Investoren-Knatsch

29. Juli 2011 21:01; Akt: 29.07.2011 23:15 Print

Xamax und die Parallelen zum «Fall Wil»

von Philipp Reich - In Neuenburg sorgt der neue Xamax-Besitzer Bulat Tschagajew für viel Unmut. Ähnliches erlebte 2003/04 der FC Wil, als Igor Belanow mit dem damaligen Super-League-Klub grosse Pläne hatte.

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Igor Belanow (r.) sorgte 2003 beim FC Wil für viel Unruhe. (Bild: Keystone)

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Fast kein Tag vergeht derzeit ohne Negativschlagzeilen über den Super-League-Verein Neuchâtel Xamax und dessen tschetschenischen Klubbesitzer Bulat Tschagajew. In Neuenburg sind seit der Machtübernahme des milliardenschweren Investors Entlassungen, Wutausbrüche, wirre Anschuldigungen, skurrile Auftritte und träumerische Zukunftsvorstellungen an der Tagesordnung. Die Unruhe wächst: Wohin soll die Herrschaft Tschagajews den Klub führen, fragen sich die Fans und Freunde des Westschweizer Traditionsklubs.

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Wie das ganze Theater um Xamax enden könnte, zeigt ein Blick in die Super-League-Geschichte. Schon einmal übernahm ein Investor aus einem Nachfolgestaat der ehemaligen Sowjetunion die Macht bei einem Schweizer Spitzenverein. Die Parallelen zum Fall Xamax sind unverkennbar.

Im September 2003 stieg Igor Belanow, ehemaliger sowjetischer Nationalspieler und Fussballer Europas 1986, beim FC Wil ein. Der Ukrainer übernahm zusammen mit einigen Investoren im Hintergrund für 1,15 Millionen Franken 51 Prozent der Klubaktien und schoss 300 000 Franken in den Verein ein.

Wie Tschagajew in Neuenburg mistete Belanow in Wil schon kurz nach seinem «Amtsantritt» kräftig aus. Beinahe die komplette Vereinsführung musste ihre Schreibtische räumen. Mit Alexander Sawarow setzte er einen Landsmann und ehemaligen Kameraden aus der sowjetischen Nationalmannschaft als neuen Cheftrainer ein. Der Uefa-Cup wurde als offizielles Saisonziel definiert.

Russenmafia und Geldwäsche?

In Wil beobachtete man das Geschehen beim damaligen Tabellenletzten der Super League mit viel Misstrauen. Sofort tauchten Gerüchte auf, die Russenmafia habe die Finger mit im Spiel und wolle den Verein zur Geldwäsche benutzen. «Bitte, liebe Schweizer, habt keine Angst vor uns. Wir sind bloss hierhergekommen, um Fussball zu spielen, um hier zu arbeiten, um zu investieren», versuchte Belanow die Ängste der Wiler Bevölkerung zu beschwichtigen. Auch Wil-Präsident Roger Bigger verteidigte die ukrainischen Investoren und bezeichnete die Vorwürfe als völlig haltlos.

Doch Bigger, der den Deal mit den Ukrainern eingefädelt hatte, unterschätzte die Probleme. Die unterschiedlichen Mentalitäten waren nicht unter einen Hut zu bringen, und so verkrachte sich die Schweizer Fraktion in der Vereinsführung schnell mit den ukrainischen Geldgebern, auch weil sich die finanzielle Situation trotz der Investoren nicht verbesserte. Im November und Dezember 2003 wurden die Löhne nicht mehr ausbezahlt. Topstürmer Mauro Lustrinelli, dessen Wohnungsmiete der Verein bezahlte, wäre beinahe auf der Strasse gelandet, wenn der Verein nicht im letzten Moment das nötige Geld überwiesen hätte.

Trainerwechsel im Monatstakt

Kurz danach kam heraus, dass Trainer Sawarow die Uefa-Pro-Lizenz nicht besass. Der Intimus von Belanow wurde kurzerhand zum Sportchef umfunktioniert, als Trainer wurde Ex-DDR-Natinoalspieler Joachim Müller eingesetzt. Ruhe kehrte beim FC Wil aber nicht ein, im Gegenteil. Die ersten Sponsoren sprangen nach den dauernden Negativmeldungen ab und nach nur einem Spiel der Rückrunde warf Müller das Handtuch. Es soll Unstimmigkeiten zwischen ihm und Belanow gegeben haben. Doch es war klar, dass Müller nur als Belanows Marionette fungierte. Auf dem Platz übernahm Tomas Matejcek im Februar 2004 das Kommando. Die Spieler beklagten sich aber schon kurz darauf über dessen extreme Trainingsmethoden und beschwerten sich bei Belanow. Der Ukrainer entliess Matejcek nach nur einem Monat und holte wieder Joachim Müller.

Auch hinter den Kulissen brodelte es weiter. Sechs Mitglieder des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung gaben ihren Rücktritt bekannt. Mangelnde Kommunikation und ein fragwürdiger Führungstil wurden Belanow, der mittlerweile das Amt des Vertwaltungsratspräsidenten übernommen hatte, vorgeworfen. Der Ukrainer gab sich uneinsichtig und betonte immer wieder, dass er dem Klub helfen wolle. Dass die Leute mit seiner Mentalität nicht zurechtkämen, sei nicht seine Schuld. Die Verhältnisse waren total zerrüttet und das Geld fehlte nach wie vor an allen Ecken und Enden.

Bigger gewinnt Machtkampf - Belanow geht leer aus

Ende März folgte dann der Höhepunkt des Matchkampfes zwischen der Schweizer Fraktion in der Klubführung und Belanow. Mit dem Einreichen einer provisorischen Nachlassstundung übernahmen Bigger & Co. wieder das operative Geschäft beim FC Wil. Belanow erklärte sich einverstanden, da er beim drohenden Konkurs alles verloren hätte. So konnte der Ukrainer wenigstens noch einen Teil seiner Investitionen retten.

Noch hielt Belanow zwar die 51 Prozent der Aktien der FC Wil AG, doch die Papiere waren mit dem Einreichen der Nachlassstundung wertlos geworden. Der Ukrainer kehrte dem FC Wil den Rücken und die Lage beruhigte sich wieder. Noch in derselben Saison feierten die Wiler mit dem Cupsieg den grössten Erfolg der Vereinsgeschichte, doch der Abstieg aus der Super League konnte allerdings nicht mehr verhindert werden. Mit dem Geld der ukrainischen Investoren hatte sich der FC Wil aber saniert - der grosse Gewinner hiess Roger Bigger.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • K-Man am 29.07.2011 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    Unterschied

    Der Unterschied: Der Xamax-Besitzer hat wirklich viel Geld.

  • Housi am 29.07.2011 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    Na ja...

    DER Titel ist heiss!

  • K.Sch am 29.07.2011 22:46 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Geld

    Nur hat Tschagajew einiges mehr Geld bei Xamax reingebumpt (jetziger stand ca. 30 Mio.). und wenn er jetzt ein bisschen Geduld mit Spieler und Trainer hat sehe ich eigentlich gar nicht schwarz für xamax. Spanischer Trainer zu vielen Spanischen Spieler das könnte gut kommen und wenn das Vertrauen vom Chef da ist sehe ich xamax in den Top 5

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bruno Hochuli am 30.07.2011 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Und die Noten sind wieder sauber

    Der beste Ort um Schwarzgeld zu waschen. Wer will den diesen Herren etwas beweisen? etwa die Bundesanwaltschaft?

  • K.Sch am 29.07.2011 22:46 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Geld

    Nur hat Tschagajew einiges mehr Geld bei Xamax reingebumpt (jetziger stand ca. 30 Mio.). und wenn er jetzt ein bisschen Geduld mit Spieler und Trainer hat sehe ich eigentlich gar nicht schwarz für xamax. Spanischer Trainer zu vielen Spanischen Spieler das könnte gut kommen und wenn das Vertrauen vom Chef da ist sehe ich xamax in den Top 5

    • Roger Frei am 30.07.2011 09:25 Report Diesen Beitrag melden

      Mehr Geld

      Das könnte genau eintreffen , aber ob der Präsident die Zeit dem verein und sich selbst gibt !

    • Petter Z. am 30.07.2011 09:34 Report Diesen Beitrag melden

      Geldwäsche, was sonst?

      Und es spielt für dich offenbar keine rolle, dass da ganz offensichtlich Geldwäsche betrieben wird? Auch ohne Beweise auf den tisch zu legen, Dieser Mann hat sein Vermögen nicht auf legalem Weg gemacht. Da ist er allerdings nicht der einzige in dieser Weltgegend.

    • Simon am 01.08.2011 17:43 Report Diesen Beitrag melden

      Geldwäsche?

      "Ganz offensichtlich Geldwäsche"? Wo ist denn das offensichtliche? Glauben eigentlich alle das es so einfach ist? Die Xamax S.A. ist börsenkotiert und untersteht auch einigen Gesetzten. Um ein paar Millionen reinzuwaschen gibt es bedetutend einfachere und weniger medienwirksame Methoden als einen Fussballverein zu kaufen.

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  • Housi am 29.07.2011 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    Na ja...

    DER Titel ist heiss!

  • K-Man am 29.07.2011 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    Unterschied

    Der Unterschied: Der Xamax-Besitzer hat wirklich viel Geld.