NHL-Rookie Diaz

24. Oktober 2011 08:06; Akt: 24.10.2011 08:08 Print

«Damien Brunner ist der nächste NHL-Schweizer»

von Jürg Federer, Montreal - Raphael Diaz glaubt, dass er zum richtigen Zeitpunkt von Zug in die NHL gewechselt hat. Was er seither in Montreal erlebt, erzählt er im Interview mit 20 Minuten Online.

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Raphael Diaz adelt Zugs Damien Brunner. (Bild: Keystone/AP)

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20 Minuten Online: Raphael Diaz, sind Sie überrascht, dass Sie heute in Montreal spielen und nicht in Hamilton in der AHL?
Raphael Diaz:
Ja, ich bin komplett überrascht. Ich habe mich zu einem Jahr mit einem Zweiwegvertrag in der NHL entschieden, weil ich für mich herausfinden wollte, ob ich das Zeug dazu habe, in der NHL zu spielen. Dass es so schnell gehen würde, hätte ich niemals gedacht.

Was hat Sie erwartet, als Sie vor zwei Monaten nach Montreal gereist sind?
Eine komplett neue Erfahrung. In der Schweiz weiss man, wenn man die Saisonvorbereitung mit dem Klub in Angriff nimmt, dass man beim Saisonstart auch in der Meisterschaft spielen wird. In Montreal waren wir drei Mannschaften, die ins Trainingcamp eingeladen wurden, nur jeder dritte hat alle Kaderschnitte auch überstanden.

Weshalb gibt es diese Situation in der Schweiz nicht?
Die Schweiz hat zuwenig Topspieler.

Spielen deshalb bis heute nur wenige Schweizer in der NHL?
Ich glaube, dass die Schweiz sehr viele gute Eishockeyspieler hat. Der Grund, dass nur wenige in der NHL spielen ist, dass die Rollenverteilung in der NHL viel mehr Bedeutung hat als in der Schweiz. Ein kreativer Stürmer wird in Nordamerika nur in den ersten beiden Linien eingesetzt. Will sich ein kreativ spielender Schweizer in der NHL durchsetzen, muss er besser sein als die Hälfte seiner Mannschaft.

Was Sie sagen gilt vor allem für die Stürmer.
Ja, in der Verteidigung sind die Rollen anders verteilt.

Glauben Sie, dass der Zuger Stürmer Damien Brunner einen Platz in der NHL finden wird?
Ich habe drei Jahre mit Damien zusammengespielt und er ist ein aussergewöhnlich talentierter Stürmer. Ich glaube, dass er nächstes Jahr in Nordamerika spielen wird.

Haben Sie sich im Sommer Muskeln antrainiert, um in der NHL zu bestehen?
Darauf wurde ich schon oft angesprochen. Ich habe keine Muskeln zugelegt, weil ich mich mit meinen 87 kg Körpergewicht wohl fühle. Wäre ich 95 kg schwer, würde das nicht meinem Spielstil entsprechen.

Ihr Spielstil ist in Nordamerika gefragt aber die Gegenspieler sind grösser und schwerer. Haben Sie da keine Nachteile?
Meine Stärke ist das Schlittschuhlaufen, das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff und mein Spiel mit dem Puck. Dafür brauche ich kein Muskelprotz zu sein.

Worin liegen die grössten Unterschiede zwischen Zug und Montreal?
Der EV Zug ist eine sehr professionelle Organisation aber Montreal ist noch professioneller. Wir haben fünf Materialwarte, die sich um uns kümmern. Ich muss nie darauf achten, ob meine Schlittschuhe geschliffen sind, das geschieht wie von Geisterhand.

Und zwischen der NHL und der NLA?
Im direkten Zug zum Tor. Die Stürmer, gegen die ich verteidige, kommen mit vollem Tempo und oft ziehen sie zu zweit vors Tor. Wenn ich mich da nicht wehre, versuchen sie mich durch das Tor hindurch zu checken.

Ihr Headcoach sagt, dass Sie der beste Montreal-Verteidiger sind, wenn es darum geht, den Puck vors Tor zu bringen.
Hat er das wirklich gesagt?

Ja, er sagt aber auch, dass Ihr Defensivspiel eine Schwäche sei. Etwas mehr Muskeln würden also nicht schaden.
Ich denke nicht, dass es Muskeln sind, die mir helfen, sondern das Lernen, in der NHL zu spielen. Ich habe noch so viele Schweizer Angewohnheiten in mir, die kleben mir richtiggehend an den Füssen. Nach acht Jahren in der Schweiz ist das auch verständlich, aber jetzt will ich mir diese «Mödeli» so schnell wie möglich abgewöhnen.

Wer begleitet Sie auf diesem Weg?
Ich erhalte viel Rückmeldungen von meinem Assistenztrainer (Randy Ladouceur, Anm. d. Red.), ich lerne viel von Hal Gill und ich schaue in jeder Situation, was andere Verteidiger tun. Das mache ich im Training, im Spiel und auch am TV.

Haben Sie sich früher mit der NHL auseinandergesetzt?
Ich habe manchmal die Zusammenfassungen am TV geschaut, für mehr Studium der NHL gab es keinen Grund, ich hätte nie erwartet, dass die NHL für mich jemals zum Thema würde.

Haben Sie nie davon geträumt, in der NHL zu spielen?
Ich habe grundsätzlich nie Pläne für meine Karriere geschmiedet, weil die sowieso immer schief laufen. Ich habe bisher immer versucht, im Moment das beste für mein Team zu tun. Bis zum letzten Frühling war das der EV Zug, nun sind es die Montreal Canadiens. Ich habe also, bevor die Canadiens im Sommer meinen Agenten kontaktiert haben, nie an die NHL gedacht.

Wer ausser Ihnen ist verantwortlich für ihre Entwicklung?
Da müsste ich ganz viele Coaches und Mitspieler erwähnen. Einer, der meine Karriere sicher geprägt hat, ist Gaëtan Voisard. Als ich im Alter von 17 Jahren in die NLA gekommen bin, war er mein erster Verteidigungspartner. Von ihm habe ich viel gelernt, heute ist er mein Spieleragent.

Weshalb hat es acht NLA-Jahre gebraucht, bis Sie einen NHL-Vertrag erhalten haben?
Ich glaube, weil ich erst im Alter von 25 Jahren reif für die NHL war. Ich habe in Zug bis zum Schluss dazugelernt. Es gibt Spieler wie Luca Sbisa oder Yannick Weber, die schon als Junioren nach Nordamerika gehen. Sie haben das nordamerikanische Eishockey von Grund auf gelernt. Und dann gibt es Spieler wie mich, die zuerst in der Schweiz lernen und dann den Schritt wagen. Ich glaube, dass ich in meiner Karriere den perfekten Zeitpunkt für den Wechsel gefunden habe.

Yannick Weber ist heute Ihr direkter Konkurrent um einen Platz in der Verteidigung der Montreal Canadiens.
Das stimmt und trotzdem sind wir gute Kollegen. Im Moment spielen wir ja beide in der NHL, das ist doch super für das Schweizer Eishockey.

Tut die Konkurrenzsituation Eurer Freundschaft wirklich keinen Abbruch?
Ich habe in den letzten zwei Monaten so viel Konkurrenz erlebt, da ist es egal, dass einer davon Schweizer ist. Ich habe mich schon meine ganze Karriere nur auf das konzentriert, was ich beeinflussen kann. Wie Weber spielt und was der Coach davon hält, gehört nicht dazu. Ich fokussiere mich auf meine Fortschritte und trainiere, um meine Schwächen zu beheben. Der Rest ist nicht unter meiner Kontrolle.

Vergleichen Sie einmal Doug Shedden mit Jacques Martin
(lacht) Shedden ist so, wie Du ihn auf der Bank siehst. Er ist impulsiv, enthusiastisch und emotional. Aber er ist auch ein grosser Fachmann, der seine Emotionen nur deshalb so auslebt, weil er will, dass Du besser wirst.

Und Jacques Martin?
Auch er ist so, wie Du ihn erlebst. Martin ist ruhiger als Shedden, er spricht nicht viel. Angepeitscht werde ich von ihm aber auch regelmässig.

Sie haben am Dienstag das erste Tor erzielt. Sind Sie nun in der NHL angekommen?
Ein Tor ist eine schöne Sache. Aber was zählt ist, dass wir als Mannschaft verlieren. Wir müssen einen Weg finden, als Team wieder zu gewinnen.

Und sind Sie nun in der NHL angekommen?
Nein ich muss noch ganz viel lernen. Mein Job ist es, Tore zu verhindern, so helfe ich dem Team am meisten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simon Kaiser am 24.10.2011 11:25 Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Hoffentlich kann Diaz auch nach dem die Verletzten (Markov, Campoli etc.) zurück sind weiterhin im Team bleiben. Momentan verlieren sie ja so ziemlich alles...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Simon Kaiser am 24.10.2011 11:25 Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Hoffentlich kann Diaz auch nach dem die Verletzten (Markov, Campoli etc.) zurück sind weiterhin im Team bleiben. Momentan verlieren sie ja so ziemlich alles...