«Time-Out»

07. November 2011 11:04; Akt: 07.11.2011 13:18 Print

«Berner Mafia» oder Recht und Ordnung?

von Klaus Zaugg - Sven Leuenberger attackierte nach dem Spiel SC Bern gegen Zug den Schiedsrichter verbal heftig. Nach dem Ausraster des SCB-Sportchefs darf die Liga nicht zur Tagesordnung übergehen.

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Sven Leuenberger rastete aus und beschimpfte den Schiedsrichter. (Bild: Keystone/AP)

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Das höchste Gut im Mannschaftssport ist die Autorität der Schiedsrichter. Nur so lassen sich im Spielbetrieb Ruhe, Ordnung und die Einhaltung der Spielregeln durchsetzen.

In der NHL ist es für einen Coach oder einen Manager einfacher, ins «Oval Office» zu US-Präsident Barack Obama vorzudringen, als auch nur in den Vorraum einer Schiedsrichter-Kabine zu gelangen. Jede Kritik der Manager, Coaches oder Spieler am Schiedsrichter wird harsch bestraft. Die Leistungen der Unparteiischen sind nach unseren Massstäben bis auf ein paar Ausnahmen mittelmässig bis ungenügend. Aber die Autorität der NHL-Spielleiter ist absolut und ihr Ansehen hoch. Weil sich kein Coach und kein Spieler je abschätzige Gesten gegen einen Schiri-Entscheid erlaubt. Der samstägliche Ausraster von Sven Leuenberger würde in der NHL mindestens 50 000 Dollar Busse und eine Suspendierung von mehreren Monaten nach sich ziehen.

Der schwere Stand der Schweizer Schiedsrichter

Bei uns sind die Schiedsrichter viel mehr der Kritik der Spieler, der Trainer, der Manager und der Journalisten ausgesetzt. Das ist mit ein Grund, warum das Publikum aggressiver auf Schiedsrichterentscheide reagiert. In keiner anderen wichtigen Liga der Welt hat sich ein so lockeres Verhältnis zwischen Schiedsrichtern, Managern und Trainern entwickelt wie in der Schweiz: Es kommt immer wieder vor, dass ein Coach oder ein Sportchef schon unmittelbar nach dem Spiel mit dem Headschiedsrichter ins Gespräch kommt. Auch dann, wenn er nicht zufrieden ist. Es gibt ein Beispiel aus dieser Saison, das diese Kultur treffend illustriert: Langnaus Trainer John Fust ist nach der 1:4-Niederlage gegen den EV Zug frustriert und als er nach Spielschluss im Kabinengang erfährt, dass sein Captain Pascal Pelletier nach der Schlusssirene eine Spieldauerdisziplinarstrafe eingefangen hat, wird er zornig. Er geht schnurstracks zur Schiedsrichtergarderobe, klopft an – und es kommt nicht zum Eklat. Vielmehr diskutiert er den Fall hochanständig mit Head Nadir Mandioni.

Nähe zu den Schiedsrichtern kann riskant sein

Wir haben die besten Schiedsrichter ausserhalb der NHL. Unsere Spitzenrefs gehören zu den besten der Welt. Sie kamen an der letzten WM im Finale zum Einsatz. Die hohe Qualität ist auch das Produkt dieser engen und offenen Zusammenarbeit. Schiedsrichterchef Reto Bertolotti geht mit der Duldung dieser im Welteishockey einmaligen Nähe zwischen Schiedsrichtern, Coaches und Managern auch ein Risiko ein. Um diese einmalige Kultur zu schützen, sind Respekt und Anstand sehr wichtig und es braucht eine klare Linie: Wer eine gewisse Grenze überschreitet, muss hart bestraft werden. Erst recht, wenn es prominente Vertreter von mächtigen Grossklubs sind.

Es geht nicht nur um die Frage, ob SCB-Sportchef Sven Leuenberger für seine samstägliche Schiedsrichterbeschimpfung bestraft wird oder nicht. Es geht um viel mehr: Nämlich darum, ob die Liga gewillt ist, die Autorität unserer Schiedsrichter zu schützen und Respekt und Anstand einzufordern.

Leuenbergers Ausraster

Leuenberger hatte Head Danny Kurmann nach dem Spiel SC Bern gegen Zug (4:3 nach Penalties) verbal heftig attackiert. Zuerst warf er ihm vor «Sch…» gepfiffen zu haben und als Kurmann sich in die Kabine verzog, schrie er ihm nach «Du huere W…» (das Wort, das mit «x» oder mit «ch» geschrieben werden kann). Schiedsrichterchef Reto Bertolotti vermochte den tobenden SCB-Sportchef schliesslich ins alte SCB-Trainerbüro zu verfrachten und halbwegs zu beruhigen (20 Minuten Online berichtete). Leuenbergers Ausraster ist umso unverständlicher, weil Kurmann in der kritisierten Szene richtig entschieden hatte und der SCB die Partie gewonnen hatte. Was haben die Schiedsrichter im PostFinance-Tempel nach einer verlorenen Playoff-Partie zu erwarten, wenn jetzt die Nerven schon blank liegen?

Sowohl Bertolotti als auch Kurmann haben zum Vorfall Rapport an die Liga-Führung gemacht. Bertolotti wie Kurmann erklären, den «W…» nicht gehört zu haben. Kurmann schildert die Szene so: «Sven Leuenberger hat mir ins Gesicht gesagt, ich hätte «Sch…» gepfiffen. Ich bin offen für ein klärendes Gespräch, aber das ging zu weit.» Den «W…» habe er nicht gehört. «Ich habe mich nach dem Zwischenfall in die Kabine zurückgezogen.»

Mafiöse Machenschaften in Bern?

Wenn der «W…» nicht im Rapport auftaucht (obwohl es zahlreiche Zeugen gibt), dann geht es aber immer noch darum, was «Sch...» kostet. Oder funktioniert gar die «Berner Mafia»? Scheuen Bertolotti und Kurmann die Konfrontation mit dem mächtigsten Hockeyunternehmen im Lande? «Berner Mafia» oder Recht und Ordnung? Solche Fragen sind polemisch. Aber genau solche Fragen stellen sich die Manager und Coaches bei der Konkurrenz. Vor allem jene, die schon wegen Auseinandersetzungen mit den Schiedsrichtern gebüsst worden sind, wie zum Beispiel Chris McSorley.

Die Rapporte von Reto Bertolotti und Danny Kurmann gehen an die Liga-Führung, die bei Einzelrichter Reto Steinmann ein Verfahren beantragen kann – oder eben auch nicht. Der neue Liga-Chef Ueli Schwarz ist ehemaliger SCB-Sportchef und Trainer. Sein Stellvertreter Patrick Reber, ehemaliger SCB-Kommunikationschef, und Liga-Spielplangeneral Willi Vögtlin, ehemaliger SCB-Manager. Wenn die Liga Leuenbergers Schiedsrichterbeschimpfung hinnimmt und zum Alltag übergeht, darf keiner mehr Chris McSorley zürnen oder gar über Paranoia spotten, wenn sich der Servette-General über ein «Berner Mafia» ärgert. Zumal sich SCB-General Marc Lüthi gegenüber 20 Minuten Online gänzlich uneinsichtig zeigt: «Sven Leuenberger ist ein emotionaler Typ. Er hat sich sonst zu 99 Prozent im Griff. Sein Verhalten hat intern keinerlei Konsequenzen. Ich kann ihn nach dieser Schiedsrichterleistung verstehen.»

Im SCB-Management gibt es beunruhigende Anzeichen von Grössenwahn und Respektlosigkeit. Weil man offenbar davon ausgeht, dass alles erlaubt ist: Einen Trainer spontan nach einem Spiel zu feuern oder die Schiedsrichter im Beisein von Medienvertretern und Funktionären auf üble Weise zu beschimpfen.