurioserweise nur einmal einen Gegenkandidaten, welcher 1991 genau eine Stimme erhielt. Grondona ist an verschiedenen Konzernen beteiligt, welche am argentinischen Fussball kräftig mitverdienen. Journalisten, welche kritische Fragen stellten, wurden schon aus den Medien verbannt. Kamerun. Geburtstag: 9. August 1946. Funktion: Vizepräsident. Mitglied seit 1990. CAF-Konföderation. Beruf: Sportlehrer. Hayatou wird vorgeworfen, er habe 1995 100 000 französiche Franc in Bar kassiert. Der Kameruner wurde 2002 in der Kampfwahl um die Präsidentschaft von Blatter besiegt. Auch damals warf man ihm im Vorfeld Korruption vor. Gerüchteweise soll er persönlich Stimmen in Asien gekauft haben. Spanien. Geburtstag: 21. Januar 1950. Funktion: Vizepräsident. Mitglied seit 1998. UEFA-Konföderation. Beruf: Präsident spanischer Fussballverband. Dem gelernten Juristen und Chef der Fifa-Schiedsrichterkommission wurden des Öfteren unsaubere Machenschaften nachgesagt. Jüngste Verdachtsmomente ergeben sich aus der WM-Bewerbung 2018, die er gleich selbst leitet. Frankreich. Geburtstag: 21. Juni 1955. Funktion: Vizepräsident. Mitglied seit 2002. UEFA-Konföderation. Beruf: Uefa-Präsident. Platini ist Blatters Ziehsohn. Durch die Intervention des Wallisers wurde der ehemalige französische Weltfussballer 2007 Uefa-Präsident. Auch sein Verband ist mit einem Korruptionsskandal konfrontiert. Der zypriotische Funktionär Spyros Marangos behauptet, dass die EM 2012 für 11 Millionen Euro an die Ukraine und Polen «verkauft» wurde. Papua-Neuguinea. Geburtstag: 13. Juli 1962. Funktion: Vizepräsident. Mitglied seit 2011. Ozeanischen Fussball-Konföderation. Beruf: Präsident des papua-neuguineischen Fussballverbandes. Jordanien. Geburtstag: 23. Dezember 1975. Funktion: Vizepräsident. Mitglied seit 2011. AFC-Konföderation. Beruf: Präsident des joradnaischen Fussballverbandes. Bemerkung: Seit 1999 Präsident des jordanischen Fussballverbandes. Wurde 2011 in einer Kampfwahl vor Chung Mong-Joon in das Exekutivkomitee gewählt. Nordirland. Geburtstag: 21. März 1944. Funktion: Vizepräsident. Mitglied seit 2011. UEFA-Konföderation. Beruf: IFA-Präsident . Bemerkung: Ersetzte 2011 Jack Warner, der wegen Korruptionsvorwürfen abtrat. Cayman-Inseln. Geburtstag: 24. September 1964. Funktion: Vizepräsident. Mitglied seit 2011. Concacaf-Konföderation. Beruf: Concacaf- und Cifa-Präsident. Belgien. Geburtstag: 8. Dezember 1945. Mitglied seit 1998. UEFA-Konföderation. Beruf: Arzt. Der Belgier D'Hooge gilt als skandalfreier ruhiger Schaffer. Als expliziter Bekämpfer der Korruption ist er allerdings noch nicht aufgetreten. Einer seiner besten Kollegen ist IOC-Präsident Jacques Rogge. Türkei. Geburtstag: 18. September 1942. Mitglied seit 1996. UEFA-Konföderation. Beruf: Unternehmensberater. Erzik galt als Gefolgsmann von Blatters früherem Gegenspieler Lennart Johansson. Als Chef der Schiedsrichter-Kommission bei der WM 2002 in Japan und Südkorea stand er in der Kritik, weil Gastgeber Südkorea dank zahlreicher umstrittener Referee-Entscheide bis in die Halbfinals vorstiess. USA. Geburtstag: 26. April 1945. Mitglied seit 1996. CONCACAF-Konföderation. Beruf: Fussball-Funktionär. Blazer blockiert sämtliche Versuche, dass ein anderer Amerikaner im Weltfussballverband Fuss fasst. Er ist auch ein wichtiger Partner von Jack Warner. Die beiden wickeln zahlreiche gemeinsame Geschäfte in Steueroasen und Briefkastenfirmen in der Karibik ab. Thailand. Geburtstag: 29. November 1951. Mitglied seit 1997. AFC-Konföderation. Beruf: Generalsekretär thailändischer Fussballverband. Makudi tut vieles für Geld. Im Sommer 2000 - kurz vor der Vergabe der WM 2006 - überwies ihm eine Firma des deutschen Fernseh-Rechtehändlers Leo Kirch einen namhaften Betrag. Der Thailänder stimmte für Deutschland. WM-Bewerber wissen laut Insidern, was sie an Makudi haben. Paraguay. Geburtstag: 10. September 1928. Mitglied seit 1998. CONMEBOL-Konföderation. Beruf: Rechtsanwalt. Der Südamerikaner hat in einem früheren Bestechungsskandal mehrere Hunderttausend Franken kassiert. Er wurde dafür nie bestraft. Dank seinem Insiderwissen gehört er in der Fifa zu den Unantastbaren. Oft schmiedet er Allianzen mit Teixeira, Grondona und Warner. Die süd- und nordamerikanischen Stimmen helfen an den Kongressen letztlich Blatter. Zypern. Geburtstag: 28. November 1946. Mitglied seit 2007. UEFA-Konföderation. Beruf: Unternehmer. Lefkaritis ist ein «Hellseher». Er sagt vor allem bei der Uefa Wahlergebnisse ziemlich genau voraus. Dort baut er auf die kleinen Nationen und war eine wichtige Person für die Vergabe der Euro 2012 an Polen und die Ukraine. Bei der Fifa ist er nicht auf Geld angewiesen. Er hat als zypriotischer Geschäftsmann selbst genug davon. Elfenbeinküste. Geburtstag: 11. Dezember 1951. Mitglied seit 2007. CAF-Konföderation. Beruf: Finanzberater. Der Mann von der Elfenbeinküste gehört zur «Target Group» aller Schmiergeldzahler. Im Sommer musste er jedoch um sein Amt zittern. Weil die Ivorer an der WM die Vorrunde nicht überstanden, war sein Präsidentenamt im Verband der Elfenbeinküste sowie sein Fifa-Mandat in Gefahr. Guatemala. Geburtstag: 3. Dezember 1946. Mitglied seit 2007. CONCACAF-Konföderation. Beruf: Rechtsanwalt. Salguero ist der «Ziehsohn» von Warner. Befiehlt ihm dieser etwas, tut er es. Andernfalls verschwindet der Mann aus Guatemala wieder aus dem Exekutivkomitee. Seine Stimme zählt jedoch bei der WM-Vergabe auch und daher ist Salguero finanziell ein interessanter Mann. Ägypten. Geburtstag: 14. August 1953. Mitglied seit 2009. CAF-Konföderation. Beruf: Geschäftsmann. Rida gilt als empfänglich für jegliche Art von Wohltat. Gemäss Aussage von Blatter repräsentiert der Geschäftsmann in der Fifa «die ägyptische Kultur». Rida gehört jedoch zur Gruppe von Bin Hammam, die dem Schweizer Präsidenten nicht immer lieb ist. Russland. Geburtstag: 8. Dezember 1958. Mitglied seit 2008. UEFA-Konföderation. Beruf: Sportminister Russland. Mutko ist ein enger Vertrauter von Russlands Premier Wladimir Putin. Dennoch musste er in diesem Jahr den Posten als Präsident des russischen Fussballverbandes auf Intervention von Staatspräsident Dmitri Medwedew räumen. Politische Entscheide werden von der Fifa generell geahndet. Dieser Fall blieb aber unbestraft. Weil Russland Bewerber für die WM 2018 ist, wittern die Fifa und ihre Funktionäre das grosse Geschäft. Sri Lanka. Geburtstag: 13. Oktober 1949. Funktion: Exekutivkomitee-Mitglied. Mitglied seit 2011. AFC-Konföderation. Beruf: Geschäftsmann. Algerien. Geburtstag: 1946. Funktion: Exekutivkomitee-Mitglied. Mitglied seit 2011. CAF-Konföderation. Brasilien. 5. Funktion: Exekutivkomitee-Mitglied. Mitglied seit 2012. Conmebol-Konföderation. China. Geburtstag: 9. Februar 1952. Funktion: Exekutivkomitee-Mitglied. Mitglied seit 2011. AFC-Konföderation. Bemerkung: Ersetzte Mohamed bin Hammam als AFC-Präsident und im Exektuvikomitee nach dessen Korruptionsvorwürfen. Burundi. Geburtstag: 20. April 1967. Funktion: Exektutivkomitee-Mitlglied. Mitglied seit 2012. CAF-Konföderation. Seit Mai 2012 die erste Frau im Exekutiv-Komitee der Fifa. Deutschland. Geburtstag: 6. Juni 1945. Funktion: Exekutivkomitee-Mitglied. Mitglied seit 2011. UEFA-Konföderation. Beruf: Präsident des DFB.

Die Mitglieder des 24-köpfigen Exekutivrats und ihre Verbindungen.

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Sie boten ihre Stimmen für die Vergabe der Weltmeisterschaften 2022 zum Verkauf an – und wurden dabei von der der «Sunday Times» gefilmt: Reynald Temarii und Amos Adamu. Die Fifa konnte nicht anders und suspendierte die beiden Fifa-Exekutivmitglieder. Statt 24 Mitglieder wählten am Donnerstag nur deren 22 die neuen WM-Veranstalter – und das kann Folgen haben.

Tremarii wurde nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» nicht wie versprochen bis zum 28. November schriftlich über seine Suspendierung informiert. Ein gefundenes Fressen für dessen Anwältin Geraldine Lisieur, die darin die Verletzung des Anhörungsrechts erkennt: «Das Risiko der Fifa ist, dass ihr WM-Votum unwirksam sein könnte, wenn wir dem juristischen Prozedere folgen und der Sportgerichtshof CAS am Ende die Suspendierung aufheben sollte», sagte sie gegenüber dem deutschen Qualitätsblatt. Weniger freundlich ausgedrückt: Die Wahl vom Donnerstag wäre irregulär, weil Tremarii hätte teilnehmen dürfen.

Laut dem Frankfurter Sportrechtler Nicolas Rössler wäre auch die Tatsache anfechtbar, dass am Donnerstag nur 22 Exekutivmitglieder abgestimmt haben. Das sagte er gegenüber dem deutschen Sport-Informationsdienst. In den Fifa-Statuten werden in Artikel 30 eindeutig 24 Stimmberechtigte vorgeschrieben. Auch das wäre ein Fall für den internationalen Sportgerichtshof in Lausanne.

Dass nach der demonstrativen Abstrafung Englands ein Land rechtliche Schritte gegen die Fifa unternimmt, ist kaum anzunehmen – der Schuss ginge wohl nach hinten los. Und dass die Fifa für das Problem Tremarii eine stille Lösung im Sinne aller finden kann, hat sie in der Vergangenheit wiederholt bewiesen.

(tog)